Kritisch-ironische Auseinandersetzung

February 18, 2010

TACHLES: Sie sind seit 2004 Mitglied des Basler Fasnacht-Comités sowie langjähriger Pfeifer und Tambour in
einer Stammclique. Woher kommt Ihre Begeisterung für die Fasnacht?

ANDREAS GUTH: Die Fasnacht mit all ihren Facetten hat mich immer fasziniert, sowohl die volksmusikalische Seite wie auch die kritisch-ironische Auseinandersetzung mit den Problemen der Zeit.

Die Fasnacht ist in ihrem Ursprung vermutlich ein heidnischer Brauch.
Ist Sie heute bar jeglicher religiöser Attribute?

Brauchtum ist meiner Auffassung nach religionsübergreifend. Nehmen Sie beispielsweise die Lichterfeste Weihnachten und Chanukka, wo wegen des frühen Eindunkelns die Benützung von Licht als Teil des Festes miteinbezogen ist. Ob das Brauchtum religiösen oder regionalen Ursprung hat, ist für mich nicht sehr relevant. Immer aber hat es mit einer gesellschaftlichen Tätigkeit zu tun, «man» macht dies oder jenes, Ursprung oder Beweggrund sind nicht von Anfang an ersichtlich. Insofern ist für mich die Fasnacht Vergnügen, Brauchtum, Freundschaft und trotzdem gesellschaftlich relevant.

Wie beurteilen Sie den Umgang mit Minderheiten und heiklen Themen an der Fasnacht?

Grundsätzlich kann man sagen, je grösser die Krisensituation und die existenziellen Ängste in einer Gesellschaft, desto wichtiger die Möglichkeit, öffentlich über heikle Themen zu diskutieren. Ein Anlass wie die Fasnacht ermöglicht es, kostümiert – also anonym – und auf drei Tage beschränkt ein Ventil für solche Ängste zu haben. Auch für Minderheiten bedeutet dies einen Vorteil. Ich meine deshalb, dass die Narrenfreiheit während der drei Tage etwas grössere Toleranz erfordert als in den übrigen 362 Tagen, wobei natürlich Beleidigungen, persönliche Animositäten und die Verletzung religiöser Gefühle nicht akzeptabel sind. In unserer Wohlstandsgesellschaft ist die Ventilfunktion nicht mehr so bedeutungsvoll, da die Medien heutzutage das ganze Jahr hindurch eine entsprechende Rolle übernommen haben und die Umgangsformen härter geworden sind.

In der Geschichte des Comités kam es auch zu einem Mord. Wissen Sie etwas von diesem Vorfall?

Eines der Gründungsmitglieder des Fasnachts-Comités im Jahre 1911 hiess Dreyfus. Es scheint, dass die Person nicht jüdisch war, zumal er in den Unterlagen der jüdischen Gemeinde und im Friedhofverzeichnis nicht erfasst ist. Er war Gründungsmitglied einer grossen Basler Clique, aus der er jedoch nach wenigen Jahren ausgeschlossen wurde. Wenige Jahre danach wurde er unter mysteriösen und nie geklärten Umständen ­Opfer eines Mordanschlags am Spalenberg.

Interview Daniel Zuber