Künstler der Fuge

von Katja Behling, October 29, 2009
Erich Mendelsohn prägte als einer der bestimmenden Architekten des 20. Jahrhunderts das Bild Berlins in den Jahren von 1918 bis 1933. Zum Gedenken an den jüdischen Baumeister und seine deutsch-jüdischen Kollegen wurde Anfang September in Berlin die Erich-Mendelsohn-Stiftung ins Leben gerufen.
BERÜHMTER EINSTEINTURM IN POTSDAM Erich Mendelsohn baute das Observatorium zwischen 1919 und 1922

Im Jahr 1933 schrieb der Architekt Erich Mendelsohn an seine Frau in Berlin von der «süssen Schwere, die uns als Juden geboren werden liess». Und weiter: «Wir dürfen uns durch die scheinbare Ruhe nicht täuschen lassen. Man kann dem Fanatismus nicht mit Gleichgültigkeit begegnen, der auserwählten Idee nicht mit Zuvorkommenheit, dem Rassenhass nicht mit Verachtung.» Ein Jahr später zog die Berliner Gestapo in sein 1932 eröffnetes Columbus-Hochhaus am Potsdamer Platz.

Berühmt gemacht hatte ihn der expressionistische Einsteinturm: Das 1921 errichtete und noch heute wissenschaftlich genutzte Observatorium ist eines der eindrucksvollsten Bauwerke von Potsdam und ein weltbekanntes Wahrzeichen der Architektur. Nicht nur bei diesem amorph-futuristischen Bauwerk, dem Astrophysikalischen Institut, wusste Erich Mendelsohn Form und Funktion auf exzellente Weise in die Sprache der Architektur zu übersetzen. Und doch ist der deutsch-jüdische Architekt heute fast vergessen. Zum Gedenken an ihn wurde am 6. September in Berlin die Erich-Mendelsohn-Stiftung ins Leben gerufen. Die neue Stiftung wird ihren Sitz im von Mendelsohn einst für den Arzt Curt Béjach erbauten und zwischen Berlin und Potsdam gelegenen Landhaus haben. Ins Rollen gebracht hat das Stiftungsprojekt der Berliner Architekt Helge Pitz, der das Béjach-Haus Anfang der neunziger Jahre erworben hat. Pitz gilt als renommierter Experte für die Baukunst der zwanziger Jahre und hat zudem einige der Bauten Mendelsohns saniert, darunter den Einsteinturm in Potsdam und das Columbus-Haus am Potsdamer Platz. Doch Pitz will mit seiner auch international bereits vielfach gelobten Initiative ebenso an mehr oder weniger vergessene Kollegen Mendelsohns erinnern. Baumeister wie Martin Punitzer, Harry Rosenthal, Oskar Kaufmann, Erwin Gutkind, Alfons Anker, Fred Forbat, Konrad Wachsmann und eben Mendelsohn sind mit der dynamischen Entwicklung, die Berlin ab 1920 erlebte, eng verbunden.

Bauikonen der Moderne

Vielfach werden diese frühen Modernisten den Bauhaus-Schülern zugerechnet. Fälschlich – Künstler wie Scharoun, Häring oder die Taut-Brüder und Mendelsohn waren gar keine Anhänger der berühmten Weimarer Design-Schmiede. Die neue Stiftung sei deshalb insbesondere «auch allen deutsch-jüdischen Architekten und den Architekten der Klassischen Moderne gewidmet, die nicht Bauhäusler waren», sagte Pitz auf einer Pressekonferenz. Als Architekt hatte Mendelsohn, der seinen Stil als «organisch» bezeichnete, eine unverwechselbare Handschrift, elegant, harmonisch und fliessend in der Formgebung. Der Kollege sei, so der Experte Pitz, ein «Künstler der Fuge» gewesen. Nie liess Mendelsohn Materialien aufeinanderprallen, er markierte den Übergang.

Mendelsohn war in hohem Masse stilbildend und einflussreich. Für den Unternehmer Salman Schocken baute er Kaufhäuser. Das futuristische Stuttgarter Schocken-Kaufhaus wurde 1960 abgerissen. Andere massgebliche Bauwerke Mendelsohns sind der Abrissbirne entgangen. Noch heute existiert das Haus des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes als Haus der IG-Metall in Berlin, wo 1930 das Happy End der populären Heinz-Rühmann-Filmoperette «Die Drei von der Tankstelle» gedreht wurde. Erhalten sind etwa auch das einstige Universum-Kino – heute die Schaubühne –, einige wenige Berliner Villen und das Kaufhaus Petersdorff in Breslau. Im Laufe seiner Karriere lieferte Mendelsohn unter anderem spektakuläre Entwürfe für Projekte in Leningrad (heute St. Petersburg), England, Tschechien sowie für noch heute existierende Krankenhäuser in Jerusalem und Haifa. Mendelsohn agierte erfolgreich zwischen London, Jerusalem und den USA – er war, und das bereits lange vor seiner Emigration, viele Jahrzehnte lang als Architekt international renommiert und gefragt.

Deutscher Architekt in Amerika

1887 wurde Erich Mendelsohn im ostpreussischen Allenstein (heute: Olsztyn, Polen) als Sohn des jüdischen Kaufmanns David Mendelsohn und dessen Frau Emma geboren. Nach dem Abitur am humanistischen Gymnasium in Allenstein absolvierte Mendelsohn eine Kaufmannsausbildung in Berlin und studierte Volkswirtschaftslehre in München. Daran schloss sich 1908 bis 1912 das Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg und München an, wo er in Kontakt kam mit den Künstlern des «Blauen Reiter» und «Die Brücke». Ab 1912 arbeitete Mendelsohn als Architekt in München und entwarf nebenbei Bühnendekorationen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges brachte diese Tätigkeit zu einem Ende. Bis 1919 leistete der Architekt Militärdienst an der Ost- und Westfront. Nach dem Krieg eröffnete er ein eigenes Büro in Berlin, wurde Mitbegründer der Künstlervereinigung «Novembergruppe» und war im «Arbeitsrat für Kunst» tätig. Noch 1919 stellte er erste Entwürfe in der Berliner Galerie von Paul Cassirer aus. 1920 und 1921 kam dann der grosse Durchbruch: Mendelsohn entwarf und baute den Einsteinturm. Zu dieser Zeit war Mendelsohn einer der wenigen deutschen Architekten, die trotz der schlechten Wirtschaftslage Aufträge erhalten und ausführen konnten. 1923 plante er für das Berliner Mosse-Gebäude einen Um- und Erweiterungsbau. 1924 gründete der Shooting Star zusammen mit seinen grossen Kollegen Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius den «Berliner Ring», der zur führenden Vereinigung progressiver Architekten wurde. In den Folgejahren baute Mendelsohn zahlreiche Fabrik- und Wirtschaftsgebäude, Wohnkomplexe und Kaufhäuser, unter anderem in Berlin, Köln, Nürnberg, Stuttgart, Tilsit und Leningrad. Er folgte dabei keiner eindeutigen architektonischen Stilrichtung. Typisch für seinen Stil sind gekurvte Fassaden mit horizontaler Betonung und langen Fensterbändern. Er konzipierte zudem, in der Frühgeschichte der Luftfahrt und noch vor dem Ersten Weltkrieg, einen Idealflughafen, der allerdings nie realisiert wurde – es war dann Professor Ernst Sagebiel, der als Architekt des Flughafens Tempelhof in die Geschichte einging. Sagebiel war 1929 bis 1932 in Mendelsohns Büro angestellt. Mit bedeutenden Grossbauten in Berlin wirkte Mendelsohn um 1930 und noch bis 1932 nachhaltig auf die Stadtbaukunst ein: Er baute am Kurfürstendamm das Universum-Filmtheater mit Geschäfts- und Wohnkomplex, das Haus des Deutschen Metallarbeiterverbands und am Potsdamer Platz das Columbus-Haus. 1933 wurde Mendelsohn aus der Preussischen Akademie der Künste ausgeschlossen und emigrierte über die Niederlande nach London, wo er rund drei Jahre ein Büro mit Serge Chermayeff betrieb. 1939 siedelte er nach Palästina über und gründete ein eigenes Büro in Jerusalem, entwarf mehrere Grossbauten für die Universität und Krankenhäuser. 1936 löste er sein Londoner Büro auf und verlagerte den Schwerpunkt seiner Tätigkeit noch stärker ins heutige Israel. Dort errichtete er auch das Wohnhaus für Chaim Weizmann. Mendelsohns Baustil veränderte sich, wirkte nun strenger im Vergleich zu früheren Bauten. 1941 ging der Stararchitekt aus persönlichen Gründen – Probleme mit Kollegen sollen die Ursache gewesen sein – nach New York und bald darauf nach San Francisco. 1942 begann seine Beratungstätigkeit für die amerikanische Regierung. Noch während des Krieges, 1943, begann Mendelsohn, Vorträge an renommierten amerikanischen Universitäten zu halten, darunter Princeton, Yale und Harvard. Nach dem Krieg arbeitete er wieder als freischaffender Architekt. Die letzten Jahre seines Schaffens krönte 1947 ein Lehrauftrag an der kalifornischen Universität von Berkeley.

Jüdische Spuren im Werk

In den USA ereignete sich ein besonderes Kapitel im Leben des Baumeisters, über das etwa der Kulturhistoriker Mike Davis, Professor für Urbanistik am Southern California Institute of Architecture, im Oktober 1999 im Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» berichtete: In der Wüste von Utah probten die Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs die Bombardierung Berlins. Detailgetreu liessen sie Mietskasernen nachbauen. Architekt war Erich Mendelsohn. Anfang der vierziger Jahre heuerte das US-Korps für chemische Kriegführung Mendelsohn heimlich an und gewann ihn dafür, gemeinsam mit Technikern von Standard Oil in der Wüste von Utah ein Berliner Arbeiterviertel im Miniaturformat zu errichten. Der deutsche Architekt, so Mike Davis weiter, beschaffte den Amerikanern Detailinformationen etwa über die Dachkonstruktionen in den Zielgebieten, da sie einen kritischen Faktor für die zerstörerische Wirkung der Brandbomben darstellten. Insassen des Staatsgefängnisses von Utah, die in grosser Zahl als Arbeitskräfte verpflichtet wurden, brauchten nur 44 Tage, um German Village zu errichten. Der gesamte Komplex wurde anschliessend für Probezwecke mit Brandbomben beworfen und zwischen Mai und September 1943 mindestens dreimal vollständig wieder aufgebaut. Wie ist Mendelsohns verantwortungsvolle Rolle bei diesem militärisch relevanten Imitations-Bauprojekt im Wilden Westen einzuschätzen? Sie steckt womöglich voll bitterer Ironie: Obwohl er in Berlin ein erfolgreicher Architekt gewesen war und sich für Reformen im Wohnungsbau und an neuer Wohnkultur interessiert hatte, hatte er sich nie an den grossen Ausschreibungen beteiligt, die Ende der zwanziger Jahre von den Sozialdemokraten organisiert worden waren. Besonders rätselhaft war Mendelsohns Fehlen 1927 bei der Planung der Weissenhofsiedlung in Stuttgart, eines von Ludwig Mies van der Rohe geleiteten Vorzeigeobjekts, so Mike Davis. Mendelsohn-Biograf Bruno Zevi vermutet, der Baumeister sei aus antisemitischen Gründen ausgeschlossen worden. «Wenn das stimmt, war Dugway in Utah seine Rache», zitierte «Der Spiegel» Mike Davis. Sicher ist, dass Mendelsohn sich immer wieder mit dem Judentum befasste. In verschiedenen Städten der USA errichtete er 1947 bis zu seinem Tod 1953 neben einigen Grossbauten vor allem Synagogen. Doch auch lange zuvor hatte Mendelsohn sich mit seiner Identität, der «süssen Schwere», als Jude geboren worden zu sein, auch in seinem Werk als Architekt bewusst auseinandergesetzt. So war sein allererster Bau – das Bet Tahara, ein «Haus der Reinigung» – zwischen 1911 und 1913 in seinem Geburtsort Allenstein entstanden. Gegen Ende seines Lebens plante der emigrierte Jude in New York ein Denkmal für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Es wurde nicht verwirklicht.