Kostproben eines vielversprechenden Buches

Von Peter Abelin, September 28, 2011


Vielversprechende Kostproben dessen, was in zwei Jahren in Buchform vorliegen soll, erhielten die Teilnehmer einer Tagung zur Geschichte der Juden in Stadt und Region Bern, organisiert vom Institut für Judaistik der Universität Bern.

Seit den achtziger Jahren werde über ein Buch diskutiert, das einen Gesamtüberblick über die Geschichte der Juden in Bern biete, sagte Anne-Marie Guzman, ehemalige Präsidentin der Jüdischen Gemeinde Bern (JGB), in ihrer Begrüssung an der Tagung im «Haus der Universität» in Bern. In ihrer Amtszeit habe sie dann die verschiedenen erforderlichen Elemente zusammengeführt. Nachdem auch die Finanzierung durch die Mäzene Celia und Lutz Zwillenberg gesichert worden sei, sei die Realisierung nun auf guten Wegen. Seit einem Jahr ist eine Projektgruppe an der Arbeit, der nebst Guzman auch der Judaist René Bloch und der Historiker Jacques Picard als Herausgeber angehören. Bloch stellte das Konzept des Buches vor, welches als Sammelband von 24 Autorinnen und Autoren verfasst wird. Darunter seien sowohl etablierte Wissenschaftler als auch Nachwuchsforscherinnen und -forscher aus der ganzen Schweiz. Ausführliche Überblickskapitel würden ergänzt durch kurze Streiflichter zu spezifischen Themen und Personen. Bewusst sei ein anderes Konzept gewählt worden als bei den bisherigen Bänden der SIG-Schriftenreihe zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz, wo nur ein bis drei Autoren mitgewirkt hätten, ergänzte Jacques Picard. Damit lasse man sich auf ein «hoffentlich fruchtbares Abenteuer» ein. Im Sinne eines «work in progress» wurden die Kurzvorträge der Tagung als vorläufige Ergebnisse der Forschung angekündigt.

Schnelle Berner bei Juden-Verfolgung

Schon Silvia Schroer, Dekanin der Theologischen Fakultät der Universität Bern, wies in ihrer Begrüssung darauf hin, dass Bern bezüglich der Juden «kein makelloses Ruhmesblatt» ist. Der emeritierte Historiker Rainer Schwinges wies in seinem Überblick zur Situation der Juden zwischen 1200 und 1800 denn auch darauf hin, dass Bern 1293 die erste Stadt der Schweiz war, welche die Juden unter dem Vorwand eines Ritualmordes verfolgte. Und 1348 wurden die Juden hier sogar erstmals in Europa im Zusammenhang mit der Pest der Brunnenvergiftung bezichtigt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Dies alles in unmittelbarer Nachbarschaft zu Biel, wo die Juden keinen Verfolgungen ausgesetzt waren (vgl. tachles 25/2011). Laut Schwinges gab es in Bern auch Zeiten, in denen die Juden mit dem Angebot des Bürgerrechts angeworben wurden, doch sei ihre Zahl bis 1800 immer gering geblieben, und Quellenmaterial sei rar.

Synagoge und Evangelische Gesellschaft

Dies änderte sich 1848, als die Vorgängerin der heutigen jüdischen Gemeinde gegründet wurde. Angela Bhend, Doktorandin in Basel, stellte die von Pferde- und anderen Händlern geprägte Gemeinschaft an Hand einzelner Beispiele vor. So etwa Nathan Bloch, den Urgrossvater des späteren SIG-Präsidenten Rolf Bloch, welcher von 1867 bis 1874 als Präsident amtierte. Oder Kilian Wyler, Gründer der Berner Warenhalle, den Grossvater von Odette Brunschvig, der Witwe eines anderen späteren SIG-Präsidenten (vgl. tachles 22/2011). Oder auch das Warenhaus Loeb, das auf
eine 130-jährige Geschichte zurückblickt (vgl. tachles 35/2011). Dieses Warenhaus war auch Ron Epstein eine Erwähnung wert, der über die Synagogen Berns referierte. Mit einem Pendel habe der Architekt der 1906 eröffneten Synagoge bei Loeb nämlich die erforderliche Höhe des Gebäudes getestet. Bereits 1855 hatten die Berner Juden allerdings eine Synagoge eröffnet; das Gebäude an der heutigen Genfergasse sei zuvor von der Evangelischen Gesellschaft genutzt worden – «ein assimilativer Prozess», wie Epstein sagte.

Von Einstein bis Weizmann

Hans-Rudolf Ott, Präsident der Albert-Einstein-Gesellschaft Bern, schilderte in anekdotischer Weise das Wirken des «Man of the Century» als «Freizeit-Wissenschaftler», der 1905 nebst seiner 48-Stunden-Woche am Eidgenössischen Patentamt fünf pionier-hafte physikalische Arbeiten veröffentlichte. Nach Bern sei das Genie dank Vermittlung eines Studienkollegen übrigens nur gekommen, weil er in Zürich mit seiner Dissertation abgeblitzt war. Wie die ehemalige Universitäts-Archivarin Franziska Rogger in ihren Ausführungen über jüdische Dozierende und Studierende zwischen 1870 und 1945 erklärte, wirkten nebst Einstein auch andere bekannte Persönlichkeiten in Bern. Die Liste reicht von Gershom Scholem und Walter Benjamin bis zu Chaim Weizmann, dem ersten Staatspräsidenten Israels. Die antisemitischen Gesetze in Russland führten aber nicht nur viele Juden an die Uni-
versität Bern, sondern Bern war auch ein Zentrum der Bundisten im Exil, also der russisch-jüdischen Sozialisten. Wie die junge Forscherin Sandrine Mayoraz darlegte, verlagerte sich ihr Wirken allerdings nach Genf, nachdem David Machlin, Sekretär des Zentralbüros, 1905 nach dem Fund von Sprengstoff in seiner Wohnung des Landes verwiesen worden war.