Kommt die muslimische Intifada?

April 8, 2010
Amira Hass zur Lage in Israel

Zufriedenheit. Sie strahlt aus israelischen Gesichtern, zumindest wenn man Leute zum Massstab nimmt, die gerade aus Ramallah
oder Gaza gekommen sind und das Treiben in der Jerusalemer Ben-
Yehuda-Strasse, im Einkaufszentrum von Ramat Aviv oder auf dem internationalen Flughafen Ben Gurion beobachten.

Israeli leben für den Augenblick. Das gleicht der Selbstgefälligkeit, die Premier Binyamin Netanyahu bei seinem jüngsten «Heimspiel» an der AIPAC-Konferenz verbreitet hat. Sind unsere Diplomaten ausgewiesen worden?

Ist die US-Administration verärgert? Wir senken unser Haupt für einen Moment, der Sturm wird sich legen und wir werden in den ehrbaren Club der OECD aufgenommen werden. Die Hauptsache ist doch, dass Israels sture Separationspolitik Erfolg hat, und dass zwei sich feindlich gegenüberstehende palästinensische Einheiten geschaffen worden sind.

Die eine errichtet ihr islamisches Herzogtum in einer isolierten Enklave und reicht Versprechungen herum, der zweite Schritt zur Befreiung von Jerusalem und Haifa sei schon vollzogen. Die andere Einheit beherbergt voller Stolz in ihren kleinen, dicht bevölkerten Enklaven Repräsentanten von Spendernationen und versucht, alle davon zu überzeugen, dass dies der Weg hin zu einem Staat ist, der alles einschliesst – das Niemandsland, Gaza, Al-Aqsa, Latrun und die rund 70 Quadratkilometer, die Israel unter dem Namen Jerusalem annektiert hat.

Wir Israeli wissen aber, dass dies alles gleichermassen imaginär ist. Wir sind die Verzauberer des Status quo. Wir richten ihn nach eigenem Gutdünken ein, bewegen eine Parzelle von hier nach dort, eine Militärbasis von dort nach hier, bis die Welt ihr Einverständnis gibt. Mit Gottes Willen wird auch Ramallah ein heiliger Ort genannt werden, und aus Gaza wird eine ägyptische Bezirkshauptstadt.

In den beiden separaten Einheiten sieht die Zukunft aber anders aus. Ihre gegenseitig widersprüchliche Rhetorik basiert auf einer ähnlichen Annahme: Sowohl in Ramallah als auch in Gaza glaubt man, dass die Veränderung letzten Endes von aussen kommen wird, eine Ansicht, die auch vom Volk geteilt wird.

Die Regierung in Ramallah erwartet, dass die USA, Europa und die prowestlichen arabischen Staaten zur Vernunft gelangen und Israel zu etwas zwingen werden, was es seit 1968 vermieden hat: Zum Rückzug (mit geringfügigen Grenzkorrekturen) und zur Heimschaffung der Siedler. Die Regierung in Ramallah erwartet, dass externe Faktoren Israel veranlassen werden, das zu verstehen, was es aus eigenem Antrieb nicht versteht. Dieser Position haftet nichts Prahlerisches an. Vielmehr ist sie voller Mitgefühl für das israelische Volk, das sich in einer Blase alle historischen Vorgänge ignorierenden Selbstgefälligkeit eingeschlossen hat.

Vor über zehn Jahren, während einer der ergebnislosen Gesprächsrunden zwischen Israel und den Palästinensern, erlaubte sich der Chefunterhändler Saeb Erekat, verwundert zu fragen: «Denken die Israeli nicht an ihre Enkelkinder?» Eine ähnliche Frage hört man von Einwohnern in Gaza, deren Wohnungen zerstört und deren Kinder getötet worden sind, aber auch von palästinensischen Bauern in der Westbank, die von Siedlern immer wieder verfolgt werden: «Verstehen die Israeli nicht, dass sie sich nicht auf ewig auf ihre wirtschaftliche und militärische Überlegenheit verlassen können? Verstehen sie nicht, dass es unmöglich ist, auf ewig ein aggressives Regime aufrecht zu erhalten, das auf extremer Ungleichheit und Privilegien für Juden fusst?» Es handelt sich in anderen Worten um eine Bitte an den Westen: «Wenn Israel euch so wichtig ist, rettet es vor sich selbst.»

Gemäss dieser Betrachtungsweise ist die jüdisch-israelische Gemeinschaft ein integraler Bestandteil der Region, sei dies nun in einem Staat, in zweien oder in einer Staatenföderation. Es spielt keine Rolle. Die Betrachtungsweise sieht konkrete Zeitrahmen vor für die Verwirklichung: zwei Jahre, fünf Jahre, oder auch zehn, und hat immer noch Vertrauen in den gesunden Menschenverstand westlicher Provenienz.

Die Regierung in Gaza dagegen rechnet mit dem Ausbruch einer muslimischen Intifada in den Ländern der näheren oder weiteren Umgebung. Diese würde das regionale und globale Kräftegleichgewicht auf den Kopf stellen: Völker werden sich erheben, prowestliche Regierungen werden stürzen, und die neuen Regimes werden keine Toleranz gegenüber westlicher Hilfe für Israel oder gegenüber dem ausländischen Element zeigen, das der Westen im Osten eingepflanzt hat.

Gemäss diesem Szenario ist zudem Israel allein für alles verantwortlich, was geschieht oder geschehen mag. Gleichzeitig gibt es bei diesem Szenario keine Sensibilität für eine Einheit, die eine Milliarde seiner Nachbarn als unwichtig ansieht. Wer geduldig auf eine sich weit ausdehnende muslimische Intifada wartet, ist überzeugt davon, dass dieses Szenario, und nicht jenes, das mit Aktionen des Westens rechnet, verwirklicht werden wird. Schliesslich, so wird im Brustton der Überzeugung argumentiert, kann der Westen nicht aus seiner Haut fahren.


Amira Hass ist Journalistin und lebt in Israel.