Kommentar

March 25, 2010

Totentanz

Zieht Premier Netanyahu die Notbremse und rettet Israel vor dem Rückfall ins schwärzeste Mittelalter? Von Washington aus, wo er versucht hat, das angeschlagene Verhältnis mit den USA wieder einzurenken, verfügte er, mit der Verlegung der Baustelle für die neue, gegen Bomben geschützte Notfallstation des Barzilai-Krankenhauses in Ashkelon einen Monat zu warten, bis eine Kommission abgeklärt hat, ob die am ursprünglichen Standort gefundenen Gräber jüdische Knochen enthalten oder nicht. Einmal mehr haben extreme Ultraorthodoxe (Charedim) ihre egozentrische Denkweise in die Wagschale geworfen und die Verlegung der Baustelle gefordert, weil in den entdeckten Grabstätten möglicherweise Juden ihre letzte Ruhestätten gefunden haben. In diesem Fall dürfen nach charedischer Weltanschauung die Gräber nicht umgebettet werden, weil das die Auferstehung der Toten bei der Ankunft des Messias beeinträchtigen würde. Schon oft hat diese Kontroverse handgreifliche Konflikte zwischen Archäologen und Charedim ausgelöst und wichtige Bauvorhaben manchmal um Jahre verzögert. Die Charedim, die in Vizegesundheitsminister Rabbi Litzman einen loyalen Verbündeten in der Regierung haben, geben keinen Pfifferling auf einen Bericht der Archäologiebehörde, die Gräber seien «höchst wahrscheinlich» heidnisch und nicht jüdisch. Sehr für diese Theorie sprechen die nackte Figuren zeigenden Illustrationen – ein Brauch, den Juden so weit bekannt nie gepflegt haben. Für Charedim spielt es auch keine Rolle, dass die Verlegung der Station erstens Mehrkosten von lumpigen 130 Millionen Schekel verursacht und zweitens die Fertigstellung des Baus um zwei Jahre verzögert. Es scheint ihnen auch egal zu sein, dass sie mit ihrer Haltung möglicherweise Leben riskieren, liegt Ashkelon doch im Zielbereich von feindlichen Kassem-Raketen. Schliesslich haben die Leute um Litzman – in typisch charedisch-ulimativer Manier drohte er bei einer Nicht-Verlegung mit dem Rücktritt – wohl auch noch nie von Jeffrey Woolf gehört, Dozent am Talmud-Departement der Bar-Ilan-Universität. Laut Woolf enthält die Halacha klare Bestimmungen für den Transport sterblicher Überreste von Menschen. Halten wir es doch mit Maimonides beziehungsweise Rambam: Alles in Zusammenhang mit der Auferstehung werde geschehen, meinte der grosse Gelehrte, doch hätten wir keine Ahnung wie. Bis dann sollten wir uns den Grundsatz aneignen, dass das Leben immer einen höheren Stellenwert besitzt als der Tod. [ju]