Kultur, Politik und Klischees
Kultur. Mit der Eröffnung des Kulturfestivals Culturescapes am kommenden Mittwoch beginnt einer der kulturellen Höhepunkte dieses Herbstes in der Schweiz – zahlreiche namhafte israelische Künstlerinnen und Künstler werden im Laufe des Festivals in Basel und ande-ren Schweizer Städten erwartet (vgl. S. 24). Die Verantwortlichen des Kulturfestivals, an dem sich zahlreiche Institutionen wie auch das Theater oder das Literaturhaus Basel beteiligen, möchten einen regen Beitrag zur Völkerverständigung beisteuern. Sämtliche Formen von Kultur und Kunst – wie Musik, Theater, Tanz, Literatur, Film,
bildende Kunst, Kunst mit neuen Medien sowie akademischer Austausch – sollen gepflegt und der Dialog gefördert werden. Das
Festival wird aber bereits im Vorfeld kritisiert – für seine Wahl des Gastlandes Israel. Anders als vor einem Jahr, als China im Mittelpunkt von Culturescapes stand, oder als die Türkei 2008 in Basel zu Gast war, wird heute bereits zum Widerstand aufgerufen, bevor die ersten israelischen Künstler in der Schweiz eingetroffen sind.
Politik. Sobald es um Israel geht, kochen die Emotionen hoch. Politik und Kultur werden miteinander vermischt – auch wenn sie im Falle von anderen Ländern offenbar voneinander losgelöst betrachtet werden können. Die Kraft von Kultur und die Macht der Kreativität von Kulturschaffenden scheinen plötzlich verschwindend klein; sie können den ideologischen Debatten, die sowohl von Seiten der Gegner wie von Seiten der Verteidiger geführt werden, offenbar kaum standhalten. Der Fall Culturescapes zeigt exemplarisch, dass die Kultur, um die es einzig und allein gehen soll, in den Hintergrund gedrängt wird. Der Anlass wird von allen Seiten instrumentalisiert und für politische Anliegen missbraucht – in einem Herbst, der ohnehin aufgeheizt ist, denkt man an die Proteste in Israel und Nahost, an die bevorstehende Generalversammlung der Uno und das 10-Jahr-Jubiläum der Weltkonferenz gegen Rassismus («Durban III»), die – aus anderen Gründen – bereits von zahlreichen Ländern wie Deutschland oder Israel boykottiert wird.
Klischee. Wenn es um Israel geht, so wird – wie im aktuellen Fall – die Ratio ausgeblendet, und zahlreiche selbsternannte Experten nutzen das Land als Projektionsfläche für ihre Anliegen. Israelfreunde wie -feinde debattieren auf dem Rücken der Kulturschaffenden. Diese werden plötzlich von den Israelkritikern wie der BDS-Bewegung dazu aufgerufen, sich für «ein Ende der Beihilfe zu Menschenrechtsverletzungen einzusetzen». Auch die Festivalbesucher, an sich allein in ihrem Interesse für Kultur vereint, werden kollektiv in die Pflicht genommen, indem betont wird, dass sie als «Bürgerinnen und Bürger der westlichen Länder moralisch dazu verpflichtet sind, ihren Beitrag zu leisten, die Komplizenschaft ihrer Regierungen bei israelischen Verbrechen zu beenden». Ein offener Dialog und ein Austausch der unterschiedlichen Kulturen werden so erschwert und in den Hintergrund gedrängt. Wenn das Interesse an der Kultur des anderen Landes – in diesem Falle eben Israel – aber ein echtes Anliegen und ein Bedürfnis ist, so lohnt es sich, abseits von allen ideologischen und politischen Diskussionen für die Kultur einzustehen und sich nicht beirren zu lassen von lauten Stimmen auf beiden Seiten. Nur so ist es möglich, sich ein eigenes Bild des jeweils anderen Landes zu machen und sich ein Urteil zu bilden.