Kollektive Bewusstlosigkeit
Die Reaktion von Premierminister Binyamin Netanyahu und der Horde seiner Sprecher auf die internationale Kritik bezüglich der Bewilligung von Bauplänen für das jenseits der «Grünen Linie» liegende Jerusalemer Wohnviertel Gilo erinnert an den Witz von dem Diener, der den König in sein Hinterteil gekniffen hatte. Auf dem Weg zum Galgen entschuldigte sich der Diener mit dem Hinweis, er habe gedacht, es habe sich um den Allerwertesten der Königin gehandelt.
Die israelische Haltung, wonach wir in Jerusalem ganz nach Belieben vorgehen können, ist ein Symptom für die bösartige Krankheit, die Israel jegliches Bewusstsein und jegliche Aufmerksamkeit verlieren lässt. Die kürzliche Rede von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas vor der Uno-Vollversammlung zeigte, dass auch die Palästinenser an besagter Krankheit erkrankt sind.
Die Kehrseite der jüdischen Vorstellung, ganz Jerusalem gehöre uns und nur uns – eingeschlossen das «heilige Becken», die Altstadt und die palästinensischen Dörfer, die Israel eigenmächtig annektiert hat –, entspricht einem völligen Mangel an Bewusstsein für die muslimische Verbundenheit mit Jerusalem. Mit der Ansicht, alle Stadtteile seien in jüdischem Besitz, das «vereinigte Jerusalem» sei die «ewige Hauptstadt des jüdischen Volkes», beschädigt Israel ein zentrales Ethos seiner Nachbarn. Für die Palästinenser ist die Nichtanerkennung ihrer Verbindung zu Jerusalem gleichbedeutend mit der Negierung ihrer Identität. Der Versuch, einen strenggläubigen Muslim
davon zu überzeugen, dass diese Verbindung nur ein paar Jahrhunderte alt sei, gleicht dem Versuch, einen orthodoxen Juden davon zu überzeugen, dass er an Jom Kippur Schweinefleisch essen darf.
Die Friedhöfe sind voll mit Menschen, die religiöse und nationale Prinzipien angefochten haben.
Die verbalen Auseinandersetzungen zwischen Netanyahu und Abbas erinnern an die Frau, die ihrem aufmüpfigen Sohn immer wieder sagte, sie hoffe, dass er, einmal erwachsen, Kinder haben werde, die ihn gleich behandeln wie er es mit ihr tue. In der Folge pflegte das arme Kind in Tränen auszubrechen. Anstatt den Israeli und der ganzen Welt zu zeigen, dass sie die Glaubensbekenntnisse ihrer Nachbarn respektieren (wenn auch nicht unbedingt akzeptieren), imitieren die Palästinenser das Verhalten der Israeli. In seiner langen Rede vor der Uno stellte Netanyahu die Weigerung der Palästinenser in Frage, das Recht des jüdischen Volkes auf einen Staat im Lande Israel anzuerkennen. Er sagte aber nichts über die Anerkennung des Rechts der Palästinenser auf einen Staat im gleichen Territorium.
Das geschah nicht zufällig. In seiner Rede im Jahr 2009 an der Bar-Ilan-Universität war Netanyahu vorsichtig genug, keinerlei Anspielung auf die historischen Rechte des palästinensischen Volkes zu machen. Im gleichen Atemzug jedoch sprach er von der Verbindung des jüdischen Volkes zum Lande Israel und der «in ihm lebenden palästinensischen Bevölkerung». Es handelt sich für ihn in anderen Worten um ein demografisches Problem, das einer Lösung bedarf. Abbas zeigte, dass auch er dazu fähig ist, die am tiefsten verwurzelten Glaubensbekenntnisse seiner Nachbarn zu negieren und ihre Gefühle zu verletzen. Der Palästinenser sprach vom Heiligen Land als dem Land der Propheten Jesus und Mohammed, er «vergass» aber Moses.
Jemand erklärte, dass Moses aus der Rede ausgelassen worden sei, weil er das verheissene Land nie betreten habe. Mag sein, doch so lassen sich weder Juden überzeugen, noch ist es die Aufgabe von Abbas, zu verkünden, dass es jüdischen Einwohnern nicht gestattet sein wird, in Palästina Fuss zu fassen. Oder wollen die Palästinenser das neue israelische Gesetz kopieren, dessen Zweck darin besteht, arabische Bürger aus jüdischen Gemeinden fernzuhalten? Die Behauptung einiger palästinensischer Politiker, der jüdische Tempel habe nie auf dem Jerusalemer Tempelberg gestanden, ist ein Spiegelbild des Ignorierens der Heiligkeit des Haram al-Sharif (arabischer Name für den Tempelberg) für die Muslime im jüdischen rechten Lager. Sogar von archäologischen Beweisen untermauerte historische Fakten sind in solchen Angelegenheiten irrelevant.
Die gegenseitige Anerkennung der historischen Rechte und der religiösen Bekenntnisse beider Völker ist nicht weniger wichtig als zwei bis drei Quadratkilometer Boden, eine Frühwarnstation mehr oder weniger für die Anzahl der palästinensischen Flüchtlinge, denen die Rückkehr in ihre Heime erlaubt werden soll. Das Unvermögen, die Legitimität der Mythen der Gegenseite anzuerkennen, führt zum Unvermögen, die Krankheit anzuerkennen, welche die Existenz dieser siamesischen Zwillinge bedroht. Es führt zur Verweigerung des Dialogs. Das Ende ist eine Sackgasse.
Die offizielle gegenseitige Anerkennung muss aber das Ergebnis von Verhandlungen sein, zusammen mit einem ernsthaften Versöhnungsprozess und einer Erziehung zum Frieden. Sonst werden wir den zwei Männern im Gedicht des palästinensischen Nationaldichters Mahmoud Darwish gleichen. Nachdem sie zusammen in eine Grube gefallen sind, packen sie den anderen am Hals und weigern sich auch dann loszulassen, als eine giftige Schlange sich auf sie zubewegt.
Akiva Eldar ist Journalist und lebt in Israel.