Kipper-Saison in Londonistan

June 7, 2010
Eine Tour durch die britische Hauptstadt mit dem Historiker Walter Laqueur.
EINWANDERUNG UND INTEGRATION Bunt und multikulturell an der Oberfläche, ist auch für London die Integration der Einwanderer ein drängendes Problem

Von Walter Laqueur

Seit der frühen Nachkriegszeit habe ich zu verschiedenen Zeiten insgesamt an die fünfzehn Jahre meines Leben in London zugebracht und glaube London (jedenfalls das London von gestern) besser zu kennen als viele Londoner. Das mag vermessen klingen, aber es hat seine Gründe. In den ersten Jahren dort versuchte ich systematisch, die Stadt zu erforschen. Ich habe dort meinen Führerschein gemacht, mich als Fremdenführer für Freunde und Bekannte betätigt und meine Kinder gingen dort zur Schule. Ich habe einige Jahre in Südlondon gelebt und mir wurde klar, dass zwischen dem Norden und dem Süden der Stadt wenig Gemeinsames besteht. Die meisten Südlondoner, es sei denn, ihre Arbeit führt sie täglich an das andere Ufer der Themse, unternehmen nur ein- oder zweimal im Jahre die Reise über den Fluss – meist besuchen sie die grossen Ausverkäufe nach Weihnachten. Selbst die Londoner Taxifahrer kennen Südlondon nicht so gut, denn dort gibt es wenig Arbeit für sie. Es gab einen Taxistand in Lewisham, einen in Wimbledon, einen in Blackheath und einen in Waterloo Station, aber diese Liste bleibt bis heute kurz.

Was die Kenntnis Londons nördlich der Themse betrifft, so konnte ich mich freilich nicht mit den Taxifahrern messen. Um die Prüfung für ihre Lizenz zu bestehen, müssen sie die Stadt ein Jahr lang täglich auf Rädern durchstreifen. Überhaupt haben es mir die alten Taxifahrer angetan. Sie hatten eine Sprache entwickelt, die Aussenseitern kaum verständlich war. «Buckhouse» bedeutete Buckingham Palace. Ein «legal» war ein Passagier, der nur das legale Minimum bezahlte, also kein Trinkgeld gab, die «Kipper Season» war Januar und Februar, als es nur wenig Arbeit gab. Die Etymologie dafür bleibt unklar. Einige erzählten mir, dass sie in dieser Zeit nur den billigsten Fisch, den Kipper, essen konnten. Heute ist Kipper (Räucherhering) – den ich gern esse – alles andere als billig. Andere Fahrer hatten eine andere Erklärung: Der Ausdruck kam (so sagten sie) von «take a kip» also ein Nickerchen machen, in Zeiten mit weniger Fahrgästen können sie sich ausruhen und etwas länger schlafen. Mir kam der Gedanke, ein Lexikon der Londoner Taxisprache zu verfassen, doch davon bin ich später abgekommen.

Eine Stadt aus vielen Städten

London, so wurde mir bald klar, war eine Konglomerat von Mittelstädten (ursprünglich Dörfern), die miteinander einiges gemeinsam haben, aber im Grunde doch sehr verschieden sind. Nordlondon war immer schon etwas kosmopolitisch – die Iren waren in Kilburn und Camden Town zu Hause, Polen und Australier wohnten in der Gegend von Olympia, Juden im East End und Golders Green, Japaner zwischen Finchley Road und West Hampstead, hinter dem Kaufhaus, das damals John Barnes hiess und inzwischen seinen Namen einige Male geändert hat. Es gab ein (oder genauer gesagt zwei) kleine Chinatowns.

Der Süden Londons war dagegen mit Ausnahme einer karibischen Enklave in Brixton homogen. Wäre Otto Reuter ein Engländer gewesen (was schwer vorzustellen ist) so hätte London ihn fasziniert. In einem seiner Berlin-Couplets schildert er die Geografie und Demografie Berlins – die Polen im Osten, die Russen in Charlottenburg. Es endet mit der Frage: Wo mögen wohl die Berliner wohnen? In London hätte er eine ähnliche Frage gestellt. Heute allerdings noch viel mehr als damals – damit meine ich die Nachkriegsjahre bis zum Festival of Britain (1951) und zur Krönung von Königin Elisabeth (1953). Das heutige London wird manchmal Londonistan genannt, sehr zum Ärger der fortschrittlichen Bewohner dieser Stadt. Der Ausdruck ist ja auch irreführend, denn die meisten Einwanderer sind keineswegs Araber, sondern Afrikaner, Schwarze aus der Karibik, Inder, Bangladeschi, Polen und andere Osteuropäer. Und auch die meisten Moslems sind nicht Araber, sondern Pakistanis. Es hat eine Debatte darüber gegeben, woher der Ausdruck Londonistan eigentlich stammt und ich glaube die Antwort gefunden zu haben. Meines Wissens wurde es zum ersten Mal bei Karl May erwähnt und zwar in «Durchs Wilde Kurdistan» (1892). Allerdings hatte es damals wohl eine andere Bedeutung.

Veränderungen

Südlondon hat sich im Laufe der Jahre weniger verändert als die anderen Teile der Stadt, aber die Menschen, die die ersten Romane von David Lodge bevölkern (er selbst ist in Dulwich vor dem Krieg geboren), würden es kaum wiedererkennen. Peckham war ein stiller, verschlafener, urenglischer Stadtteil, als meine Tochter dort zur Schule ging, heute werden selbst die Polizisten in den dortigen Council Estates nur gruppenweise erscheinen und mit BBC-Englisch wird man dort nicht weit kommen. Lediglich ein beherzter Mann wie Clint Eastwood hat dort kürzlich seinen letzten Film gedreht, wahrscheinlich, weil ihn die Gegend an den Wilden Westen erinnerte.

Das Londoner Strassenbild der frühen fünfziger Jahre war ziemlich schäbig, die Kriegsfolgen konnte man auf Schritt und Tritt noch sehen. Zentralheizung war eine Seltenheit, Supermärkte gab es noch nicht, Fleisch, aber auch Textilien, waren noch rationiert. Es gab nur einen einzigen Fernsehkanal, dafür aber bedeutend mehr Theater als heute und selbst Music Halls, die heute gänzlich verschwunden sind. Es gab viel weniger Autos (fast alle in Schwarz), aber der Taillenumfang der Herren mass 10 Zentimeter weniger als heute, bei den Damen waren es 7,5 Zentimeter. Die Stimmung war irgendwie optimistischer, die Menschen höflicher und hilfsbereiter. Die Verbrechensstatistiken waren unvergleichbar niedriger.

Der Schein trügt

Und das Strassenbild von heute? Auch nach der Wirtschaftskrise macht London einen ziemlich wohlhabenden Eindruck. Gewiss, Geschäfte haben geschlossen, aber weniger als in anderen englischen Städten. Mancherorts gibt es gähnende Lücken, so etwa in Kilburn High Street, viele Pubs und Kinos und manche Tankstellen sind verschwunden, aber die Hauptverkehrsstrassen sind belebt und die Jahresbilanzen manch grosser Kaufhäuser wie etwa John Lewis sind glänzend. Die Preise von Häusern und Wohnungen sind zurückgegangen, aber in den eleganteren Strassen immer noch astronomisch hoch. Auf einem Spaziergang in St. John’s Wood (keineswegs die teuerste Wohngegend) sah ich kürzlich ein Haus, keinen Palast, in Hamilton Terrace, das mir gefiel, zum Verkauf angeboten. Ich fragte nach dem Preis: 40 Millionen Euro. Die meisten Restaurants sind abends voll. Wenn es bedeutend mehr Radfahrer gibt als früher (Boris Johnson, der Bürgermeister ist einer von ihnen) hat das wahrscheinlich mehr mit den terroristischen Angriffen auf die Untergrundbahn zu tun (und den hohen Fahrpreisen – die höchsten in Europa), als mit der Armut der Radfahrer.

Trügt der Schein? Die nun formierte liberal-konservative Regierung wird nicht an weiteren Budgetkürzungen vorbeikommen. Im Falle eines Einbruchs ist es nicht einfach, die Polizei zu bewegen, den Schaden zu besichtigen. Die Beamten werden ihrem Bedauern Ausdruck geben, aber dem Fall nachgehen? Das lohnt sich nicht. Es gibt nicht genug Polizisten und die müssen sich auf Morde und ähnliche Schwerstverbrechen konzentrieren. Und selbst wenn man die Einbrecher fassen würde, die Erfahrung lehrt, dass sie wahrscheinlich straffrei ausgehen würden, und die Gefängnisse sind ohnehin überfüllt.

Fragen, die man nicht stellt

Es gibt mehr Studenten als je in London. Aber ihre Aussichten, einen Arbeitsplatz zu finden, sind schlecht. Doch was sich am meisten in London geändert hat, ist die Zusammensetzung der Bevölkerung. Die Gegend in Nordlondon, in der wir leben, wenn wir dort sind, ist eher typisch, keineswegs besonders kosmopolitisch. Und doch – von den vier Lebensmittelgeschäften sind zwei in indischer Hand und das dritte gehört Türken. Den Weinladen besitzt ein Spanier. Wenn ein Klempner gebraucht wird, was im letzten, kalten Winter häufig der Fall war, ruft man einen Albaner zu Hilfe. Wenn Reparaturen auf dem Dach oder an den Hauswänden notwendig sind, so kommt ein Italiener, um sich den Schaden anzusehen. Die Arbeiter, die er dann schickt, stammen hauptsächlich aus der Ukraine. Die eine Konditorei ist französisch, die andere polnisch. Wenn ich Schwierigkeiten mit meinem Computer habe, so rufe ich einen Bulgaren an, der dann selber kommt oder seinen Assistenten schickt, der aus Moldawien stammt. Die Putzfrauen in unserer Strasse kommen alle aus Polen, Weissrussland oder dem Balkan. Unser getreuer Minicab-Fahrer (also ein inoffizieller Taxichauffeur) ist ein Zypriot. Alles tüchtige Leute, ohne sie würde wenig funktionieren. Die Liste liesse sich verlängern. Wo aber, würde Otto Reuter fragen, findet man Engländer? Die beiden Buchläden sind (noch) in englischer Hand und auch einer der beiden Zeitungsläden.

Doch das ist leider nur ein Aspekt. Die Einwanderung aus Übersee, vor allem aus Afrika und den muslimischen Ländern, hat ernsthafte Probleme verursacht, wie etwa das Entstehen von Ghettos. Weder Multikulturalismus noch Integration haben zur Lösung beigetragen. Darüber liesse sich viel sagen, doch es ist kein spezifisches Londoner Problem. Dieselben Fragen stellen sich heute in vielen europäischen Grosstädten. Wole Soyinka, der nigerianische Literaturnobelpreisträger, nannte London kürzlich ein «cess pit», eine Abfallgrube – er meinte damit London als Ausgangspunkt für terroristische Anschläge in anderen Ländern. Was ist vom alten London geblieben, wie englisch ist London heute noch, und wie wird es in zwanzig Jahren aussehen? Es gehört nicht zum guten Ton, diese Fragen anzuschneiden.            ●

1921 in Breslau geboren, zeichnet sich Walter Laqueur weiterhin durch Schaffenskraft und ein breites Spektrum von Interessen aus. Jüngst erschien seine politische Autobiografie «Mein 20. Jahrhundert» (Propyläen Verlag).