Konsequent inkonsequent
Wenn über die Darstellung Israels in den Medien diskutiert wird, wie das letzte Woche an einem Podiumsgespräch in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich der Fall war, geht es sehr schnell auch um sprachliche Feinheiten: Muss es Grenzmauer, Grenzzaun oder Absperranlage heissen, und liegt diese Anlage nun teilweise jenseits der Grenze, oder muss man hier korrekterweise von einer Waffenstillstandslinie sprechen? Und immer wieder wird dann auch der Vorwurf laut, es sei irreführend, von «jüdischen Siedlern» zu sprechen, korrekt wäre vielmehr «israelische Siedler».
Der Einwand ist im Grunde absurd, denn die Zahl nichtjüdischer Siedler lässt sich vermutlich an einer Hand abzählen. Aber bei dieser Diskussion geht es ja auch gar nicht um einige verirrte christliche Siedler; vielmehr verwahren sich viele Juden ausserhalb Israels dagegen, mit Israel in einen Topf geworfen zu werden. Was in Israel vor sich geht, ist Sache dieses Landes und hat mit den Juden in der Diaspora – sei es in der Schweiz oder anderswo – nichts zu tun. Die hiesigen Juden wollen nicht für eine Politik geradestehen, die sie nicht zu verantworten haben. Eine nachvollziehbare, im Grunde ganz logische Haltung, nur scheint sie nicht ganz ehrlich.
Es sind ja nicht nur undifferenzierte Journalisten und verbohrte Antisemiten, die nicht sauber zwischen Israeli und Juden unterscheiden, es sind auch die Juden selbst, die solchen Vorschub leisten. Viele Juden in der Schweiz und anderswo in der Diaspora fühlen sich emotional mit dem Land verbunden, engagieren sich oft auch in Organisationen, die Israel in irgendeiner Form unterstützen. In der Synagoge ist in Predigten oft zu hören, dass man ganz besonders an «unsere Verwandten und Freunde» in Israel denken soll.
In der Schweiz ist es nicht ungewöhnlich, dass ein jüdischer Jugendbund, der sich selbst noch nicht einmal als zionistisch versteht, regelmässig die «Hatikwa» singt. In den USA wiederum ist es keine Seltenheit, dass in Synagogen vorne links und rechts zwei Flaggen aufgestellt sind – eine amerikanische und eine israelische. Zwei Beispiele unter vielen, die zeigen, dass sich ganz offensichtlich viele Juden im Ausland ganz selbstverständlich und in hohem Masse mit Israel identifizieren. Kann es da erstaunen, wenn dies auch andere tun?
Israel ist für die Juden in der Diaspora ein wichtiger Teil ihrer Identität. Die Tatsache, dass Juden, die nicht in Israel leben, oft viel empfindlicher auf Kritik am jüdischen Staat reagieren als die Bewohner des Landes, unterstreicht dies nur. Nun ist das ja auch nicht weiter erstaunlich: Viele Juden haben Verwandte und Freunde in Israel, pflegen regelmässigen Kontakt mit dem Land. Sicher kann es nicht darum gehen, ein für alle Mal für oder gegen Israel Stellung zu beziehen. Dass man sich einerseits mit dem Land identifiziert und andererseits nicht mit ihm gleichgesetzt werden will, wenn es um seine negativen Seiten geht, mag inkonsequent sein, ist aber nur allzu menschlich. Nur darf man sich nicht wundern, wenn andere diesbezüglich nicht konsequenter sind.