Lasst Bibi arbeiten

July 23, 2009
Yoel Marcus zur Lage in Israel

Es ist an der Zeit, mit dem unsinnigen Test der «ersten 100 Tage im Amt» aufzuhören. Das Konzept stammt von US-Präsident Franklin D. Roosevelts Erfolg bei der Verabschiedung der Gesetzgebung zur Lösung der Wirtschaftskrise von 1929 her. Lange vorher dauerte es 100 Tage von Napoleons Flucht von der Insel Elba zurück nach Paris bis zu seiner Entmachtung. John F. Kennedy, Amerikas Hoffnung, stolperte kurz nach seiner Wahl in die misslungene militärische Attacke auf die kubanische Schweinebucht.

100 Tage sind bedeutungslos. Niemand erwartete von David Ben Gurion, Israels Unabhängigkeit in 100 Tagen zu deklarieren oder in den 100 Tagen danach irgendetwas Konkretes zu erreichen. Ohne die Tage zu zählen, haben wir gute und schlechte Führer gehabt. Dalia Itzik musste keine 100 Tage warten, um verkünden zu können, Binyamin Netanyahu könne «ausgequetscht und zerstossen» werden. Die Medien schliesslich vermitteln auch kein realistisches Bild von Netanyahus Performance in seinen ersten 100 Tagen im Amt.

Man kann unmöglich vom Auftreten des Premierministers sprechen, ohne sich auf eine Erscheinung namens Sara  – Netanyahus Frau – zu konzentrieren, welche die Medien unglaublich stark beschäftigt. Normalerweise wird der klassische Kampf in jüdischen Familien zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter ausgefochten. In Netanyahus Familie hat Sara laut den Klatschkolumnisten das letzte Wort. Sie mischt sich in Ernennungen und sogar in die Politik ein. Gerüchte wollen wissen, dass es in Netanyahus erster Kadenz ein schriftliches Abkommen zwischen den beiden gab, wonach er sie zu jedem Anlass mitnehmen musste. Nach der grossen Niederlage verschwand sie von der Szene.

Mit seinem Wahlsieg kehrte Sara zurück und soll bei seinen Nominierungen mitreden. Ein Witz bezüglich der Arbeitsverteilung in Familie Netanyahu hört sich etwa wie folgt an: Der 100-jährige Vater ist zuständig für die Ideologie, die Gattin dagegen für die Besetzung des Büros. Und da seine Leute mit Problemen der Glaubwürdigkeit zu kämpfen haben, postierte man seinen unlängst rekrutierten Sohn in die Einheit des Armeesprechers. Für wen sollte das Getue rund um Sara überhaupt eine Rolle spielen?

In Israel haben nur wenige Frauen von Politikern ihre Gatten dominiert. Paula Ben Gurion war recht aggressiv und pflegte den Militärsekretär ihres Gatten ebenso wie seinen Mitarbeiter Yitzchak Navon zu schelten. Und den Verfasser dieser Zeilen beehrte sie mit dem Titel «phlegmatisch», weil er es versäumt hatte, an irgendeinem Empfang zu erscheinen. Shimon Peres’ Beziehungen zu seiner Frau Sonia sind ebenfalls Gegenstand von Gerüchten. Kürzlich soll sie ihren Mädchennamen wieder angenommen haben, dem Vernehmen nach, um dafür zu sorgen, dass sie auch im Jenseits nicht zusammen sein werden.

100 Tage oder nicht, mit oder ohne Sara – die Wahrheit ist, dass Netanyahu Farbe auf die Wangen des Likud zurückgebracht hat. Die Erhöhung der Mandats-Zahl seiner Partei von 12 auf 27 ist ein präzedenzloser Erfolg. Die Arbeitspartei dagegen ist nur noch einen Hauch davon entfernt, zu einem Semikolon im staatlichen Funktionsapparat zu werden. Kadima hat zwar den Vorteil, ein Knessetmandat mehr zu besitzen, doch ist es Netanyahu gelungen, eine stabile Regierung zu bilden, die nicht abhängig ist von den Launen Einzelner. Sogar Avigdor Lieberman und Benny Begin sind zu braven Lämmern geworden.

Die Medien überschlagen sich fast mit Geschichten über die Vorgänge unter den Beratern, den Sprechern und den Sekretärinnen im Büro des Premiers. Nicht nur, dass es zu viele Minister gibt, einige meinen auch, die Dutzenden von persönlichen Assistenten rängen miteinander darum, wer was macht und wer wichtiger als der andere ist. David Ben Gurion, dessen Hinterlassenschaft die Gründung des Staates und die Führung des Unabhängigkeitskriegs einschliesst, verfügte über etwa ein halbes Dutzend Assistenten, einen militärischen Sekretär, einen Sekretär für Aussenpolitik und eine Handvoll Schreiberinnen. Je weniger «historisch» eine Führungsperson ist, umso mehr Assistenten hat sie. Sowohl die Vertrauensleute Itzhak Rabins als auch jene Ehud Baraks fochten Kriege untereinander aus.

Das alles ist aber trivial. Netanyahu ist zu einer Zeit an der Macht, da der Staat eine der schicksalhaftesten Kreuzungen in seinem Leben passieren muss. Er ist in einen präzedenzlosen Konflikt mit einem amerikanischen Präsidenten verwickelt, der keine besonderen Liebe für die Juden demonstriert. Eine Quelle im Umfeld des Sonderbotschafters George Mitchell soll unlängst gesagt haben, Barack Obama sei nicht George W. Bush, und wenn Israel ihm in den Schritten, die er anführt, nicht zur Seite stehen würde, würde es dem Staat zwar nicht unmittelbar schaden, doch gelange er dann auch nicht in den Genuss des Sonderstatus, der für Israel bislang so wichtig war. Das sind bedeutsame Worte. Noch nie stand ein israelischer Premierminister unter einem so massiven Druck, wie Netanyahu ihn zurzeit von Obama erfährt.
 
Netanyahu hat eine funktionsfähige Regierung gebildet, die nötigenfalls noch durch Kadima gestärkt werden kann. Die ideologische Bewegung, die er anführt, unterscheidet sich von Schritten früherer Regierungen. Legt man ihm Hindernisse in den Weg, wird er nicht reüssieren. Wenn wir ihn nicht arbeiten lassen, werden wir nie wissen, welchen Netanyahu wir vor uns haben. Wir können ihn für das Abweichen von einer politischen oder ideologischen Linie kritisieren, doch sollten wir nicht am Saum seiner Jacke zerren und sollten ihn nicht belästigen. Lasst ihn arbeiten.    

Yoel Marcus ist Redaktor bei «Haaretz».