Kontroverse um orthodoxen Vorsitzenden
Wird der erste orthodoxe Vorsitzende der Argentine Israelite Mutual Association (AMIA), des Dachverbandes der Juden in Argentinien, die ganze jüdische Gemeinschaft des Landes repräsentieren? Diese Frage beschäftigt die argentinischen Juden, nachdem laut einem Zeitungsartikel Guillermo Borger, der neue AMIA-Präsident, von «echten Juden» gesprochen haben soll. Der 59-jährige Borger, ein Sohn von Holocaust-Überlebenden, dementierte dies anlässlich seiner Antrittsrede. «Einige der mir unrichtigerweise zugeschriebenen Sätze habe ich so nie gesagt», meint der Geschäftsmann im AMIA-Hauptquartier in Buenos Aires. «Wir werden die Rolle von AMIA als Repräsentantin aller Juden ohne Ausnahme stärken. Wir wollen eine offene AMIA.»
«Clarín», die führende Zeitung des Landes, beharrt dagegen auf der Richtigkeit des veröffentlichten Zitats. Dem zufolge sagte Borger, «echte» Juden seien solche, die ein Leben führen, welches «auf allem basiert, was die Thora, unser heiliges Buch, uns diktiert». Es sei paradox, dass «Menschen sich Juden nennen, wenn sie die Religion nicht praktizierten», wurde Borger in «Clarín» zitiert.
Eine merklich gestärkte Postition
Die orthodoxe Gemeinschaft stellt zwar immer noch eine Minderheit unter den rund 250?000 Juden Argentiniens dar, doch seit der sozialen Unterstützung im Anschluss an die Wirtschaftskrise von 2001, die ihr zuteil wurde, hat sich ihre Position merklich gestärkt. In verschiedenen Kreisen rechnet man nun damit, dass wegen der neuen AMIA-Führung Themen wie interreligiöse Ehen, nicht orthodoxe jüdische Schulen und jüdische Begräbnisse für Konvertiten zu kontroversen Angelegenheiten in der Gemeinde werden könnten. «Wir werden tun, was wir können, ohne deswegen das jüdische Gesetz zu verletzen», so Tomy Saieg, ein orthodoxes Mitglied der neuen Verwaltung, der auch dem alten Vorstand angehörte. «Wir sind alle echte Juden», fügt der Mann hinzu, dessen Eltern nicht orthodox sind.
Während Borger seine Antrittsrede hielt, protestierten ein Stockwerk weiter oben rund 200 Personen gegen die angeblichen Äusserungen des neuen AMIA-Chefs. «Diese Institution muss alle argentinischen Juden repräsentieren», so Ezequiel Herszage, ein Student und Vertreter der konservativen Jugendbewegung. «Unter diesen sind die Orthodoxen eine Minderheit.» Dardo Esterovich, Präsident der Convergencia, einer Bewegung für humanistisches und pluralistisches Judentum, hat «recht negative» Erwartungen. «Diese neue AMIA-Führung hat eine sehr restriktive Haltung bezüglich des Gemeindelebens», sagt er.
Unerwartete Unterstützung
Brogers Orthodox United Religious Bloc tat sich letzten Monat mit der Gruppe AMIA for All zusammen und bildete eine neue Koalition. Dieser Schritt war nötig geworden, nachdem keine der fünf Parteien, die ins Rennen gegangen waren, in den Wahlen vom April die nötige Mehrheit erringen konnte, um das Präsidentenamt zu übernehmen. Der orthodoxe Block errang 38 Prozent der Stimmen, doch erhielt er unerwartete Unterstützung von AMIA for All, die mit 23 Prozent auf dem dritten Platz landete. An der Spitze dieser Bewegung steht Rabbi Sergio Bergman von den progressiven Juden Argentiniens. Die neue Koalition verdrängte die Arbeitspartei von der Spitze, welche seit 50 Jahren die Juden des Landes geführt hatte.
Borger wird drei Jahre lang Präsident von AMIA sein. In seiner Antrittsrede betonte er, AMIA werde fortfahren, Gerechtigkeit bezüglich Bombenanschlag von 1994 gegen das Gemeindezentrum zu fordern. Bei dem Attentat waren 85 Menschen getötet worden. Bisher wurde niemand zur Rechenschaft gezogen, doch die Verwicklung Irans gilt als gegeben.
Florencia Arbiser