Korrupte Klempner

von Andreas Mink, April 22, 2010
In seinem neuen Buch rechnet der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz mit der entfesselten Marktwirtschaft der vergangenen 25 Jahre ab. Damit stimmt er seine Leser auf eine stürmische Zukunft ein.
MITVERANTWORTLICHE UND PROFITEURE DER KRISE? US-Wirtschaftsminister Timothy Geithner und Zentralbankchef Ben Bernanke

Joseph Stiglitz hat im vergangenen Februar seinen 67. Geburtstag gefeiert. Die mit dem Alter einhergehende Milde hat ihn jedoch noch nicht erreicht. In seinem neuen Buch «Freefall» holt der Wirtschaftsnobelpreisträger von 2001 zu einer temperamentvollen Generalabrechnung mit der entfesselten Marktwirtschaft aus, die in seinen Augen bereits in der Reagan-Ära die Weichen zur grossen Rezession unserer Tage gestellt hat. Das Buch erscheint Ende April auf Deutsch unter dem Titel «Im freien Fall: Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft» im Siedler-Verlag. Dabei geht Stiglitz streckenweise Terrain ab, das er zuvor in internationalen Bestsellern wie «Die Schatten der Globalisierung» dargestellt hat. In «Freefall» formuliert er seine Thesen jedoch schärfer, auch wenn das Buch streckenweise hastig wirkt und unter Wiederholungen leidet. «Freefall» hat in den USA eine breite Diskussion ausgelöst und wurde allein in der «New York Times» in drei verschiedenen Ressorts positiv rezensiert.

Die Rolle des Staates

Im Gegensatz zu den meisten Abhandlungen über die grosse Rezession wendet sich Stiglitz vertrauten Themen wie «Immobilienblase», «Derivate» oder «Kollaps von Lehman Brothers» erst zu, nachdem er die Ursachen der Krise identifiziert hat: Statt auf vertraute Bösewichte wie Grossbanken und Hedgefonds, die sich die amerikanische Politik durch Wahlspenden und Lobbyarbeit willfährig machen, zielt er auf Fachkollegen sowie die Verantwortlichen bei der Zentralbank und anderen Aufsichtsbehörden. Grundsätzlich sieht sich Stiglitz durch die Krise jedoch als Keynesianer bestätigt. Wie der grosse britische Ökonom John Maynard Keynes begreift auch Stiglitz den Staat als «ausgleichende Kraft», die ständig im Wirtschaftsleben präsent sein muss, statt – wie im Herbst 2008 geschehen – erst rettend einzugreifen, wenn die Märkte zusammenbrechen. Während die konservativen Theoretiker aus der Chicago School von Milton Friedman und Friedrich von Hayek die «Selbstheilungskräfte» freier Märkte beschwören, stellt Stiglitz die aktuellen Verwerfungen in eine Reihe mit den weltweit über 120 Wirtschaftskrisen seit dem Ende des Kalten Kriegs. Diese wurden in seinen Augen stets auch durch den «Mangel an Durchsichtigkeit und die ungleiche Verteilung von ökonomischen Informationen» ausgelöst: Wenn Aufsichtsbehörden nicht für die Offenlegung relevanter Informationen sorgen, agieren die Marktteilnehmer im Dunkeln und sind Missetätern hilflos ausgeliefert.

Für Joseph Stiglitz können Märkte daher grundsätzlich nicht ohne staatliche Eingriffe funktionieren. Daraus zieht der Professor der Columbia University in New York etwa den praktischen Schluss, dass Derivate nicht mehr wie bislang meist unter Ausschluss der Behörden oder Medien zwischen Finanzinstituten oder Investoren gehandelt werden sollten. Hier setzt auch seine Kritik
an der Regierung Barak Obamas an, die 18 Monate nach dem Lehman-Kollaps immer noch keine Neuordnung der Märkte durchsetzen konnte – oder wollte. Für Stiglitz setzt das zögerliche Tempo Obamas das halbherzige Vorgehen der Regierung beim Konjunkturpaket und der Rettung von Banken und Automobilkonzernen im letzten Frühjahr fort. War der «Stimulus» zu knapp bemessen und zu breit gestreut, um etwa die marode Infrastruktur Amerikas revitalisieren zu können, wäre eine staatliche Übernahme oder Abwicklung der Finanzinstitute den Steuerzahler billiger gekommen als Milliardenspritzen aus dem Steuersäckel. Auf die damaligen enormen politischen Widerstände auch bei den Demokraten gegen massivere staatliche Eingriffe geht Stiglitz jedoch kaum ein, wenn er Obama fehlenden Weitblick und eine «Politik des Durchwurstelns» in der Krisenbewältigung vorwirft.

Schwierige Nähe von Wirtschaft und Politik

Dies ist angesichts der Vertrautheit des Nobelpreisträgers mit Washington verwunderlich. Stiglitz war unter Bill Clinton Mitglied und Vorsitzender des offiziellen Wirtschaftsbeirats und danach Chefökonom der Weltbank, die er anschliessend mit seinem viel zitierten Band «Globalization and Its Discontents» attackiert hat. Sein Folgewerk «The Roaring Nineties» nahm die Wirtschaftspolitik der Clinton-Administration aufs Korn. Dass er zunächst an politischen Entscheidungen mitgewirkt und diese dann vom akademischen Schreibtisch aus zerpflückt hat, trug Stiglitz etwa im «New Yorker» Kritik ein. Da er seit gut zehn Jahren keine offiziellen Positionen mehr in der Politik innehat, schreibt er heute frei von derartigem Ballast. Er spricht daher auch für seine eigene Situation, wenn er Barak Obama ans Herz legt, bei der Bankenregulierung auf das Urgestein Paul Volcker zu hören: Dieser habe im Gegensatz zu Timothy Geithner oder Larry Summers keine Karriereambitionen mehr und setze seinen Sachverstand ohne falsche Rücksichten ein.

Marktfundamantalisten

So erklärt Joseph Stiglitz das zögerliche Tempo der jetzigen Regierung nicht allein durch Widerstände der Finanzlobbys, sondern mit dem Einfluss der «Marktfundamentalisten» in der Umgebung des Präsidenten. Hier wird sein Ex-Kollege aus der Clinton-Ära Larry Summers zur Zielscheibe, der heute im Weissen Haus als Wirtschaftsberater dient. Stiglitz macht Summers neben dem ehemaligen Zentralbankchef Alan Greenspan und dem Ex-Finanzminister Robert Rubin mit für die grosse Rezension verantwortlich: Das unheilige Trio habe die Märkte von den nach der grossen Depression geschaffenen Auflagen befreit. Zudem hält Stiglitz Alan Greenspan, dem «Hohepriester des Marktfundamentalismus», die lockere Geldpolitik vor, die zunächst zur Dotcom- und dann zur Immobilienblase geführt habe. Auf einer grundsätzlicheren Ebene moniert Stiglitz, dass Greenspan es den Amerikanern ermöglicht hat, über so viele Jahre auf Pump zu leben: Niedrige Zinsen haben nicht nur zu einem Bau- und Kreditboom geführt, sondern auch zu leichtsinnigen Krediten auf Grundeigentum, die neben dem Konsum auch die Immoblienspekulation angetrieben haben.

Stiglitz wirft Obama vor, er habe ein wirtschaftspolitisches Team um sich versammelt, das «den Finanzmärkten Vertrauen einflösst und den Bankern gefällt». Larry Summers zählt für Stiglitz, ebenso wie Wirtschaftsminister Timothy Geithner und Zentralbankchef Ben Bernanke, zu «den Leuten, die in die Fehler der Vergangenheit verwickelt sind». Er wirft diese Offiziellen in einen Topf mit den Wall-Street-Grössen, die seit dem letzten Frühjahr systematisch versuchen, die Krise herunterzureden und als normalen Zwischenfall im Konjunkturzyklus darzustellen. Wenn er Geithner, Summers, Bernanke und deren Freunde an der Wall Street als «Klempner» beschreibt, läuft Stiglitz zu grosser Form auf: «Erst haben diese Leute das deregulierte Leitungssystem der Finanzmärkte gelegt. Als dieses geplatzt ist, waren sie zur Stelle und haben sich zur Behebung des Schadens angeboten. Von beidem haben sie kräftig profitiert.»

Der Professor will den korrupten Klempnern das Handwerk legen, aber dabei hat er vermutlich nicht mit dem für Barak Obama charakteristischen Pragmatismus gerechnet: Die «Klempner» sitzen ja nicht zufällig heute im Kabinett oder in der Zentralbank, sondern auf Wunsch des Präsidenten. Inzwischen sollte klar sein, dass Obama eben nicht – wie auch von grossen europäischen Zeitungen immer wieder behauptet – «linksaussen politisiert», sondern bestehende Verhältnisse im Wesentlichen unangetastet lässt und stets Kompromisse und Innovationen sucht, mit denen etwa mächtige Industrielobbys leben können.

Reformeifer

So legt der Leser «Freefall» auch mit der Erkenntnis aus der Hand, dass im wohl gerundeten Bauch des ergrauten Wirtschaftswissenschaftlers ein reformerisches Feuer brennt, das den im Schnitt 20 Jahre jüngeren Machteliten der Demokraten in Washington völlig abgeht. Da die Analysen und Argumente von Stiglitz über weite Strecken zwingend wirken, lässt sich auch seine Schlussfolgerung schwer von der Hand weisen, dass die halbgaren Reaktionen auf die Krise nicht nur die Rezension verlängern, sondern auch einer Wiederholung Vorschub leisten dürften. Am Ende seines Buches findet Stiglitz jedoch besorgte, ja weise Worte, die nach der harschen Abrechnung mit den «Klempnern» überraschen. Zum einen plädiert er für eine Erneuerung der grossen amerikanischen Tradition der Entwicklung und Produktion von Industriegütern, deren Blüte er als Junge in der heute völlig darniederliegenden Stahlstadt Gary, Indiana, erlebt hat: Die Zeiten, in denen die amerikanischen Volkswirtschaft auf Finanzdienstleistungen und Pump beruhen konnte, sind für Stiglitz mit dem Lehman-Kollaps zu Ende gegangen.

Zudem hat ihm die Krise gezeigt, dass die Amerikaner nicht nur über ihre Verhältnisse gelebt, sondern in ihrem rastlosen Streben nach materiellen Dingen die wesentlichen Aspekte des Lebens aus dem Blick verloren haben: Dass Menschen immer noch aufeinander angewiesen sind und die enormen, vor der ganzen Weltbevölkerung liegenden Probleme nur gemeinsam bewältigen können. Dazu gehört für Stiglitz nachhaltiges Wirtschaften und der Abschied von einer Lebensweise, die kommende Generationen nicht nur durch verantwortungslose Kreditaufnahmen beraubt, sondern viel mehr noch durch die masslose Verschwendung natürlicher Ressourcen. Stiglitz beruft sich bei diesen Maximen auf seine eigenen Eltern: Charlotte und Nathaniel Stiglitz haben ihm vor seiner glanzvollen Karriere zu einem Beruf geraten, mit dem er seinen Mitmenschen nützlich sein kann. Auch mit «Freefall» ist er dem Wunsch seiner Eltern gefolgt.