Kritisierte Empfehlung
Mit ihrer Unterstützung für Daniel Jositsch im Regierungsratswahlkampf der Stadt Zürich hat die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) einen Sturm im Wasserglas ausgelöst. In einem Schreiben an ihre Mitglieder warben die Präsidenten André Bollag und Shella Kertész um die Stimme für den jüdischen SP-Kandidaten Daniel Jositsch, der gegen den SVP-Mann Ernst Stocker antritt (vgl. tachles 45/09 und www.tachles.ch/tv). Bereits im Wahlkampf um das Amt der Stadtpräsidentin warb die ICZ-Leitung bei ihren Mitgliedern um Stimmen für die damalige FDP-Kandidatin Kathrin Martelli per Briefe und Inserat.
Heftige Reaktionen
Nun haben sich im Establishment der Gemeinde einige Stimmen gegen die Wahlempfehlung erhoben. So hat die ICZ schriftliche Interventionen erhalten und innerhalb der Gemeinde wird darüber diskutiert, ob die Unterstützung legitim sei oder nicht. Gegenüber tachles sagt André Bollag zur Intention der Wahlempfehlung: «Wir unterstützen Personen, nicht Parteien, und wir glauben, dass Daniel Jositsch ein verlässlicher Partner der ICZ wäre.» Und weiter sagt er zur Kritik von Gemeindemitgliedern: «Die ICZ hat immer wieder Parolen herausgegeben oder Wahlempfehlungen gemacht, so heftig waren die Reaktionen in der Tat noch nie.» Seit Jahren wird innerhalb der ICZ immer wieder debattiert, ob und wie sich die Gemeinde politisch oder öffentlich äussern sollte. Einst die Holocaust-Debatte, die Islamdiskussion oder die Interventionen des ehemaligen Präsidenten Sigi Feigel haben immer für Reaktionen innerhalb der Gemeinde gesorgt. Zur politischen Profilierung der ICZ meint André Bollag: «Wir finden, dass sich die ICZ, als öffentlich anerkannte Gemeinde sehr wohl an öffentlichen Debatten beteiligen darf. Aber uns ist bewusst, dass es immer Mitglieder geben wird, die andere Standpunkte als die Gemeinde vertreten. Damit müssen wir leben.»
Kein einheitliches Stimmverhalten
Moniert wurde von Mitgliedern unter anderem, dass Daniel Jositsch selbst nicht Mitglied in der ICZ ist und keinen Leistungsausweis bei der Vertretung für die so genannte jüdische Sache mitbringe und seine Haltungen gegenüber Israel wenig bekannt seien. Vor allem geht die Diskussion wohl aber darauf zurück, dass innerhalb der ICZ nicht wenige Mitglieder ihre Stimme dem SVP-Mann Stocker geben werden und das Stimmverhalten weniger einheitlich ist als früher. Hinzu kommt, dass Stocker und Jositsch letztlich um einen SVP-Sitz der abtretenden Rita Fuhrer kämpfen.