Klares Programm ab 2009
tachles: Sie sind nun etwas mehr als 100 Tage Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG). Was haben Sie vorgefunden?
Herbert Winter: Ich habe eine Organisation mit einer kompetenten und engagierten Geschäftsleitung vorgefunden, die vor allem auch hinter den Kulissen grosse und wertvolle Arbeit leistet. Gleichzeitig besteht eine gewisse Verunsicherung über die Rolle, die der Dachverband wahrnehmen soll, um sichtbar zu sein und Mehrwert zu erbringen. Hierzu gibt es in unserer Gemeinschaft ganz unterschiedliche Vorstellungen und eine ziemlich grosse Erwartungshaltung. Dies bedeutet viel Arbeit … Zum Glück darf ich auf das Verständnis und die Unterstützung meiner Familie zählen!
Und in welche Richtung geht der SIG unter der neuen Führung?
Die aufgeworfenen Fragen sind nicht neu, mündeten aber oft in Strukturdiskussionen, die keine Klärung brachten. Wir haben die Aufgaben und Funktionen des SIG kritisch überprüft und sind überzeugt, dass kein grundlegender Richtungswandel nötig ist. Wir wollen jedoch einige neue thematische und kommunikative Akzente setzen. Dies ist auch unter den gegebenen Verbandsstrukturen möglich. Diese sind zwar sicherlich reformbedürftig, wir wollen aber unsere Zeit vorläufig auf Themen und Inhalte ausrichten.
Die Statuten legen die Aufgaben des SIG ja weitgehend fest. Und doch sind es gerade die punktuellen Weichenstellungen, die entscheidenden Charakter haben. Welche Positionen wollen Sie hier einbringen?
Die Vertretung jüdischer Positionen und Interessen bleibt weiterhin zentral. Zu diesem Zweck wollen wir vermehrt in übergreifenden gesellschaftspolitischen Fragen zur Meinungsbildung in unserem Land beitragen. Hierzu sind wir als Teil dieser Gesellschaft legitimiert und auch verpflichtet. Zudem verfügen wir über die nötige historische Erfahrung und Sensibilität, um uns etwa bei Minderheitenschutz- und Menschenrechtsfragen, in ethischen Fragen wie zum Beispiel im Bereich der Medizin, vor allem aber auch in den Bereichen Antisemitismus und Rassismus einzubringen. Wir wollen auch von uns aus aktuelle Themen aufgreifen, die für die tägliche Realität der jüdischen Gemeinschaft und darüber hinaus von aktueller Bedeutung sind. In der Kommunikation wollen wir aktiver mit Politikern und Medienschaffenden sprechen – nicht nur, wenn etwas passiert, respektive zehn Tage danach und kritisierend. Informationsmaterial und Positionspapiere, die wir zu diesen Themen erarbeiten, wollen wir auch den Gemeinden zur Verfügung stellen.
Kann sich der SIG in seiner heterogenen Weise auf Positionen einigen, die es dann zu kommunizieren gilt?
Es gibt eine ganze Menge Fragen, auf die wir uns trotz Heterogenität einigen können. Ein Beispiel dafür ist die Stellungnahme des SIG zur Minarett-Initiative, die wir kürzlich kommuniziert haben. Wichtig ist, dass die Positionen auf einer guten Grundlage basieren. Trotzdem wird es immer Bereiche geben, in denen eine gemeinsame Positionsfindung schwierig oder gar unmöglich ist – dies ist aber auch bei anderen Institutionen und Gemeinschaften so.
Was möchten Sie in den Gesprächen mit Parteien oder Politikern erreichen?
Wir wollen unsere Interessen und Positionen, aber auch unsere Beiträge in der gesellschaftlichen Diskussion sichtbar und verständlich machen, und wir wollen unserseits andere Positionen kennen und verstehen lernen und feststellen, wo es Gemeinsamkeiten und Differenzen gibt. Dazu sind persönliche Beziehungen wichtig.
Ein Dauerbrenner dürfte dabei wohl Israel sein.
In Bezug auf Israel ist unsere Position unverändert. Wir sind nicht Sprachrohr der israelischen Regierung und müssen deren Politik nicht verteidigen. Hingegen setzen wir uns dann ein, wenn Israels Existenzrecht in Frage gestellt, Fakten verzerrt oder andere Massstäbe an das Land gelegt werden als an andere Staaten. Vorfälle also, bei denen wir uns als Juden in der Schweiz mit betroffen fühlen. Unsere Stellungnahmen erfolgen dabei nicht primär durch öffentliche Interventionen, die oft die Positionen verhärten, sondern vor allem im Rahmen der regelmässigen Gespräche.
Also klare Positionen statt Aktionismus?
Aktionismus wollen wir auf keinen Fall. Auch aufgrund unserer beschränkten Kapazitäten müssen wir inhaltliche Schwerpunkte setzen und uns auf klare Prioritäten fokussieren.
Die Volksseele – zumindest jener Teil, der sich immer wieder manifestiert – ruft ja aber zeitweilig eher nach Aktionismus. Wie gehen Sie die Diskrepanz zwischen professionellem Vorgehen und Befriedigung dieses Rufs an?
Ich nehme kritische Stimmen ernst und würde sie nicht als Ruf nach Aktionismus abtun. Wie eingangs erwähnt, gibt es unterschiedliche Vorstellungen darüber, was der SIG zu tun und zu lassen hätte. Ich bin davon überzeugt, dass wir mit einem fokussierten, auf Inhalt ausgerichteten Programm in eine gute Richtung gehen. Nötig ist sicherlich auch, dass wir das, was wir tun, gut kommunizieren, sowohl innerhalb der jüdischen Gemeinschaft als auch nach aussen. Aber auch hier möchte ich den Fokus nicht auf Quantität, sondern auf Qualität legen.
Können Sie den ruhigen Ton auch dem Centralcomité (CC) schmackhaft machen, das ja immer wieder ein anderes Vorgehen fordert?
Ein ruhiger, sachlicher Ton und ein geradliniges Vorgehen sind aus meiner Sicht sogar entscheidend. Ich bin froh, dass wir neben der nur einmal jährlich stattfindenden Delegiertenversammlung auch auf das CC als Sounding Board zählen können, und wir nehmen es als Gesprächspartner ernst. Bei unterschiedlichen Auffassungen werden wir die Diskussion führen und berechtigte Anliegen nach Möglichkeit berücksichtigen. Ich bin überzeugt, dass dies auch im Sinne des CC ist.
Was für Neuerungen haben Sie in den letzten Wochen vorgenommen?
Wir sind daran, unsere thematischen Prioritäten zu setzen und die Kommunikation zu definieren. Ab 2009 wollen wir nach einem klar ausgerichteten Programm arbeiten, die wichtigen Themen professionell bearbeiten und unseren Auftritt durch eine effiziente, frische Kommunikation verstärken. Ab Februar wird uns in der Person von Jonathan Kreutner ein junger, engagierter Generalsekretär unterstützen, was die Umsetzung natürlich stark erleichtert. Wir wollen, wo sinnvoll, auch mit den Liberalen kooperieren, was mir persönlich ein grosses Anliegen ist. Zur Minarett-Initiative haben wir uns ja bereits gemeinsam geäussert und bei der von der Gesellschaft Schweiz-Israel initiierten Besprechung mit Bundesrätin Micheline Calmy-Rey waren wir gemeinsam präsent. Generell wollen wir Bereiche für gemeinsames Auftreten und Handeln finden, die auf längere Sicht hoffentlich wieder zu einer formellen Vereinbarung führen.
Wie steht es um den Verkauf des Berges du Léman?
Auf Seiten der Käuferschaft sind noch einige Punkte zu klären. Wir sind zuversichtlich, das Geschäft bis Ende Jahr abschliessen zu können.
Im September findet die nächste CC-Sitzung statt. Welche Diskussionsthemen gibt es zwischen CC und Geschäftsleitung?
Unserseits wollen wir ein Papier zu den leicht angepassten Aufgaben und Funktionen des SIG sowie unsere Zielsetzungen für die nächsten zwei Jahre einbringen. Dabei soll auch Raum bleiben, um aktuelle Themen zu diskutieren.
Seit einigen Monaten bereiten sich jüdische Organisationen auf die Folgekonferenz von Durban vor, die diesmal in Genf stattfinden wird. Was tut der SIG?
Wir müssen alles daran setzen, dass diese korrekt abläuft. Israel-Bashing bis hin zu antisemitischen Auswüchsen, wie sie in Durban auftraten, darf nicht mehr vorkommen. Dieses Anliegen hat Bundesrätin Calmy-Rey in unserem kürzlichen Gespräch sehr ernst genommen. Es liegt, wie sie sagt, absolut im Interesse der Schweiz, dass es nicht zu einer Wiederholung der Hässlichkeiten von Durban kommt. Zusammen mit anderen Organisationen und Behörden hat der SIG Kontakte auf verschiedenen Ebenen aufgenommen, um dieses Ziel zu unterstützen. Falls in der Vorbereitung zur Konferenz die Diskussionen den zulässigen Rahmen überschreiten und das Risiko der Instrumentalisierung gross wird, fordern wir vom Bundesrat, dass er sich gegen eine Teilnahme der Schweiz an der Konferenz ausspricht.Gibt es noch andere jüdische Themen, die Ihnen persönlich derzeit stark am Herzen liegen?
Lassen Sie mich eines herausgreifen: Ich finde es ganz wichtig, dass die jüdische Identität der Jugend, aber auch der Erwachsenen gestärkt wird, insbesondere durch eine stärkere Wahrnehmung unserer religiösen Werte und Traditionen und unserer Beiträge an die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, sei es in Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft. Im Juni hat der SIG das wunderbare Buch «Die Synagogen der Schweiz» herausgegeben. Eine nicht jüdische Buchhandlung widmete dem Werk ein ganzes Schaufenster! Das sollte uns Ansporn sein, uns vermehrt mit allen Facetten des Judentums auseinanderzusetzen und auch stolz darauf zu sein. Wir wollen dieses Anliegen unterstützen, indem wir die Wissensvermittlung über das Judentum und den konstruktiven Gedankenaustausch fördern.
Interview: Yves Kugelmann