Klare, offene Strategie
Einmal mehr erscheint über dem Nahen Osten die grosse Sphinx. Yasser Arafat stellt alle vor ein Rätsel. Die meisten Menschen im Westen sind nun mit der Wirklichkeit konfrontiert, hat doch Arafat, wenige Wochen nachdem ihm ein grosszügiger Frieden offeriert worden war, einen Krieg vom Zaune gebrochen. Sogar Thomas L. Friedman, der Kommentator der «New York Times», der stets nach «staatsmännischen und friedfertigen Absichten» bei Arafat gesucht hat, entdeckte am 16. TAG DES TÖTENS, dass es jetzt klar sei, dass «Arafat weder das eine noch das andere besitzt».
Das Rätselraten aber bleibt. Was WILL Arafat mit seiner Gewalt erreichen? Israels Niederlage? Ist das nicht total widersinnig? Wie sollen die steinewerfenden Massen und frisch ausgebildeten 40 000 Milizionäre die israelische Militärmaschinerie besiegen?
Schaut doch, sagen die Palästinenser, was sich dieses Jahr in Libanon abgespielt hat. (Was palästinensische Politiker ihren Leuten auf arabisch sagen, verfolgt man am besten auf www.memri.org, wo das unabhängige Middle East Media and Research Institute die unerlässlichen Übersetzungen liefert.) Eine zusammengewürfelte Guerilla-Armee trieb die Israelis in einem fast ganz offenen Gelände in einen Rückzug, der so ungeordnet vor sich ging, dass sie in echtem Saigon-Stil viele ihrer Alliierten zurückliessen.
In der Westbank geniessen die Palästinenser darüber hinaus zusätzliche Vorteile: Ein dicht gedrängtes urbanes Schlachtfeld, auf dem konventionelle Armeen praktisch nutzlos sind, eine aufgebrachte Bevölkerung und eine sympathisierende Weltpresse, die jede Bewegung verfolgt.
Die palästinensiche Strategie ist offen und klar:
- Anwendung von Gewalt, um Israel international unter Druck zu setzen.
- Israel auf Trab halten, um seine Ressourcen zu erschöpfen und seinen Willen zu untergraben.
- Israel wie in Libanon ausbluten lassen, diesmal aber direkt in den Vororten Jerusalems und Tel Avivs.
- So wird Israel aus einer Position der Schwäche heraus an den Verhandlungstisch zurückgezwungen.
Arafat ist nicht gegen Verhandlungen. Er widersetzt sich diesen nur, wenn er nicht die Oberhand behält. Ziel der Gewalt ist es, diese Oberhand zu gewinnen, Israel zu zwingen, um Frieden zu bitten und ihm dann die Kondition der definitiven Regelung zu diktieren.
«Unter den Arabern», schreibt Zeev Schiff, der Militärexperte der Zeitung «Haaretz», «wächst das Gefühl, die Formel gefunden zu haben, mit der Israel in die Knie zu zwingen ist.» Wie? «Anhaltender Krieg auf Sparflamme, in dem massiver Terrorismus, Guerillataktik und die internationalen Medien kombiniert werden... Diese Strategie wird Israels Achillesferse freilegen - eine ausserordentliche Empfindlichkeit hinsichtlich des Verlustes von Menschenleben und der Entführung seiner Soldaten.»
Die Kämpfe könnten sich über Monate, ja sogar Jahre hinweg erstrecken, wie dies z.B. bei der arabischen Revolte 1936-39 der Fall gewesen ist. Feuerwechsel und Verluste. Internationale Verurteilungen, Boykotte und Öldrohungen. Selbstmordattentate, Entführungen, Terroranschläge von Libanon und der nördlichen Grenze her.
Wann wird Israel um Frieden flehen? Erinnern wir uns: Israel empfand die erste Intifada (1987-93) so unerträglich, dass es um Frieden ersuchte und die Osloer Abkommen erhielt. Dabei war jene Intifada - steinewerfende Massen, doch wenige Gewehre und keine Selbstmordbomben - ein Picknick im Vergleich zu dem, womit Israel heute konfrontiert ist.
Ist Israel erst einmal in die Knie gezwungen, welche Konditionen wird Arafat dann diktieren? Das liegt auf der Hand. Er wird drei Dinge fordern:Zuerst Jerusalem.
Dann die Rückkehr, und zwar nicht zu den Grenzen von 1967, sondern zu den 1947 von der UNO-Kommission für Palästina gezogenen. Jenes Israel ist viel kleiner und kaum lebensfähig. Letztes Jahr hat Arafat diese Forderung vergeblich vorgebracht. Sollte er aber die Oberhand gewinnen, würde er auf ihr bestehen.
Das dritte wäre der «Gnadenstoss», der zur Anwendung kommen würde, falls Israel total erniedrigt werden sollte. Er ist effektiv derart zerstörerisch, dass Arafat auf die ersten beiden Punkte verzichten und die ihm von Barak in Camp David offerierten Bedingungen akzeptieren könnte, mit nur einem einzigen Zusatz: Die Rückkehr nach Israel der Nachkommen der 700 000 Palästinenser, die das Land in den Jahren 1948/49 verlassen haben.
Eine Million israelischer Araber stehen bereits in einer offenen Revolte gegen die Juden. Man stelle sich nun vor, dass weitere 3-5 Millionen zur israelischen Bevölkerung hinzustossen würden. Bei den weniger als 5 Millionen in Israel lebenden Juden wäre das alleine schon demografischer Selbstmord. Es würde das Ende Israels als jüdischer Staat bedeuten. Innert weniger Wochen wäre ein solcher Staat, ähnlich der DDR von der BRD, durch Arafats Palästina absorbiert. Keine Umtriebe, kein Blutvergiessen. Sieg. Die meisten Israelis, machtlos und ohne Mittel zur Selbstverteidigung, würden gehen, weil sie vernünftigerweise zum Schluss gelangen, dass es besser ist, als Minderheit in einem toleranten Westen zu leben, und nicht als Minderheit unter feindlichen Arabern.
Wohlgemerkt: Eine einzige Zeile in einem neuen Abkommen reicht aus, um den einzigen jüdischen Staat der Welt zu liquidieren. Übersehen Sie auch nicht, dass Arafat und seine Offiziere es nie versäumen, das «Recht auf Rückkehr» einzuschliessen, wenn sie als Preis für einen Frieden auf ihren «gerechtfertigten Rechten» bestehen.
Selbstgefällige Beobachter im Westen glauben, Arafat sei ein alter Narr. «Er lässt keine Gelegenheit aus, um eine Gelegenheit auszulassen», sagte einmal Abba Eban. Nun, Arafat sieht heute seine Chance auf eine Erfüllung des palästinensischen Maximal-Traumes. Dazu bedient er sich dieses Krieges, und die Welt steht hinter ihm. Arafat weiss genau, was er macht. Die Narren sind jene, die das Gegenteil glauben.
The Washington Post Writers Group. Abdruck mit Genehmigung.