Klare Stellungnahme beziehen

von Gabriel H. Cohn, October 9, 2008
Die täglichen Probleme in Israel erfordern (leider!) ständig unsere Aufmerksamkeit. Jetzt, nach den Wahlen, wäre es jedoch sehr wichtig, auch jene tiefergreifenden Themen zu erörtern, die dem alltäglichen Geschehen zugrunde liegen. Dies vor allem deshalb, weil die Wahl Sharons nicht so sehr Ausdruck einer Begeisterung für seine Persönlichkeit ist, sondern vielmehr ein eindeutiges Misstrauensvotum gegen Barak und seinen politischen Weg. Jetzt ist es Zeit, Klarheit für die komplizierte Situation in Israel zu schaffen und Verständnis für seinen Lebenskampf zu fördern. Im vorliegenden Artikel wollen wir zwei Themenkreise darstellen, die nicht nur für Israel wichtig sind, sondern indirekt auch für das Judentum in der Diaspora zentrale Bedeutung haben.
Nach den Wahlen: «Die tiefgreifenden Probleme in Angriff nehmen.» - Foto Keystone

Arafat und seine Mitarbeiter wollen den Juden das Recht auf Israel und vor allem Jerusalem absprechen. Was sagte zum Beispiel der von der PLO ernannte Mufti von Jerusalem in einem Interview mit der «Welt» (17. 1. 01): «Es gibt keinen auch noch so kleinen Hinweis auf die Existenz eines jüdischen Tempels in Jerusalem in der Vergangenheit. Nicht ein einzelner Stein in der ganzen Stadt weist auf jüdische Geschichte hin! Wir können es deshalb nicht akzeptieren, dass Israel hier irgendwelche Rechte für sich beansprucht.»
Im Weiteren äusserte sich der Mufti zur Klagemauer: «Es ist die Art der Juden, die Welt zu betrügen. Aber mit uns können sie dies nicht tun. Nicht ein Stein in der Klagemauer ist auf jüdische Geschichte bezogen.»

Geschichtswahrheiten

Ist es bei dieser Einstellung verwunderlich, dass die Palästinenser in äusserst kulturloser Art alle archäologischen Funde auf dem Tempelberg zerstörten, um auch so Israels Ansprüche auf Jerusalem zunichte zu machen?
Auch die Schulbücher der palästinensischen Autonomie sprechen die gleiche Sprache: «Das Argument der Juden, sie hätten historische Rechte auf Israel, ist ein völlig lügenhaftes Argument, das keinerlei Analogie in der Geschichte hat.»
Durch Israels Verzicht auf den Tempelberg und fast die ganze Altstadt (inklusive christlicher Viertel) will Arafat eine Anerkennung dafür bekommen, dass die ganze Welt und sogar Israel selbst bezeugt, dass es keine Rechte in Jerusalem hat und solchermassen die neue Geschichtsschreibung der Palästinenser akzeptiert.
Manche sagen, dass man um des Friedens willen Opfer bringen muss. Das ist sicher richtig - aber man kann und darf nicht deshalb seine eigene Identität aufgeben und retroaktiv seine Geschichte ändern lassen. Auf einer lügenhaften Basis kann sich kein wahres Zusammenleben entfalten.Ähnlich wie im Zusammenhang mit Jerusalem arbeiten die neuen palästinensischen (und arabischen) Historiker auch bezüglich des Heiligen Landes. Auch da werden den Juden alle Rechte abgesprochen. Wichtig scheint hier, sich daran zu erinnern, dass die zionistische Organisation immer den Boden für Siedlungszwecke kaufte - und auch die Siedlungen nach 1967 sind nicht auf arabischem Privatboden entstanden. Die Argumente gegen die Siedlungen muten deshalb überaus schwach an. Ein Beispiel: Die umstrittene Siedlung Kfar Darom im Gazastreifen ist vor dem Unabhängigkeitskrieg auf erkauftem Boden entstanden. 1948 musste der Ort wegen der ägyptischen Angriffe geräumt werden und wurde dann von den Arabern zerstört. Nach dem Sechstagekrieg wurde er - mit Einverständnis der linken Arbeiterpartei - wieder neu aufgebaut. Obwohl der Ort ein integrierter Teil der Pionierarbeit Israels ist, ist seine Zukunft ungewiss. Bei jeder Entscheidung ist jedoch zu bedenken, dass diese Siedlung seinerzeit völlig «rechtlich» entstanden ist. Auch muss erst noch bewiesen werden, warum die palästinensische Autonomie «judenrein» werden muss, während in Israel über eine Million Araber wohnen. Und wie ist die Situation in Hebron, eines der jüdischen Zentren seit eh und je? 1929 wurde die jüdische Gemeinde dort in einem schrecklichen Pogrom zerstört, und nun soll - quasi als Preis dafür - für immer eine jüdische Präsenz dort verboten sein?!

Friedensprozess

Es ist Zeit, über das Wesen des Friedensprozesses nachzudenken. Acht Jahre nach Oslo, 95 Prozent der palästinensischen Bevölkerung unter eigener Herrschaft, weitgehende Konzessionsbereitschaft Israels - aber von einem Friedensprozess ist keine Rede. Die palästinensische Bevölkerung wird ständig gegen Israel aufgehetzt. Bei Frau Arafat war es Vergiftung von Luft und Wasser, heute sind es Giftgase. Mittelalterliche Blutbeschuldigungen. Die Schulbücher rufen die Schüler auf, «die Juden zu bekämpfen und von unserem Land zu entfernen» und betonen, dass «keine andere Alternative besteht als Israel zu zerstören» («Palästina, unser Land», 6. Klasse).
Wie kann solchermassen eine Friedensatmosphäre entstehen? Der Zeitpunkt, alle weiteren Schritte zugunsten der Palästinenser von der Aufgabe aller anti-israelischen Propaganda abhängig zu machen, ist gekommen.
Allerdings muss man sich fragen: Kann es überhaupt zu einem Frieden kommen? Erst vor kurzem sagte der Mufti von Jerusalem in seiner wöchentlichen Rede in der Al Aksa-Moschee (12. 1. 01), dass, auch wenn alle palästinensichen Flüchtlinge zurückkehren könnten, auch wenn die Israelis zu den 1967er Grenzen zurückgehen und auf den Tempelberg verzichten, «wir Moslems niemals Frieden mit den Juden machen dürfen». Es ist sicher kein Zufall, dass Arafat bis heute in keiner seiner arabisch gehaltenen Reden je von Frieden mit Israel gesprochen hat. Dies ist wohl auf den islamischen Glauben zurückzuführen, der festlegt, dass alles Land Israels zum WAFK gehört und deshalb der jüdische Staat über gar keinen Teil des Heiligen Landes verfügen darf!
Es ist höchste Zeit, sich mit Experten des Islams über die religiöse anti-israelische Haltung zu beraten und dieses so problematische Thema öffentlich zu diskutieren.
Sollte man zum Schluss kommen, dass der ganze Friedensprozess von Anfang an auf Lug und Trug aufgebaut war - Arafat hat ohnehin immer betont, dass er den Oslo-Vertrag wie das Hudaybiyah-Abkommen betrachte, das Muhammed, sobald er dazu imstande war, gebrochen hat - so würde diese traurige Erkenntnis einen entscheidenden Einfluss auf Israels Verhandlungstaktik haben.
Solch eine Einsicht würde den so erwartungsvollen Umgang mit dem Wort «Friedensprozess» eindämmen. Auch der SIG hat sich darauf beschränkt, in seinem Wunsch an den neugewählten Premierminister Sharon zu betonen, dass er hoffe, der Friedensprozess ginge nun weiter. Dies, obwohl solch ein Prozess noch gar nicht richtig begonnen hat (und vielleicht nach moslemischem Glauben nie beginnen kann). Es wäre seitens des SIG zumindest angebracht gewesen, auch den Wunsch zu äussern, dass Sharon in der Bewahrung der Sicherheit Israels und in den Bemühungen um eine soziale und kulturelle Stärkung eines geeinten Israels erfolgreich sein soll.
Die Diskussionen um die genannen Themen sollten nicht nur in Israel geführt werden. Auch in der Diaspora sollten die Gemeinden mit Hilfe von israelischen Vertretern Informationszentren eröffnen, in denen die Bewohner dieses Landes (vor allem auch Jugendliche) Antworten und Informationen zu ihren Fragen finden und sich auch aktiv (Leserbriefe, Gespräche, Radiosendungen etc.) an der Aufklärungsarbeit für Israel beteiligen.
Nur klare Positionen, basierend auf Tatsachen, Zahlen und literarischen Quellen, können dazu beitragen, die Situation in Israel richtig zu verstehen und Kritik am jüdischen Staat selbst-bewusst und verständnis-voll zu beantworten.