Kunst als Wertanlage
Der Kunstmarkt boomt. Mit zeitgenössischer Kunst wurden etwa in New York kürzlich wieder Rekordpreise erzielt. So verkaufte das Auktionshaus Phillips de Pury den frühen Siebdruck «Men in Her Life» von Andy Warhol für über 63 Millionen Dollar. «Der Markt ist wieder sehr solid mit durchs Band guten Resultaten», zitierte die «Sonntags-Zeitung» Simon de Pury, den Vorsitzenden von Phillips de Pury, vergangene Woche. «Gerade jetzt, wo Unsicherheit und Inflationsangst herrschen, entdecken Leute, die noch nie Sammler gewesen sind, Kunst als Alternative», so de Pury weiter. Auch der Inhaber von Ketterer Kunst in Deutschland, Robert Ketterer, an dessen letzter Auktion sich beachtliche 41 Prozent neue Käufer beteiligten, ist der Meinung, dass sich Kunst als gefragte Form der Anlage mehr denn je durchgesetzt hat.
Mögliche Gründe
Auch der internationale Kunstmarkt hat das Krisenjahr 2009 zwar teilweise zu spüren bekommen, alles in allem blieb der Absatz jedoch relativ konstant oder wurde gar noch gesteigert. Gründe für dieses Hoch sieht Claudia Steinfels, Leiterin des renommierten Auktionshauses Sotheby’s in Zürich, «in der Internationalität – oder nennen wir es Globalisierung – des Marktes und einhergehend mit einem enormen Interesse, welches Kunst in den letzten Jahren in allen Weltregionen und bei neuen Sammlergruppen erfahren hat.» Auch der Schweizer Filmregisseur, Produzent, Verleiher und passionierte Sammler Thomas Koerfer sieht ähnliche Gründe für den Boom, steht der Entwicklung aber auch kritisch gegenüber: «Die berechtigte Skepsis gegenüber den Finanzmärkten lässt Menschen mehr und mehr, und dies manchmal auch wieder etwas leichtsinnig, in Sachwerte investieren. Viele verkennen, dass es bei Kunst nicht nur um die Namen der Künstler geht, sondern um deren gute Werke, wenn Werterhalt oder möglicherweise Wertsteigerung ein Ziel des Sammelns ist.»
Der berühmte Kunstmäzen Werner Merzbacher sieht mannigfaltige Gründe für den heutigen Boom auf dem Kunstmarkt. Für viele Investoren sei es sicher wichtig, dass die Zinsen zurzeit derart tief seien, dass es sich nicht lohne, in Obligationen und Sparbüchlein zu investieren: «Das ist einer der Hauptgründe, warum die Aktienmärkte sich in letzter Zeit derart erholt haben. Die gleichen Gründe motivieren sicher auch einen Teil der Kunstinvestitionen. Dabei wird auch in Betracht gezogen, dass sich Investitionen in gute Kunst auch über die letzten vielen Jahre gelohnt haben.» Kunstmarktexpertin Marion Maneker vom in New York ansässigen Art Market Monitor schliesst sich dem an und ergänzt, dass sicherlich auch das Hervortreten einer Gruppe wohlhabender Personen rund um den Globus, welche ein gemeinsames Kunstinteresse und die Angst vor einer Inflation teilt, sowie der Mangel an lohnenden anderen Investitionsmöglichkeiten den Boom auf dem Kunstmarkt puschen. Maneker geht weiter davon aus, dass das Hoch auf dem Kunstmarkt so lange anhält, wie die Zinsen tief bleiben.
Die Motivation zum Sammeln
Eine Investition in Kunst erfordert jedoch mehr als nur das nötige Kleingeld. Kunst hat bekanntlich nicht nur einen Marktwert, sondern auch einen Aussage-, Kunst- und Emotionswert. Ohne gutes Auge, gute Beratung und eine gewisse Bildung kann eine Investition schnell auch beträchtliche Verluste bringen. Renommierte Sammler kaufen denn auch aus Leidenschaft und Überzeugung und nicht aus rein ökonomischen Überlegungen. «Wenn mir ein Bild oder eine Skulptur gefiel und ich sie mir leisten konnte, dann entschied ich mich dafür ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Erwägungen, selbst ob ich den Preis gerechtfertigt fand oder nicht», so Werner Merzbacher in einem Vortrag von 2009.
Auch für Thomas Koerfer sind es nicht die finanziellen Aspekte, die ihn zum Sammeln animieren. «Die Motivation des Sammelns liegt zuerst einmal darin, mit prägnanten Bildern die Welt zu reflektieren und das Privileg zu haben, mit diesen Bildern zu leben, sie zu jeder Tages- und Nachtzeit anschauen zu können. Dass Kunst werthaltig sein kann, dass Werte auch stark steigen können, hat sich über das Sammeln eingestellt, war aber nicht die Absicht», betont er gegenüber tachles. Auch für Claudia Steinfels ist der ideelle Wert unverzichtbar und untrennbar mit dem Objekt verbunden. Sie ergänzt jedoch: «Dass der Preis bei einem qualitativ hochwertigen und raren Gut auch eine entscheidende Rolle spielt, versteht sich von selbst. Es gilt beim Kunstkauf, die Spreu vom Weizen zu trennen.»
Das unverzichtbare Auge
Um auch Investoren ohne Sachwissen und entsprechender Leidenschaft die Kunst als lohnende Anlage zugänglich zu machen, haben Grossbanken wie die UBS oder die Deutsche Bank schon vor mehreren Jahren Services für Kunstberatung eingerichtet. Sie hatten direkten Kontakt zu finanzstarken Anlegern und konnten diese in Fragen von Kunstinvestionen beraten. Die UBS hat diesen Dienst jedoch bereits letztes Jahr eingestellt und die Deutsche Bank hat ihn dieses Jahr beträchtlich gebündelt. Ein anderer Service, der sich hingegen momentan grosser Beliebtheit erfreut, ist die Bereitstellung von Kunstkrediten, sogenanntes Art Lending. Diesen Service bietet neben der Bank of America, der Citibank und der Deutschen Bank auch etwa Sotheby’s an.
Die Investition in Kunst als Wertanlage erfordert jedoch trotz Beratung und Unterstützung einen gewissen Mut zum Risiko. Objektive Kriterien für eine Qualitätsbeurteilung «guter Kunst» gibt es nicht, der Kunstmarkt ist eher intransparent und der Durchbruch eines Künstlers ist nicht garantiert. Ein gutes Auge und das nötige Feingefühl bleiben daher unverzichtbar, um das Sammeln von Kunst als Investment betreiben zu können. Auf die Frage, ob er nach einer gewissen Strategie sammle, antwortete Thomas Koerfer denn auch: «Ich sammle nach drei Kriterien: gute Werke, gute Werke, gute Werke.»