Land ohne Verfassung
Wertedissonanzen. Die Kluft zwischen Juden in und ausserhalb von Israel wird grösser – gerade wenn es um Israel selbst geht. Zusehends geht es nicht um die heterogene Meinungsvielfalt unter Jüdinnen und Juden, sondern um eine grundlegende Verschiebung der Wertesysteme. Zuletzt zeigten unter anderem die Debatten um den New Israel Fund, um den Goldstone-Bericht, den Zwist zwischen Israel und den USA, Diskussionen um Siedlungen und Siedler (tachles berichtete jeweils), dass die verschiedenen Positionen schon am Ausgangspunkt der Debatte keinen gemeinsamen Nenner mehr haben, sondern oft diametral entgegengesetzte Ansichten vertreten. Immer öfter (vgl. auch S. 11) revidiert Israels Oberster Gerichtshof politische Entscheidungen und mahnt die Einhaltung von Grundrechten an, während die Politik mit dem Argument der Sicherheit viele Diskussionen im Keime erstickt oder Lösungsansätze verunmöglicht.
Mahnruf. Genau vor 30 Jahren publizierte der israelische Historiker Jacob Talmon von der Hebräischen Universität Jerusalem einen offenen Brief an den damaligen Ministerpräsidenten Menachem Begin. Der Mahnruf «Vaterland in Gefahr» wurde zum testamentarischen Vermächtnis des orthodoxen Geschichtsprofessors, der drei Monate später im Sommer 1980 verstarb. In seinem Text konstatiert Talmon, wie sein Kollege Jeshajahu Leibowitz ebenso den «gesellschaftlichen Zerfall», die «Zersetzung der Rechtsordnung» Israels und die «Massenemigration» jüdischer Eliten ins Ausland. Er ist getrieben von der Sorge um Israels Zukunft: «Indem wir uns ausschliesslich auf das Militärische konzentrieren, verlieren wir die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes aus den Augen, deren Lösung eine Vorbedingung zu einer wahrhaft effektiven Militärmacht wäre. So haben wir auf dem Schlachtfeld gewonnen, ohne stark genug zu sein, den Gegner zu zwingen, mit uns Frieden zu schliessen.» Und er kommt zu einer interessanten rhetorischen Frage, die vielleicht mehr Antworten in sich enthält, als vielen lieb ist: «Oder handelt es sich um eine Folge eines typischen jüdischen Charakterzugs, der von uns vielleicht auch den anderen monotheistischen Religionen mitgegeben worden ist, nämlich des Bedürfnisses, sich im Rahmen eines asketischen und ritualistischen Lebens einer vollkommenen Idee zu unterwerfen, anstatt in der Art der Griechen ein Leben im Jetzt und Hier zu führen, alle Möglichkeiten, welche Natur und Leben bieten, auszuschöpfen, um Körper und Seele zu befriedigen und den Geist zu erweitern?» Talmon, einer der bedeutendsten Historiker seiner Zeit, Erforscher des Totalitarismus und der nationalstaatlichen Entwicklung, ist weder links noch rechts, er ist praktizierend orthodox und tritt als Wissenschaftler für einen säkularen Staat und eine rechtsstaatliche Demokratie der Gleichberechtigung aller Bürgerinnen und Bürger ein. Er tut dies aus jüdischer Überzeugung und Erfahrung und formuliert einen Kodex der Gleichberechtigung, da alles andere zum Scheitern verurteilt sei. «Je mehr Zeit vergeht, desto weiter schreitet die Polarisierung des einen und des anderen Lagers und mit ihr die Spaltung im israelischen Lager selbst. Es wächst die Gefahr eines Bürgerkriegs zwischen Juden und Arabern – und zwischen Juden und Juden.»
Demokratie. Talmons Zeilen sind aktueller denn je. Die Sorge um Israel sieht sich mit neuen Bedrohungsszenarien konfrontiert, die geopolitische Situation in der Region ändert sich schlagartig, der islamistische Totalitarismus oder atomare Terrorismus werden virulenter und Premier Netanyahu kündigt, wie einst Begin, den Bau neuer Siedlungen in Ostjerusalem an und vergrämt noch Israels letzte Verbündete. Doch das Déjà-vu lässt die Tatsache verkennen, dass die Diskrepanz in der Region zwischen Religion und dem von Talmon benannten griechischen Lebensprinzip eine gefährliche neue Kluft zwischen Gläubigen und Säkularen auf allen Seiten etabliert. Und er kommt anekdotisch zum Schluss: «Einer der grössten orthodoxen Rabbiner Amerikas sagte mir, er kenne ausser der Klagemauer in Israel keinen authentischen heiligen Ort.» Die jüdische Debatte war nie Selbstzweck, sondern Selbstverständnis. Heute wäre eine solche Auseinandersetzung nötig. Die Fragen über Grundrechte, die Trennung von Staat und Religion, die Rolle theokratischer Parteien, die Stellung und Einhaltung des Völkerrechts sollte nun anlässlich des 150. Geburtstages von Theodor Herzl (vgl. S. 20) und von Jom Haazmaut diskutiert werden. Israel, seine Bürgerinnen und Bürger brauchen eine Verfassung. Dann werden auch die Kluften kleiner.