Klein, fein und (rassen-)«rein»

von Rita Schwarzer, October 9, 2008
Bill Clintons Besuch im «Indian Creek Country Club» hat den exklusiven Zirkel unweit von Miami in die Schlagzeilen gerückt. Nicht zum ersten Mal. Jetzt aber droht dem antisemitisch und rassistisch verrufenen Golfclub erstmals Widerstand auf breiter Front.
Miami: Anziehungspunkt für Prominenz und rassistisches Gedankengut. - Foto Keystone

Miami Beach - Leonhard Miller besitzt ein Traumhaus. Doch wenn er den Fuss über seine Türschwelle setzt, wird er daran erinnert: Hier ist er im Grunde unerwünscht. Denn Leonard Miller ist jüdisch. Und Juden mag man nicht im Golfclub vor seiner Haustür. «Kein gutes Gefühl, an einem solchen Ort zu wohnen», sagt Leonard Miller im Gespräch mit der JR. Ans Wegziehen denkt er dennoch nicht.
Leonard Miller ist eine Kämpfernatur. Seit bald zehn Jahren versucht er, die antisemitische und rassistische Mitgliederpolitik des kleinen, feinen «Indian Creek Country Clubs» zu knacken. Schützenhilfe erhielt er von einigen prominenten Mitgliedern innerhalb des Clubs. Doch der Erfolg blieb bescheiden: Von rund 300 Mitgliedern sind nach Millers Schätzung erst fünf oder sechs jüdisch. Sie hätten lediglich Alibifunktion. Schwarze fehlten ganz. Von der klenen Gemeinde Indian Creek selbst sei bislang noch niemand aufgenommen worden, obschon der jüdische Bevölkerungsanteil inzwischen fast die Hälfte ausmache.

Austritte aus Protest

Einige von Millers Verbündeten haben letztes Jahr die Konsequenzen gezogen. «Führende Persönlichkeiten der Stadt sind aus dem Golfclub ausgetreten», erzählt Arthur N. Teitelbaum, für die Region zuständiger Direktor der Anti-Defamation Leage (ADL) gegenüber der JR. Einer davon ist Alvah H. Chapman, der ehemalige Präsident von «Knight Ridder», dem zweitgrössten Zeitungsverlag der USA.
Trotz derlei Aderlass, gefolgt von Negativ-Schlagzeilen, schmückt sich der «Indian Creek Country Club» weiterhin mit klangvollen Namen aus Wirtschaft, Politik und Show-Business. Zu seinen Mitgliedern gehören zum Beispiel Schlagersänger Julio Iglesias, der US-Botschafter in Belgien, Paul Cejas, oder Howard Baker Jr., ehemaliger Stabschef im Weissen Haus.

Bill Clintons Besuche

Nicht Mitglied, aber wiederholt Gast war auch Ex-Präsident Bill Clinton. Dabei hatte Leonard Miller bereits vor dessen erstem Besuch, 1999, zwei Mitarbeiter in Washington über den umstrittenen Club aufgeklärt. «Die sagten mir, sie hätten alles abgecheckt», erinnert sich Miller. «Die Leitung habe ihnen versichert, ihre Clubregeln seien nicht diskriminierend.» In der Folge führte Clintons Auftritt zu einem kleinen Medienwirbel. Denn Miller, frisch gewählter Bürgermeister von Indian Creek, weigerte sich, den hohen Gast auf dem Gelände eines Golfclubs zu begrüssen, der Juden und Farbige ausgrenzt. «Vermutlich konnte Clinton nicht mehr anders, weil er schon zugesagt hatte», vermutet Leonard Miller rückblickend. Warum der ehemalige Staatschef aber jetzt erneut in diesem konfliktträchtigen Golfclub spielen wollte - drei Tage vor seinem Auftritt im Aventura Turnberry Jewish Center -, bleibt schleierhaft.

Wandel erst in den letzten 10 Jahren

Was der «Indian Creek Country Club» noch immer praktiziert, war in hiesigen Privatclubs jahrzehntelang Norm. Erst während der letzten Dekade, sagt Arthur N. Teitelbaum von der Anti-Defamation League (ADL), hätten viele dieser WASP-Bastionen (White Anglo-Saxon Protestant) ihre restriktive Mitgliederpraxis fallen lassen: «Sei es aufgrund schlechter Presse oder aus finanziellen Überlegungen, nach dem Motto \'everybody\'s money is green\'.» - Anders der «Indian Creek Country Club». Präsident Thomas Bruder hat zwar sämtliche Vorwürfe in den Medien stets zurückgewiesen. Für eine Stellungnahme gegenüber der JR war er nicht zu finden. Die Fakten sprechen jedoch für sich. Arthur N. Teitelbaum von der ADL: «Entgegen anders lautenden Erklärungen der Clubleitung gibt es genügend Gründe anzunehmen, dass die Mitgliedschaft nach wie vor von Religionszugehörigkeit und Hautfarbe abhängig gemacht wird.»
In der Anti-Defamation League zeigt man sich deshalb erfreut über die Resolution, die das Leitungsgremium der Jüdischen Föderation von Greater Miami letzte Woche verabschiedet hat. Darin wird die jüdische Gemeinde der Agglomeration aufgerufen, dem «Indian Creek Country Club» weder beizutreten noch darin irgend eine Funktion zu übernehmen und auch keine Organisationen zu unterstützen, die mit dem Golfclub geschäften.Bevor der Aufruf veröffentlicht wird, möchte die Föderation ihre Resolution aber noch breiter abstützen. Direktor Jakob Solomon zur JR: «Wir hoffen, mit anderen Minderheiten zusammen in der Region eine breite Koalition bilden zu können.» Wie wichtig und sinnvoll ein solcher Schulterschluss ist, zeigte sich einmal mehr letzte Woche: Der «Miami Herald» berichtete über eine Kneipe im Norden Floridas, die noch heute Rassentrennung betreibt. Als ein schwarzer Gast ein Bier bestellte, beschied ihm der Barman kurzerhand: «Schwarze müssen ins Hinterzimmer.» Zufällig war der Gast Anwalt und Bürgerrechtler aus Maryland. Der Mann holte die Polizei, und der Fall wurde publik.
Floridas Gouverneur Jeb Bush verlangte unverzüglich eine Untersuchung. Übrigens: Der Bruder des heutigen US-Präsidenten hatte auch 1999 rasch und eindeutig gehandelt: Er sagte eine Golfpartie mit anschliessendem Lunch im «Indian Creek Country Club» wieder ab, nachdem er von Leonard Miller über die diskriminierende Gangart des Clubs informiert worden war.