Kritik als Sprachkunstwerk

von Walter Labhardt, October 9, 2008
Unter den vielen jüdischen Wiener Kritikern mit spitzer Feder nahm Karl Kraus (1874-1936) eine Sonderstellung ein. Er attackierte nicht nur die Missstände im Adel, Beamten- und reichen Bürgertum so wie in der Literaturszene, sondern gab auch eine entsprechend streitbare Zeitschrift heraus. Mit der «Fackel», deren erste Nummer im April 1899 in Wien erschien, schuf Kraus ein literarisches Forum mit der Funktion eines Anti-Mediums. Hundert Jahre nach dem ersten Erscheinen der allein schon ihres roten Umschlages wegen auffallenden «Fackel» erinnert das Jüdische Museum Wien mit einer vorbildlich gestalteten Sonderausstellung an den grossen Kritiker und seine Verdienste als Herausgeber dieser erst wenige Wochen vor seinem Tode mit der Nummer 922 eingestellten Zeitschrift.
Karl Kraus: Kritiker mit spitzer Feder. - Foto PD

Noch während seines Studiums der Rechte an der Wiener Universität begann sich der als Sohn eines jüdischen Papierfabrikanten und einer Arzttochter in Ji×cin (Böhmen) geborene Literat als Journalist zu betätigen. Im Café Griensteidl, dessen späteren Abbruch er in der Satire «Wien wird zur Grossstadt demoliert» thematisierte, verkehrte er mit Peter Altenberg, Richard Beer-Hofmann, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Arthur Schnitzler und weiteren jüdischen Schriftstellern der kurz danach ihres «L’Art pour l’Art»-Gehabes wegen scharf kritisierten Wiener Moderne. Von der Scheinheiligkeit der vorherrschenden Gesellschaftsmoral und von der Macht korrupter Beamter provoziert, begann Karl Kraus als Fünfundzwanzigjähriger mit der Veröffentlichung der in unregelmässiger Folge erschienenen Zeitschrift «Fackel», um sogleich zu verkünden: «Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes \"Was bringen wir\", aber ein ehrliches \"Was wir umbringen\" hat sie sich als Leitwort gewählt…» Förderte er anfänglich junge Gesinnungsgenossen und herausragende lyrische Talente wie Albert Ehrenstein, Else Lasker-Schüler, Berthold Viertel und Franz Werfel, so gab er die vorwiegend der Kritik gewidmete Zeitschrift von 1911 an im Alleingang heraus.

Meister der Sprache

Seinen virtuosen Umgang mit der deutschen Sprache, die er ebenso beherrschte wie sie ihn, trieb er zum Leidwesen seiner Mitarbeiter ständig auf die Spitze, indem er nicht ruhte, bevor alle Satzkorrekturen gänzlich seinen präzisen Vorstellungen entsprachen und jeder kleinste Fehler behoben war. Wie aufwändig derlei Verbesserungen damals waren, lässt in der bis zum 1. November dauernden Ausstellung nebst zahlreichen korrigierten Fahnenabzügen die Teilrekonstruktion einer Druckwerkstatt erahnen. Den hohen Rang des ausserordentlich wortgewandten Dichters, Schriftstellers und Kritikers Karl Kraus, der einer der grössten Sprachkünstler im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts war, belegen zusammen mit den Erstausgaben seiner Bücher vor allem Ausschnitte aus dem Lebenswerk, der grundsätzlich medienkritischen «Fackel». In ihr erfolgten Teildrucke so wichtiger Publikationen wie der Aphorismensammlung «Sprüche und Widersprüche» oder des teilweise im Glarnerland entstandenen monumentalen Theaterstücks «Die letzten Tage der Menschheit», der gründlichsten Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg und dem Untergang der Donaumonarchie der Habsburger. Auf Anregung von Herwarth Walden hatte Karl Kraus 1910 in Deutschland mit Vorlesungen begonnen, um eigene und fremde Texte in öffentlichen Veranstaltungen auf eine Weise vorzutragen, die förmlich unter die Haut gehen musste. Proben jener insgesamt 700 Lesungen, welche Karl Kraus seit 1925 «Theater der Dichtung» nannte, sind in der geradezu verschwenderisch reich dokumentierten Ausstellung zu sehen und zu hören, wie denn anhand unzähliger Lebenszeugnisse ein sehr lebendiges Bild jener Zeit gezeigt wird. «Wenn ich vortrage, so ist es nicht gespielte Literatur. Aber was ich schreibe, ist gespielte Schauspielkunst!» So definierte Kraus seine spezielle Kunst der Rezitation. Auf ähnliche Weise, wie er es als scharfsinniger Schriftsteller in der «Fackel» und in seinen Büchern tat, verstand sich der Rezitator auf die Dämonisierung von Personen und Fakten. Das schauerlichste Beispiel für den Ingrimm im Vortragston liefert die auf Tonträgern festgehaltene Kritik an den von einer Basler Zeitung ausgeschriebenen «Reklamefahrten zur Hölle», einer Besichtigung der Schlachtfelder von Verdun. Diesem Tondokument begegnet der Ausstellungsbesucher ebenso wie dem fotografisch rekonstruierten Arbeitszimmer (Zustand von 1936) und dem Freundeskreis des während mehr als drei Jahrzehnten weit über die österreichische Metropole hinaus gefürchteten Kritikers. Seinem Kreis gehörten nebst wenigen Schriftstellern so bedeutende Kulturschaffende wie der Architekt Adolf Loos und der Maler Oskar Kokoschka an, die beide mit wenig bekannten Dokumenten in der «Was wir umbringen» betitelten Sonderausstellung und im Begleitband (Mandelbaum-Verlag, Wien 1999) zur Darstellung gelangen.

Ambivalente Persönlichkeit

Auf den im Falle von Karl Kraus besonders oft zitierten «Jüdischen Selbsthass» geht die äusserst sorgfältig vorbereitete und von den Kuratoren Heinz Lunzer, Victoria Lunzer-Talos und Marcus Patka optimal anschaulich gestaltete Ausstellung im Abschnitt «Juden, Christen, Antisemiten» ein. Die frühe Ablehnung des Zionismus und die jeweils wechselnde Distanz zu Theodor Herzl steht der Verspottung radikaler Antisemiten gegenüber. Nachdem Kraus seine jüdische Seite unterdrückt und sich in den Schoss der katholischen Kirche verirrt hatte, trat er 1923 aus ihr aus. Als die rassistischen Hetzkampagnen der Nationalsozialisten zunahmen, war er schliesslich bereit, die «Naturkraft eines unkompromittierbaren Judentums» anzuerkennen und zu seiner jüdischen Herkunft zu stehen. Sein eigentliches Ziel, mit Schreiben zur Verhinderung eines neuen Krieges beizutragen, vermochte er ebensowenig zu erreichen wie seine vielen jüdischen Berufskollegen. Mit ihnen teilte auch er 1933 das Schicksal, Opfer der nationalsozialistischen Bücherverbrennung zu werden.

Die Ausstellung «\"Die Fackel\" von Karl Kraus» wird bis Ende November im Jüdischen Museum Wien gezeigt.