Land der Gesetzlosigkeit

Von Jacques Ungar, August 26, 2011
Die jüngsten Terrorakte nördlich von Eilat beleuchten eine zusehends komplexer werdende Situation: Die Beduinen auf der Sinaihalbinsel anerkennen die Autorität von Familie und Stamm, fühlen sich aber nicht als Untertanen irgendeines Staates. Dass der Sinai sich immer mehr zur Insel der Gesetzlosigkeit entwickelt, spielt ihnen in die Hand.
HEIKLE LAGE IM SINAI Die rund 350 000 Beduinen betrachten sich nicht als Angehörige irgendeines Staates

Abgesehen von sicherheitspolitischen Aspekten erinnern die Terrorakte von letzter Woche unweit von Eilat auf beiden Seiten der israelisch-ägyptischen Grenze unmissverständlich an das seit Jahrzehnten existierende Hauptproblem auf der Sinaihalbinsel: Schon lange vor dem Sturz Hosni Mubaraks war klar, dass die rund 350 000 sich in den Weiten des Sinais verlierenden Beduinen sich nicht als Angehörige irgendeines Staates betrachten. Vielmehr sind dort die Familie und der Stammesverband die bestimmenden Grössen für alle Entscheidungen. «Die Stammesgesetze haben viel mehr Gewicht als die Gesetze eines Staates», meinte Mordechai Kedar, Arabienspezialist an der Bar-Ilan-Universität, diese Woche vor Auslandsjournalisten in Jerusalem. Kedar, der 25 Jahre in der militärischen Abwehr der israelischen Armee gedient hatte, nennt den Sinai ein «Land der Gesetzlosigkeit» und führt als drastisches Beispiel ins Feld, dass auch heute noch Mädchen und Frauen, die nach Ansicht der Stammesführer die Familien­ehre verletzt haben, erbarmungslos ermordet werden. Ins gleiche Kapitel gehört für ihn die Tatsache, dass Gewalttäter bis hin zu Terroristen bei Beduinen im Sinai Unterschlupf finden; wer einen «Bruder» an die Behörden ausliefert, gilt als Verräter. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich heute im Sinai Hunderte, vielleicht schon Tausende von Jihadisten völlig ungehindert tummeln können. Ein eventuelles Vorgehen der ägyptischen Streitkräfte erschweren diese Terroristen dadurch, dass sie oft ägyptische Militäruniformen tragen.

Problem für die Wirtschaft

Für Ägypten bedeutet diese Situation nicht zuletzt ein echtes Wirtschaftsproblem. Das fängt beim Tourismus an, der auf dem Sinai mehr und mehr zum Erliegen kommt. Das gilt insbesondere für die Touristen aus Israel, die langsam anfangen, den Reisewarnungen der eigenen Anti-Terror-Behörden Gehör zu schenken. Wo sich noch vor wenigen Jahren Zehntausende von Israeli an den Stränden des Sinai zu vergnügten, kann man heute diese Gäste an einer Hand, im besten Fall an zwei Händen abzählen.
Neben dem Tourismus sind aber auch die ägyptischen Erdgasexporte zusehends gefährdet. Die wahrscheinlich von den genannten Beduinen in den letzten Monaten verübten fünf Anschläge auf die Gas nach Israel und Jordanien führende Pipeline belegen dies unmissverständlich. Die Ironie besteht darin, dass zwischen Vertretern Kairos und den Beduinen Verhandlungen über die Eindämmung der Angriffe auf die Pipeline stattfinden. Angestrebt wird ein Schutz der Pipeline – vor den Beduinen. Diese können sich also gleich zweifach schadlos halten: Einmal, indem sie sich von den Ägyptern für ihr «Wohlverhalten» belohnen lassen, dann aber, indem sie sich von den Auftraggebern aus der Terrorszene den nächsten Angriff auf die Pipeline, der nur eine Frage der Zeit ist, fürstlich bezahlen lassen. Wie verschlungen die Wege in den Dünen und Felsschluchten des Sinai sein können, lässt sich auch daran ablesen, dass libysche Rebellen der Hamas in den Gazastreifen geschmuggelte Waffen verkaufen, wobei nach Ansicht von Experten iranische Gelder für die Abwicklung dieser Transaktionen benutzt werden.

In der Zwickmühle

Die Jihadisten sind, wie Kedar unterstreicht, gegen die Errichtung eines Palästinenserstaates in der Westbank und im Gazastreifen, da ein solches Gebilde Israel eine Art «internationaler Versicherungspolice» verleihen würde. Die Gründung eines solchen «Teilstaats» wäre für die mit al-Qaida alliierten Jihadisten eine Katastrophe, da sie ihr Ziel, einen islamischen Staat «vom Meer bis zum Jordanfluss», weiter wegrücken wenn nicht gar verunmöglichen würde. Die Hamas befindet sich laut Kedar in einem spezifischen Dilemma. An sich würde die Bewegung am liebsten den Jihad, den heiligen Krieg, mit aller Kraft fortführen, doch ist sie vor einigen Jahren zur Regierungsmacht geworden, die bereits über Institutionen wie Justiz und Armee verfügt. Die Zwickmühle der Hamas gelangt etwa dadurch zum Ausdruck, dass Iran seine Finanzhilfe an die Organisation vorübergehend eingestellt hat, weil die Hamas für den Geschmack der Teheraner Leitung Assads Syrien (das Trojanische Pferd der Iraner im Nahen Osten) nicht genügend überzeugend unterstützt. Die Jihadisten drängen die Hamas in gleicher Weise an die Wand wie die Hamas es vor rund 20 Jahren mit der Palästinensischen Behörde getan hat. Iran wiederum würde am liebsten einen Krieg oder zumindest einen Unruheherd zwischen Israel und Ägypten entzünden, doch das würde die Aufmerksamkeit der Welt von Syrien in den Sinai ablenken, was aus Teheraner Sicht unerwünscht ist. Aber immerhin macht Iran keinen Hehl aus seiner Ablehnung der Aktivitäten, die Mahmoud Abbas und seine Palästinensische Behörde am Hauptsitz der Uno entfalten. Auch Israel spielt da nicht mit, will man doch keine zusätzliche Kriegsfront. Zudem ist Israel dagegen, dass sich die internationale Aufmerksamkeit von Syrien in den Sinai verschiebt.
Die Jihadisten können sich überall entfalten, wo Gesetzlosigkeit regiert, wie eben im Nordsinai. So betrachtet läge eine Unterstützung der ägyptischen
Entwicklungspläne durch Jerusalem im ureigensten israelischen Interesse. So logisch das auch klingen mag: Die Wirklichkeit im Nahen Osten ist vielschichtig und oft widersprüchlich. Es kann also durchaus sein, dass Israel die Bemühungen Kairos im Sinai nicht oder nur partiell unterstützen und sich damit langfristig ins eigene Bein schiessen wird. Doch wer denkt im Nahen Osten schon langfristig?