Kulturgeschichte beschreiten

von Yves Kugelmann, May 28, 2009
Zur Eröffnung des jüdischen Kulturwegs in den aargauischen «Judendörfern».
GESCHICHTE FASSBAR MACHEN Initiant Roy Oppenheim und alt Bundesrätin Ruth Dreifuss

Bereits der Eröffnungsakt hatte Symbolkraft. Die Dorfkapelle empfing die Gästeschar am sonnigen Auffahrtsnachmittag vor der Lengnauer Synagoge mit dem eigens komponierten Ruth-Dreifuss-Marsch. In ihren Eröffnungsreden bekräftigen die politischen Vertreter der beiden Gemeinden nicht nur die Verbindungen zwischen Lengnau und Endingen sondern auch zwischen Juden und Christen. Und diese Verbindung ist nun sozusagen symbolisch für jede und jeden über 21 Stationen begehbar.
Die beiden Ammänner Lukas Keller und Kurt Schmid brachten die binäre Kulturarbeit so auf den Punkt: «Die Eröffnung des Jüdischen Kulturweges setzt Zeichen von kultureller und politischer Bedeutung. Wir, in Lengnau und Endingen – der Wiege des schweizerischen Judentums – sind geradezu legitimiert und haben die Verpflichtung, auf Werte wie Verständigung, Achtung und Toleranz hinzuweisen. Selbstdarsteller, Scharfmacher und Lobbyisten beherrschen vielerorts die tägliche Agenda und die Pressespalten. Sie tragen wenig zum Weltfrieden und zum friedlichen Nebeneinander von Staaten, Religionen und Gesellschaften bei. Der Jüdische Kulturweg bildet einen Kontrast und setzt auf Vermittlung und historische Auseinandersetzung.»

Eine vielfältige Geschichte

Die beiden «Judendörfer» des Kanton Aargau waren Ende des 18. Jahrhunderts die einzigen Ortschaften in der Schweiz, wo sich Juden dauernd niederlassen und eigene Gemeinden gründen durften. Die beiden Dörfer Endingen und Lengnau spiegeln seit Ende des 17. Jahrhundert bis in das 20. Jahrhundert hinein die vielfältige Geschichte der Schweizer Juden (vgl. S. 6). So begegnen den Besuchern auf dem Weg Symbole für Ausgrenzung, für Emanzipation und für Gleichberechtigung. Im Zentrum stehen die beiden Synagogen, rituelle Tauchbäder, Schul- und Wohnhäuser mit separaten Türen für Christen und Juden sowie der jüdische Friedhof zwischen beiden Dörfern. Der Weg wird flankiert von Orientierungs- und Informationstafeln, die ein ausgewiesenes Team von Historikern und Helfern in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Heimatschutz zeitgemäss aufbereitet haben.

Kultur der Gemeinsamkeit

Der Lengnauer Publizist und Mitinitiant Roy Oppenheim erinnerte an die Geschichte der Orte, an Familien aus der Region wie Meyer, Guggenheim oder Wyler, die in die weite Welt ausstrahlten, und plädierte für eine Kultur der Gemeinsamkeit. Alt Bundesrätin Ruth Dreifuss liess Charles Lewinskys Roman «Melnitz» in ihrer Ansprache nochmals lebendig werden und zeigte die Bedeutung des Erbes dieser Orte auf. Beschlossen wurde der Nachmittag mit der Einweihung der Stelle auf Lengnaus Dorfplatz und dem spontanen Auftritt des Jakar-Chors aus Israel.