«Kinder sind Menschen, keine Puppen»
Henryk Goldszmit war 16 Jahre alt, als er notierte: «Spencer, Pestalozzi, Fröbel usw. Einst wird auch mein Name in dieser Reihe stehen.» Schon als Gymnasiast gab der Sohn einer kinderreichen polnisch-jüdischen Familie Nachhilfeunterricht. Doch obwohl die Familie das Geld dringend brauchte, rang Goldszmit damit, sich bezahlen zu lassen, denn: «Ist es nicht eine Schande, Geld zu nehmen für die Erfüllung der erhabenen Berufung, die darin besteht, den Geist zu fördern, das Denken zu entwickeln?»
Hohe Zielsetzung
Henry Goldszmit (wahrscheinlich 1878–1942) ist besser unter seinem Autorenpseudonym Janusz Korczak . Doch seine Arbeiten sind heute nur wenigen Fachleuten ein Begriff. Anders war dies in der Zwischenkriegszeit: Besucher aus ganz Europa reisten nach Warschau und besuchten das jüdische Waisenhaus Dom sierot, das er von 1912 bis 1942 gemeinsam mit Stefania Wilczynska leitete. Die Gäste waren nicht nur von den aufgeweckten, selbstbewussten und sozial verantwortlichen Mädchen und Buben beeindruckt, sondern auch vom institutionellen Aufbau des Hauses. Für Korczak war die Mitbestimmung der Kinder eine Selbstverständlichkeit. So gab es unter anderem ein Kinderparlament, ein Kameradschaftsgericht und eine Kinderzeitung. Seiner Zeit weit voraus war der Pädagoge auch, als er 1918 Grundrechte für Kinder forderte, wie etwa das Recht eines Kindes, «das zu sein, was es ist».
Schon 1899 formulierte Korczak: «Kinder werden nicht erst Menschen, sie sind es bereits, ja sie sind Menschen und keine Puppen. (…) Kinder sind Menschen, in ihren Seelen sind Keime aller Gedanken und Gefühle, die wir haben, angelegt.» Diese Keime zum Besten des Kindes zu fördern, war für ihn erstes Ziel allen erzieherischen Handels. Janusz Korczak vertrat seine Ideen mit grosser Energie, sei es als Schriftsteller von Kinderbüchern und pädagogischen Schriften, als Dozent, Redner, zeitweiliger Bildungsexperte bei der Regierung oder natürlich als Leiter des Dom sierot.
Wer mehr über Korczaks Pädagoik erfahren möchte, hat dazu bei einem Referat von Gérard Kahn, Vizepräsident der Schweizerischen Korczak-Gesellschaft in Bern, Gelegenheit. Der Vortrag ist einer der vielen Veranstaltungen der Janusz-Korczak-Wochen, die von der Berner Evanglisch-reformierten Kirchgemeinde Johannes organisiert werden. Neben einem sehr reichen musikalischen Programm und einigen Filmen steht das von Kindern und Erwachsenen der Kirchgemeinde geschriebene Mundarttheaterstück «Geranien im Ghetto» auf dem Programm, das von Jansz Korczak und dem Leben im Dom sierot erzählt.
Ghetto und Tod
Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen wurde das Leben für Korczak und seine Kinder immer schwieriger. 1940 mussten die Bewohner des Dom sierot ins Warschauer Ghetto umziehen. Unter welchen Bedingungen die Menschen im Ghetto lebten, wird in Bern in der erstmals in der Schweiz zu sehenden Ausstellung «Oneg Schabbat, das Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos» sichtbar. Und nicht zuletzt macht die Publikation «Allein mit Gott. Gebete eines Menschen, der nicht betet» eine weitere Dimension Korczaks sichtbar. Geschrieben 1922 nach dem Tod seiner Mutter, zeigt sich darin eine tiefe Religiosität. Am 5. August 1942 begleitete «der alte Doktor» seine Kinder ein letztes Mal – dieses Mal zum Umschlagplatz des Ghettos, von wo aus er gemeinsam mit den Kindern, seiner langjährigen beruflichen Weggefährtin Stefania Wilczynska sowie dem Waisenhauspersonal nach Treblinka deportiert wurde. Möglichkeiten sich selbst zu retten, hatte der 64-Jährige ausgeschlagen.
16. Oktober bis 13. November, Kirchgemeindehaus Johannes, Wylerstrasse 5, Bern. www.korczak-wochen.ch