Künstlerkolonien an der Riviera

Von Katja Behling, April 27, 2009
Frankreich war bis zum Kriegsausbruch das wichtigste europäische Aufnahmeland für deutsche Emigranten. Die südfranzösische Küstenregion fungierte als Sammelpunkt für die vertriebenen Kulturschaffenden.
FRANZÖSISCHE RIVIERA Bis zum Ausbruch des Krieges lebten und arbeiteten hier unzählige Exil-Künstler

Der 1942 gedrehte Kinoklassiker «Casablanca» mit Ingrid Bergman und Humphrey Bogart in den Hauptrollen hat dem während des Zweiten Weltkrieges existierenden südeuropäischen Flüchtlingskorridor ein – und das vielleicht bekannteste – Denkmal gesetzt: Die westlichen Alliierten waren im November 1942 in Französisch-Nordafrika gelandet, worauf deutsche Truppen in den bis dahin noch unbesetzten Teil Frankreichs einmarschierten. US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill kamen im Januar 1943 zu ihrer historischen Konferenz in der marokkanischen Hafenstadt Casablanca zusammen. An dem Treffen nahm auch der französische General Charles de Gaulle teil, der 1940 nach der deutschen Besetzung von Paris in London eine Exilregierung gebildet und den Krieg auf britischer Seite fortgesetzt hatte. Durch die in Casablanca getroffene Übereinkunft der alliierten Staatsoberhäupter, bis zur «bedingungslosen Kapitulation» der Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan weiterkämpfen zu wollen, um die deutsche Vormachtstellung zu brechen, nahmen sowohl die Härte des Krieges als auch der deutsche Widerstandswille zu. In Frankreich hatten die Widerstandsgruppen – Résistance und andere – seit 1940, dem Jahr, in dem die deutschen Truppen einmarschiert waren und die mit dem Deutschen Reich sympathisierende Regierung des Marschalls Pétain ihren Sitz nach Vichy verlegt hatte, ihren Kampf gegen die Besatzer und Kollaborateure aufgenommen und intensiviert.   
Um diese Zeit kam der Spielfilm «Casablanca» in die Kinos. Mit einer für eine Hollywood-Romanze erstaunlich anspielungsreichen, politisch brisanten Handlung: Der Streifen fängt die Brisanz der Zeit ein, wenn im Film ein Flüchtling von der französischen Polizei vor einem Plakat, das den Marschall Pétain zeigt, erschossen wird, wenn ein französischer Capitaine Renault am Schluss eine Flasche Vichy-Mineralwasser in den Papierkorb wirft, wenn Rick erlebt, wie seine grosse Liebe, die er beim Einmarsch Hitlers in Paris verlor, nach Casablanca entkommen konnte, und wenn gegen Ende in «Rick’s Café» ein Sängerstreit unter den Gästen entbrennt und die Patrioten und Emigranten mit der Marseillaise die deutschen Besetzer gleichsam an die Wand singen. Hinzu kommt, dass gerade in diesem Film viele Rollen mit emigrierten Schauspielern besetzt wurden, somit wirkliche Flüchtlinge die Flüchtlinge im Film spielen. «Casablanca» ist, so schrieb Hellmuth Karasek in seinem Buch «Mein Kino», mithin in vielerlei Hinsicht ein «Film über die Leiden der Emigration» – besonders in Südeuropa während des Zweiten Weltkrieges.

Künstlerexil Frankreich

Die flüchtenden Opfer der NS-Politik, die sich in Casablanca – im Film wie in der Realität – versammelten, warteten zumeist auf die rettende Schiffspassage über den grossen Teich. Und das Ausgangsland war zumeist Frankreich. Für viele war das Land nur der Wartesaal bis zur erhofften Rückkehr nach Deutschland oder Österreich, andere wollten sich auf Dauer dort niederlassen, eine weitere Gruppe sah Frankreich als Etappe auf einem längeren Fluchtweg – dessen Endziel meist Amerika hiess. Ab 1933 hatte sich die Côte d‘Azur zunehmend zu einem Sammelpunkt für Exilanten gewandelt. Die jüdische Kunstsammlerin Peggy Guggenheim gehörte zu denen, die ihre Ressourcen – Geld, Beziehungen – nutzten, und etwa Max Ernst half, aus Europa wegzukommen. Guggenheim setzte sich auch für den jüdischen Künstler Victor Brauner ein, der sich als Hirte verkleidet in den Bergen versteckte, «und sie fuhr nach Marseille, um sich beim Flüchtlingskomitee zu vergewissern, dass ihren Schützlingen geholfen werden konnte», so die Guggenheim-Biografin Mary V. Dearborn. Marseille war damals die heimliche Hauptstadt der Flüchtlingshilfe, eine Drehscheibe für alle, die emigrieren, und jene, die ihnen dabei Hilfe leisten wollten. Die Stadt war Sitz des legendären Flüchtlingskomitees unter Vorsitz von Varian Fry. Von Südfrankreich aus wurde die Weiterflucht – oftmals mit äusserst anstrengenden und gefährlichen Etappen über die Pyrenäen – Richtung Spanien, Portugal oder Nordafrika fortgesetzt – und fast immer hiess das Endziel Amerika. Nicht nur Anna Seghers Geschichte «Transit», die 1941 in Marseille spielt und von einem Flüchtling und ehemaligen KZ-Häftling erzählt, der in Marseille auf die Möglichkeit zur Ausreise nach Übersee hofft, setzte dieser dramatischen Zeit auch literarisch ein Denkmal.
Unter den Flüchtlingen, die an die Côte d‘Azur kamen, waren viele jüdische Künstler. Frankreich war das wichtigste europäische Emigrationsland. Die meisten Literaten und Intellektuellen flüchteten ab 1933 nach Frankreich, weil es nahe gelegen war und seit der Französischen Revolution als ein den Menschenrechten besonders verpflichtetes Land galt. Paris zog die meisten an, stellte sich aber bald als überfüllt und für die Emigranten zu teuer heraus. In der Provence und den südfranzösischen Küstenorten liess es sich billiger leben. Gleichwohl sprach nicht nur die für Exilanten in Geldnot wichtige Frage der Lebenshaltungskosten für Südfrankreich. Das Licht und die Landschaft der Provence etwa hatten bereits etliche Künstler in ihren Bann geschlagen. So wurzelt die Faszination, die der Süden Frankreichs auf Künstler ausübt, bereits in der Zeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts – wenn nicht früher –, als in Europa, ausgehend von Frankreich, vermehrt Künstlerkolonien entstanden. Frankreich hatte mithin bereits lange vor dem Regimewechsel in Deutschland auf Generationen von Künstlern grosse Anziehungskraft ausgeübt.
Viele einflussreiche Künstler zog es beispielsweise nach Saint-Paul de Vence: Matisse, Soutine, Renoir, Signac, Modigliani, Dufy. Matisse etwa hielt sich bereits 1904 in St. Tropez auf, besuchte 1918 Auguste Renoir in Cagnes-sur-Mer und reiste 1917 erstmals nach Nizza, wo kurz darauf seine sogenannte «Nizza-Periode» begann. 1943 zog Matisse in die Villa Le Rêve in Vence, wo er bis 1949 hauptsächlich lebte. Auch den jüdischen Maler Amedeo Modigliani zog es um 1917 für einige Zeit an die Riviera. Marc Chagall wiederum hatte sich in den zwanziger Jahren mit seiner Familie in Paris niedergelassen. Als die Deutschen Frankreich besetzten, konnte der Maler, dessen Werke 1938 teilweise in der Ausstellung «Entartete Kunst» gezeigt worden waren, gerade noch in die USA fliehen. Nach dem Krieg nach Frankreich zurückgekehrt, liess Chagall sich 1949, kurz vor dem endgültigen Durchbruch als weltweit anerkannter Künstler, an der Côte d‘Azur nieder. Desgleichen zog es bedeutende Schriftsteller wie Cocteau nach Saint-Paul de Vence. Ihnen folgten später Regisseure, Drehbuchautoren und Filmstars wie Romy Schneider, Roger Moore und Tony Curtis. Auch in Juan-les-Pins bei Antibes, insbesondere im dortigen Hotel Provençal, traf sich in den zwanziger und dreissiger Jahren die mondäne Welt von Marlene Dietrich bis Coco Chanel. Die deutsch-britische Schauspielerin Lilian Harvey emigrierte zu Beginn der vierziger Jahre nach Juan-les-Pins, nachdem sie ins Visier der Nationalsozialisten geraten war.

Emigration der Literaten

Die Anziehungskraft, die der französische Süden auf Künstler ausübte und die wie¬derum von ihm ausging, war über viele Jahre prägend. Ein besonders für die Literatur wichtiger Künstlerort in Südfrankreich war Sanary-sur-Mer zwischen Marseille und Toulon. In seinem Buch «Wider Willen im Paradies» beleuchtet Manfred Flügge das Schicksal jener deutschen Emigranten, die nach 1933 zeitweilig oder auch jahrelang Zuflucht an der Côte d‘Azur gesucht hatten. Als beispielsweise der Schriftsteller Lion Feuchtwanger im November 1932 in Berlin zu einer mehrmonatigen Vortragsreise nach England und die USA aufbrach, ahnte er nicht, dass er Deutschland nie wieder betreten würde. «Hitler is over», versicherte er seinem amerikanischen Publikum – einen Monat später gelangte Hitler an die Macht. Der Zufluchtsort Feuchtwangers war Sanary-sur-Mer, wo er 1933 seinen Roman «Die Geschwister Oppermann» schrieb. Dort liessen sich auch Arnold Zweig, Alfred Kerr, Ernst Toller und Hermann Kesten mehr oder weniger lange nieder, hier kreuzten sich die Wege solcher illustrer Künstler und Intellektueller wie Bertold Brecht, Piscator, Werfel, Bruno Frank, Arnold Zweig, Stefan Zweig, Egon Erwin Kisch, Walter Hasen¬clever und Thomas Mann – viele von ihnen wären einander sonst vielleicht nie begegnet. Thomas Mann nannte Sanary-sur-Mer, das Provinzstädtchen am Mittelmeer, die «glücklichste Etappe» seines Exils. Ludwig Marcuse sprach von der «Hauptstadt der deutschen Literatur im Exil». Dass ein kleines Hafenstädtchen für einige Jahre zu einem der Kristallisationspunkte für namhafte deutsche Schriftsteller werden konnte, ist ein Phänomen, das die Literaturgeschichte bis heute beschäftigt. Und vermutlich in erster Linie Thomas Mann zu verdanken ist: Er kam mit seiner Familie als einer der Ersten, bereits im Mai 1933, auf den Rat seines französischen Freundes Jean Cocteau – und zog andere nach sich ins Künstlerrefugium. Das Besondere an der Frankreich-Emigration nach 1933 war die Konzentration von politisch, literarisch-künstlerisch und publizistisch führenden Persönlichkeiten, die Existenz von Exil-Zeitschriften, Komitees und Zirkeln sowie gesellschaftlichen und kulturellen Einrichtungen, wie es sie in dieser Dichte in keinem anderen Exilland gab. Doch das Blatt wendete sich nach Kriegsbeginn beziehungsweise nach der Besetzung des Landes – als Frankreich auf die Besatzungspolitik der Deutschen antwortete. Die freundliche Aufnahme der Deutschen seitens der Franzosen schlug in Misstrauen um. Für die meisten Flüchtlinge begann spätestens nach der Besetzung ein zweiter, diesmal lebensgefährlicher Zusammenbruch ihrer Lebensumstände. Internierungen der «feindlichen Ausländer» wurden angeordnet. Viele Inhaftierte überlebten die Internierung nicht. Heinrich Mann gehörte wie das Ehepaar Werfel zu jenen Flüchtlingen, denen es gelang, bei Nacht und Nebel und zu Fuss über die Pyrenäen zu entkommen. Nur ein Teil der Emigranten aber konnte sich auf diese Weise retten. Den antisemitischen Eifer der Deutschen – und den des kollaborierenden Vichy-Regimes – bezahlten 76 000 Juden mit dem Leben. Darunter 11 400 Kinder, wie Beate und Serge Klarsfeld, seit Jahrzehnten als Kämpfer gegen das Vergessen des Holocaust tätig, recherchierten. In ihrem Buch «Endstation Auschwitz» erinnert das Paar an diese Kinder, die zwischen 1942 und 1944 als Juden aus Frankreich in die Vernichtungslager im Osten deportiert wurden und dort bis auf wenige Ausnahmen umkamen. Im Juli 1942 begannen die Verschleppungen ausländischer und französischer Juden, die nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die unbesetzte Süd-Zone im November 1942 als Antwort auf die alliierte Landung in Nordafrika unter deutscher Leitung umso intensiver fortgesetzt wurden. Infolge der Judenverfolgung, der Zwangsrekrutierung französischer Arbeitskräfte für die deutsche Wirtschaft und des zunehmenden Terrors der Deutschen gegenüber der französischen Bevölkerung verzeichnete die Widerstandsbewegung einen massiven Zulauf junger Leute. Mit der Befreiung durch die Alliierten und der Einsetzung einer provisorischen französischen Regierung unter General Charles de Gaulle endete die vierjährige Regierungszeit des Vichy-Regimes – und eine Ära: Frankreich war bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Europa das wichtigste Aufnahmeland für deutsche Emigranten – und dies sowohl in quantitativer Hinsicht als auch im Hinblick auf kulturelle wie politische Aktivitäten. 1933 bis 1939 hatte das Land der exilierten deutschen Kultur eine neue Heimat ge¬boten. Literatur, Kunst und Publizistik ¬erlebten hier eine Blütezeit, die vor dem Hintergrund der NS-Verhältnisse umso leuchtender wirkte – und auch deswegen bis heute fasziniert.    ●


Katja Behling ist Journalistin und Publizistin. Sie lebt in Hamburg.