Krisen und dynamische Entwicklungen
Ausgangspunkt für die Untersuchung «Schweizer Juden im Wandel» (siehe Kasten) ist die Feststellung, dass die jüdische Bevölkerung seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts als gut in die Schweizer Gesellschaft integriert gelten kann. Die öffentlich-rechtliche Anerkennung zahlreicher Gemeinden und die etablierte Rolle des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) als Gesprächspartner der Behörden belegen dies eindrücklich.
Schweizer Juden müssen sich nicht mehr primär mit der Akzeptanz durch die Mehrheitsgesellschaft oder Diskriminierung auseinandersetzen. Sie haben die Möglichkeit, ihr jüdisches Erbe in einem offenen sozialen Umfeld zu pflegen. Parallel zu dieser positiven Entwicklung nehmen jedoch zahlreiche Verantwortliche der Gemeinden eine Identitätskrise wahr. Sie ist meist verbunden mit der Frage «Werden unsere Enkelkinder noch jüdisch sein? Eine solche Befürchtung verweist auf die hohe Rate an Mischehen (etwa 50 Prozent) und belegt die diffuser gewordene Trennung zwischen jüdischer und nicht jüdischer Gesellschaft. Doch hält die Nachum Goldmann zugeschriebene Aussage «What is good for the Jews, is bad for Judaism», die implizit das Überleben des Judentums als Religionsgemeinschaft von fremdbestimmten Einflüssen abhängig macht, einer kritischen Betrachtung stand? Bedeutet eine weitgehend säkularisierte Schweizer Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in der Jüdinnen und Juden kaum noch offene Feindseligkeit erfahren müssen, wirklich nur eine Gefährdung für das Judentum als Religionsgemeinschaft oder birgt sie auch Chancen?
Polarisierung und Pluralisierung
Zentral für das Forschungsprojekt waren Polarisierungs- und Pluralisierungstendenzen des Schweizer Judentums. Die Statistik scheint den Befürchtungen, beim Schweizer Judentum handle es sich um eine langsam, aber sicher verschwindende Minderheit, recht zu geben: Zwischen 1970 und 2000 reduzierte sich die Zahl der statistisch erfassten Menschen jüdischer Konfession von 21 000 auf 18 000 Personen. Doch leben inzwischen über 10 000 Jüdinnen und Juden mit einem Schweizer Pass in Israel. In einer Feldforschung in Israel waren vielfältige wirtschaftliche und soziale Bezüge zur alten Heimat belegbar. Diese Diaspora hat auch für das Judentum in der Schweiz Bedeutung.
Das Forschungsteam interessierte sich prinzipiell weniger für rein quantitative Angaben als vielmehr für qualitative Veränderungen innerhalb der jüdischen Bevölkerung und ihrer Organisationsformen. Betrachtet man die Entwicklung des Schweizer Judentums in den letzten Jahrzehnten genauer, wird ersichtlich, dass es neben Krisen auch dynamische Entwicklungen gab. Während manche kleinen und mittleren Gemeinden ausstarben (Kreuzlingen, Solothurn, Vevey-Montreux) oder faktisch bedeutungslos wurden (Freiburg i. Ü., Luzern, St. Gallen), kommt es in den beiden jüdischen Zentren des Landes an Rhone und Limmat zu einer Pluralisierung jüdischen Lebens. Dabei stellt für Genf und Zürich die Bildung der liberalen Gemeinden sicherlich ein wichtiges Ereignis dar. Die Gründung separater reformjüdischer Gemeinschaften lässt sich je nach Perspektive als Krisenmoment (Traditionsverlust, Polarisierung), aber auch als erfolgreiche Strategie zur Bewältigung konkreter aktueller Herausforderungen (Gleichberechtigung der Frau, Integration von Mischehenfamilien) und zur Bewahrung des religiösen Erbes interpretieren.
Es ist kein Zufall, dass sich die in den sechziger Jahren zunächst noch eher informellen Aktivitäten der schweizerisch-jüdischen Reformer zu Beginn der siebziger Jahre in Genf und Zürich in Richtung einer strukturierten jüdischen Gemeinschaft zu wandeln begannen. Ein gesamtgesellschaftlicher Reformprozess, der als 68er-Bewegung in Erinnerung geblieben ist und der in der Schweiz 1971 schliesslich dem Frauenstimmrecht zum Durchbruch verhalf, hatte auch Auswirkungen auf das Schweizer Judentum. Lösten in der damaligen Mehrheitsgesellschaft Schlagworte wie Frauenemanzipation und sexuelle Revolution vielfach Angst und Abwehr aus, stiessen der von den jüdischen Reformern ausgelöste Diskurs beispielsweise über die Rolle der Frau im Gottesdienst oder auch die Frage der selbstbestimmten Partnerwahl in konservativeren Kreisen und gerade auch bei den Rabbinaten auf Ablehnung.
Wie sehr bis heute mehr Konventionen als halachische Bestimmungen die Möglichkeiten der jüdischen Frau im Gottesdienst und gerade bei der Bat-Mizwa-Feier in den traditionellen Einheitsgemeinden einschränken, weist ein anderer Teil der Studie im Kontext des Projekts eindrücklich nach. In solchen Konflikten wurden Widersprüche zwischen den zeitgemässen Wertvorstellungen vieler Gemeindemitglieder und den traditionellen Interpretationen des jüdischen Gesetzes durch die Rabbinate deutlich sichtbar.
Diese Auseinandersetzungen führten sowohl in Genf (1970) als auch in Zürich (1978) zur Bildung eigenständiger jüdischer Reformgemeinden. Die Communauté Israélite Libérale (2010 rund 2000 Mitglieder) und die Gemeinde Or Chadasch (2010 rund 500 Mitglieder) gehören heute zu den wenigen jüdischen Gemeinden, deren Mitgliederzahl kontinuierlich zunimmt, während praktisch alle Einheitsgemeinden seit den achtziger Jahren rückläufige Mitgliederzahlen zu vermelden haben. Neben der Auswanderung nach Israel und einer allgemein feststellbaren Lockerung ethnisch-religiöser Bindungen dürfte der ausgrenzende Umgang mit Familien, bei denen nur der Vater jüdisch ist, wesentlich zu diesem verbreiteten Mitgliederschwund beigetragen haben.
Integration gemischter Familien
Gerade bezüglich dieser Mischehen kann man in den letzten Jahrzehnten beobachten, dass viele Männer mit nicht jüdischer Ehefrau eine jüdisch geprägte Familie gründen wollen. Dank der Bereitschaft der nicht jüdischen Ehefrauen, entweder zu konvertieren oder zumindest ihre Kinder innerhalb des Judentums zu erziehen, sehen sich die jüdischen Gemeinden in jüngerer Vergangenheit vermehrt mit der Frage der sozialen und religiösen Integration dieser Familien konfrontiert.
Ein Forschungsbereich der Studie, der den Umgang mit dem Judentum in Mischehen analysiert, konnte feststellen, dass im Kontext der Bildung einer Familie für die Väter ihr Judentum und dessen Weitergabe grosse Bedeutung erlangt. Die Männer bemühen sich häufig trotz weitgehend säkularisierter Lebensweise in der Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft um einen Zugang zur Religionspraxis für sich und ihre Kinder. Der meist schmerzliche Konflikt mit der angestammten Einheitsgemeinde entzündet sich fast immer an folgenden sensiblen Bruchstellen: bei der Frage des Übertritts der Ehefrau oder der Aufnahme der Kinder ins Judentum, falls die Mutter nicht konvertiert.
Die Stellung von Kindern jüdischer Väter in Mischehen, die Mitglieder einer Einheitsgemeinde bleiben, ist bis heute in den meisten traditionellen Gemeinden für die Betroffenen oft sehr unbefriedigend, weil die Rabbiner nur ausnahmsweise Übertritte vor der Bar Mizwa oder Bat Mizwa vornehmen. Eine Untersuchung zum jüdischen Bildungsangebot für Jugendliche in der Schweiz zeigt, dass der prinzipiell integrative Ansatz bei der Zulassung von Kindern aus Mischehen mit jüdischen Vätern zum Religionsunterricht in reformjüdischen Gemeinschaften deren Erfolg begründet.
Fehlt wie in der Region Basel das menschliche und finanzielle Potenzial, um eine umfassende reformjüdische Gemeinde zu bilden, entstehen Gemeinschaften, die jüdische Religion und Kultur auch ausserhalb anerkannter Strukturen leben wollen. Inwiefern solche Gemeinschaften (Migwan, Od Mashehu, Ofek), wie sie in Basel in den letzten Jahren entstanden sind, nur Ausdruck einer lokalen Situation sind, in der zwar das Bedürfnis nach jüdischen Alternativen besteht, jedoch im Gegensatz zu Genf und Zürich kein genügendes Potenzial für die Bildung einer umfassenden liberalen Gemeinde besteht, oder einen längerfristigen Trend darstellen, wird die Zukunft weisen.
Von Seiten etablierter Gemeinden wird diese Entwicklung, die vom Einzelnen ein weniger verbindliches finanzielles und persönliches Engagement verlangt, auch kritisch betrachtet. Von einer solchen Haltung profitieren aber nicht nur reformjüdische Strömungen, sondern auch die religiös und gesellschaftspolitisch konservative Chabad-Bewegung.
Diese verbindet geschickt eine soziale Offenheit gegenüber allen an ihrem Angebot interessierten Personen mit einer sinnlichen und emotionalen Repräsentation des Judentums und stillt bei vielen Menschen spirituelle Bedürfnisse. Dank attraktiver Angebote gerade für Kinder aus unterschiedlichsten Milieus kann Chabad mit modernen Mitteln ein orthodopraxes Judentum vermitteln. Wie nachhaltig ihr Einfluss auf die schweizerisch-jüdischen Lebenswelten sein wird, ist gegenwärtig noch schwer abzuschätzen. Es ist jedoch anzunehmen, dass von den zahlreichen Teilnehmern ihrer Veranstaltungen nur ein kleiner Prozentsatz zu einer umfassenden Glaubenspraxis, wie Chabad sie vorlebt, finden wird.
Eine Pluralisierung religiösen Lebens stellen in Zürich auch orthodox geprägte Betgemeinschaften wie der Minjan Wollishofen dar. Diese modernen Betstuben sind für traditionell praktizierende Juden gerade aus der Isra-elitischen Cultusgemeinde Zürich zum Ort alltäglicher Glaubenspraxis geworden.
Orthodoxe Gemeinden
Die etablierten streng orthodoxen Gemeinden in der Schweiz, die Israelitische Religionsgesellschaft (IRG) und Agudas Achim, haben auf die «Gefahren» der jüngsten Vergangenheit mit traditionelleren Mustern reagiert. Sie sahen eine Fortführung ihrer Kultur nur dann gewährleistet, wenn die Jugend durch ein umfassendes innerjüdisches Schulsystem von den «Versuchungen» der Mehrheitsgesellschaft geschützt wird. Dieser Rückzug in ein klar begrenztes soziales Umfeld führte jedoch in jüngster Vergangenheit dazu, dass die Erwerbstätigkeit in diesen oft kinderreichen Familien stark zurückging. Die teilweise radikale Abkehr von weltlicher Bildung dürfte für die charedischen Milieus in Zürich kaum längerfristig aufrechtzuerhalten sein. Es ist interessant zu beobachten, dass sich nach einer verstärkten Abschottung heute auf Grund sozialer Zwänge die jüdische Subkultur von Zürich-Wiedikon punktuell wieder der Aussenwelt annähert. Vom Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen seit Kurzem initiierte Weiterbildungsangebote stossen gerade in den charedischen Milieus auf grosses Interesse.
Stellenwert in der Mehrheitsgesellschaft
In einer Untersuchung wurde auch der Frage nachgegangen, welchen Stellenwert das Judentum in der Schweizer Mehrheitsgesellschaft einnimmt. Dabei konnte festgestellt werden, dass in der Nachkriegszeit zunächst der interreligiöse Dialog wichtig war. Seit den achtziger Jahren gewann die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Judentum an Schweizer Universitäten an Bedeutung, wie die Gründung des Instituts für Jüdische Studien an der Universität Basel belegt.
Abschliessend kann man festhalten, dass das Schweizer Judentum in den letzten Jahrzehnten eine Phase der Umstrukturierung durchlaufen hat. Am deutlichsten sichtbar wird dies in der Bildung derliberalen Gemeinden von Genf und Zürich. In beiden Regionen wird sich das Judentum weiter in seinen verschiedenen Strömungen entwickeln können. In der restlichen Schweiz dürften sich weitere kleinere Gemeinden auflösen und mittelgrosse wie Basel, Bern und Lausanne vor die existenzielle Frage gestellt sein, sich entweder gegenüber Mischehefamilien zu öffnen oder nur als kleine, klar orthodox geprägte Gemeinschaften weiter zu existieren. Die Bereitschaft, ausserhalb etablierter Gemeindestrukturen in relativ
informellen Gruppierungen Judentum zu leben, wird generell zunehmen. Die charedischen Gemeinden von Zürich (Agudas Achim, IRG) werden dank hoher Kinderzahl und strikter Endogamie als Gemeinschaft mit einer umfassenden Infrastruktur weiter bestehen. Ihre Beziehungen sowohl zur jüdischen Welt ausserhalb ihres Milieus als auch zur Mehrheitsgesellschaft werden distanziert und punktuell konfliktiv bleiben.
Dank dieser institutionellen Pluralisierung wird weiterhin eine Mehrheit der Jüdinnen und Juden in der Schweiz kollektive Formen für ein ihnen gemässes Judentum finden. Um die tendenziell abnehmenden menschlichen und finanziellen Ressourcen sinnvoll nutzen zu können, erscheinen gemäss dieser Studie jedoch Formen einer verstärkten Kooperation zwischen den einzelnen Gemeinden und eine grundsätzlich offene Haltung gegenüber Mischehenfamilien mit einem jüdischen Vater unabdingbar.
Die jüngsten Entwicklungen in der Schweiz belegen, dass ein vielfältiges Judentum in einer kleinen und gut integrierten Minderheit fortbestehen kann, da zahlreiche Jüdinnen und Juden trotz häufig weitgehend säkularer Lebensweise ihr jüdisches Erbe bewahren und an ihre Kinder weitergeben wollen.
Hintergründe zur Studie NFP58 unter www.tachles.ch.