Kolumne: Tel Avivs Taxifahrer Max
Als wäre in diesem Land schon jeder einmal verwundet worden, zeigte Max wie selbstverständlich seinen rechten Arm und den breiten, vernarbten Kiefer. Mit dem Militärjeep sei er in den Golanhöhen unterwegs gewesen, dann sei «the explosion» passiert. Heute fährt Max, der wirklich so heisst, Taxi in Tel Aviv, und die Stadt heisst übersetzt «Frühlingshügel».
Jetzt fragt sich jeder, was der arabische Frühling in den Köpfen von Israelis wie Max ändert. Wie jeden Tag grüsste der Taxifahrer den jungen Sicherheitsmann vor der Kontrollkabine zum Flughafen Ben Gurion und verfluchte ihn hinterher. «Wozu brauchen wir ihn?» Dieser Landsmann da könne nichts dafür, sagte Max. Aber Israel als Ganzes kranke an den «security reasons». Die Sicherheit sei das ruinöse Geschäft mit der Furcht vor dem Feind, deshalb diese Kontrollkabine, das zwischenzeitliche Verbot des iPad, die Checkpoints, die Jets, die Mauer.
Zu Hause füllt sich Max jeden Morgen eine Literflasche ab und trinkt tagsüber nur aus ihr. Hausgemacht ist auch das Sandwich von seiner Frau, sein Mittagessen. Am Tag unserer Fahrt stand in Israels liberalem Gewissen, der Zeitung «Haaretz», wie unerträglich teuer das Leben hier geworden sei. Seit 2006 kosten den Israeli Cornflakes 35,5 Prozent, Käse 47 Prozent und das Kilo Pfirsiche 56,7 Prozent mehr. Und die Löhne stagnieren. Das Geld reicht kaum für die Universität, welche Tochter und Sohn von Max in einigen Jahren besuchen sollen. Und der Sold des israelischen Militärs, in dem die Tochter knapp zwei, der Sohn drei Jahre dienen werden, reiche für ein halbes Eis am Strand oder ein paar Zigaretten. «You understand!?» Max war stinksauer.
Als er an den heruntergekommenen, überteuerten Häusern der Agglomeration vorbeifuhr, die seit Tagen die Zeltstadt-Proteste der Jugend zeitigen, war der US-Präsident an der Reihe. «We don't need Obama here.» Ebenso wenig Medwedew und die Russen. Stattdessen müssten sich die Deutschen («Merkel, very strong!»), die Franzosen, die EU einschalten, das seien die einzigen, die hier keine Interessen verfolgten. Max will eine Einstaatenlösung, einen binationalen Staat. Eine gemeinsam mit den Palästinensern geführte Polizei würde dann die wenigen Fundamentalisten und Selbstmordwilligen verfolgen, und nirgends könnten sie sich mehr verstecken. «You understand!?» Max dankte für das Trinkgeld, gab Gas.
Thomas Zaugg ist Journalist und Autor bei «Das Magazin»