Kleine Gemeinde mit grossen Massstäben

Von Alex Weisler, December 23, 2011
Vier Synagogen, ein rituelles Tauchbad, ein koscheres Kaffeehaus, und für Buben und Mädchen getrennte religiös-jüdische Schulen. All das lässt in Gibraltar eine jüdische Gemeinschaft mit weit mehr als den 750 angemeldeten Gemeindemitgliedern vermuten.
GROSSER ANDRANG Zahlreiche Eltern holen ihre Kinder von der jüdischen Primarschule der Gemeinde ab

Auf Gibraltar, dem winzigen britischen Überseeterritorium mit 30 000 Einwohnern, das am westlichen Eingang des Mittelmeers an der Südspitze Spaniens liegt, pflegt man seit Jahrhunderten bewusst die Individualität. «Wir haben eine Infrastruktur», sagt Mark Benady, der Vizepräsident der jüdischen Gemeinde von Gibraltar, «die für eine Gemeinde von 2000 Mitgliedern reichen würde. Dabei haben wir nur gerade 700 Leute.»

Starker Zuwachs

Die vorwiegend orthodoxe sephardische jüdische Gemeinde auf Gibraltar ist im vergangenen Jahrzehnt wesentlich gewachsen. Allein in den letzten drei Jahren hat die Gemeinde um 25 Prozent zugenommen, und die jüdische Primarschule mit einer Rekordbelegung von 140 Schülern konnte kürzlich mit staatlicher Hilfe ein weiteres Stockwerk mit modernen Klassenzimmern hinzufügen. Im Verlaufe der Zeit ist die Gemeinde religiöser geworden. Auf Gibraltar leben auch rund 500 Israeli, doch sind diese in der Regel nicht affiliiert mit den offiziellen Organen der jüdischen Gemeinde.
Das Wachstum der Gemeinde wurde teilweise durch günstige Anleihen von rund 15 500 Dollar gefördert, die im Laufe von 15 Jahren zurückzuzahlen sind. Damit wollte die Gemeinde Neuzuzüger vor allem aus England und Spanien ermutigen. Viele, wie etwa Jo Jacobs Abergel, die aus Leicester gekommen ist, sind mit in Gibraltar geborenen Personen verheiratet. Unter den jüdischen Frauen von Gibraltar betrachtet sich Abergel, eine Mutter von drei Kindern, als eine etwas anomale Erscheinung. «Ich bin eine Art Heidin, denn ich gehe in Hosen und bedecke mein Haar nicht», sagt sie.

Englisch, Spanisch und ein Spritzer Hebräisch

Juden leben auf Gibraltar mindestens seit 1356, doch gab es dort nach der Vertreibung der Juden von der Iberischen Halbinsel über 200 Jahre lang kein jüdisches Leben. Das änderte sich 1713, als Grossbritannien die Kontrolle des liebevoll «Gib» oder «der Felsen» genannten Territoriums übernahm. In den Jahrhunderten seither haben Juden immer wieder wichtige politische Positionen besetzt. So war in den Jahren 2008/09 Solomon Levy Bürgermeister von Gibraltar – ein vorwiegend zeremonielles Amt. Andere wiederum sagen, die Mauern zwischen Juden und Nichtjuden seien höher geworden. «Es gibt Juden», sagt Abergel, «die haben überhaupt keinen Kontakt zu Nichtjuden. Sie schicken ihre Kinder an keinerlei Aktivitäten, wenn sie nicht von der jüdischen Gemeinde organisiert sind.»  Das war nicht immer so. Als Student besuchte Benady nicht jüdische Schulen und hatte viele nichtnjüdische Freunde. Das ist heute für junge jüdische Leute auf Gibraltar weniger üblich. Benady würdigt aber die Wärme und Nähe, die das Gefühl eines gemeinsamen Zwecks und Schicksals mit sich bringen.
«An den jüdischen Feiertagen ist es wirklich schön», sagt Benady, der zehn Jahre lang in Manchester arbeitete, dann aber nach Gibraltar zurückkehrte, wo es ihm besser gefiel. «Wir sind wie eine einzige Gemeinde, eine Familie, die zu freudigen und leider auch traurigen Ereignisse zusammenfindet.»
Wie das Territorium selber stehen auch die Juden von Gibraltar mit ihren beiden Füssen in zwei Welten. Die Grenze zu Spanien ist 1967 von Diktator Francisco Franco geschlossen worden, nachdem die Einwohner von Gibraltar sich in einem Referendum mit überwältigender Mehrheit dafür ausgesprochen hatten, britisch zu bleiben. Erst 1985, am Vorabend des spanischen EU-Beitritts, ist die durch die Piste des Flughafens von Gibraltar markierte Grenze wieder voll geöffnet worden. Heute ist das vom berühmten Upper Rock und den nicht weniger berühmten Affen dominierte Gebiet ein Paradies für Gelegenheitsjäger, die unter anderem von den vorteilhaften Angeboten an preisgünstigen Zigaretten und Parfümen profitieren. Auf dem britischen Territorium ist Englisch die offizielle Sprache, die Königin ist Staatsoberhaupt, und das an das britische Pfund gebundene Gibraltar-Pfund ist die offizielle Währung. Der spanische Einfluss bleibt aber stark. Jeden Tag überqueren Spanier auf dem Weg zur Arbeit die Piste, und eingeborene Gibraltaner sprechen ihre eigene Sprache, das Llanito, eine Mischung von Englisch und Spanisch, durchsetzt mit ein paar Spritzern Hebräisch.

Das Problem der Isolation

Idan Greenberg, ein Israeli, der zusammen mit seiner Frau vor dreieinhalb Jahren nach Gibraltar kam, betreibt das koschere Kaffeehaus «Verdi, Verdi» am Casemates-Platz, wo es am Eingang zur Main Street viele Boutiquen, Cafés und Pubs gibt. Zwei der grössten Geschäfte, der Parfümladen S. M. Seruya und der Juwelierladen Cohen and Massias sind in jüdischem Besitz. Das elegant eingerichtete «Verdi, Verdi» würde sich auch an der Upper West Side von Manhattan nicht schlecht machen. Greenberg möchte sein Restaurant für alle Leute in Gibraltar attraktiv machen, doch wie Abergel beklagt er die Insularität, die er mit der zunehmenden Frömmigkeit der Gemeinde in Verbindung bringt. Benady bereitet die Isolation sogar jenseits der eigentlichen Gemeinde Sorgen. «Die nicht jüdische Bevölkerung stimmt es bedenklich, dass wir uns ein wenig isolieren. Es ist aber sehr schwer, zu bestimmen, wo die Linie zu ziehen ist.» Das enge Zusammenleben in der Gemeinde lässt kaum Raum übrig für Juden, die nicht so orthodox leben. In Gilbraltar gibt es keine nicht orthodoxen Synagogen, und die Gemeinde befolgt die religiösen Richtlinien des relativ strikten Bet Din von London.
«Das gesellschaftliche Leben dreht sich grösstenteils um den Schabbat», sagt Abergel. «Das ist sehr verschieden von dem Leben, das ich in England geführt habe. In Grossbritannien konnte man kulturell jüdisch leben. Es gab Bälle, Geldspendeanlässe, und überhaupt sehr viele Möglichkeiten, sich zu engagieren.» Benady hingegen findet, es gebe eine sehr feine Linie, die zwischen Assimilation und Isolierung gezogen werden müsse. «Ich denke, es ist uns gelungen, diese Linie auf eine sehr kluge Weise zu ziehen.»