Keiner sang so wie er
Am 4. Mai 1918 wurde Estrongo Nachama im griechischen Saloniki als Sohn eines Getreidehändlers geboren. Das väterliche Geschäft konnte er nicht mehr übernehmen, denn im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung wurde die Familie 1943 nach Auschwitz deportiert. Die Familie, Eltern, Schwester und Verwandte überlebten nicht.
Seiner Stimme hat es Estrongo Nachama zu verdanken, dass die SS-Schergen ihn am Leben liessen. «O sole mio» gehörte zu den meist gewünschten Liedern, die er zum Besten geben musste. Doch er sang auch für seine Mithäftlinge, gegen Hunger, Qualen, Schmerz und Kälte.Auf dem Todesmarsch von Sachsenhausen gehörte er zu den 2500 Überlebenden von insgesamt 12 000 Häftlingen. Von den Russen im Mai 1945 in Kyritz befreit, kam Estrongo Nachama ausgehungert und schwer krank nach Berlin, wo ihn eine christliche Familie aufnahm und pflegte. Eigentlich wollte er sodann gleich wieder nach Griechenland reisen. Doch die Jüdische Gemeinde Berlin suchte einen neuen Kantor. Er nahm die Stelle an und blieb.
Als Estrongo Nachama als junger Mann nach Berlin kam, wusste man zwar, dass er eine grossartige Stimme hatte, aber er war kein Kantor. Also schickte man ihn zu dem einzigen überlebenden ehemaligen Oberkantor der Jüdischen Gemeinde, Leo Gollanin. Nachama besucht ihn auch brav mehrere Male, aber Gollanin war schon zu hinfällig, um noch unterrichten zu können. So war es dann der Lehrer und Kantor der Jüdischen Gemeinde, Klein, der Nachama unterrichtete. Aufs Ganze gesehen war er also ein Autodidakt, der sich allmählich in die Melodien von Lewandovsy einsang, da er sie als sephardischer Jude aus Saloniki nicht kennen konnte. In der Folge war er wohl einer der ganz wenigen in Deutschland, die diese jüdische Tradition aufrecht erhielten und in meisterhafter Weise wiedergaben. Er trat daher in würdiger Weise das Erbe an, das er besonders vom Berliner Oberkantor Magnus Davidsohn übernommen hatte. Seine Synagoge war diejenige in der Pestalozzistgrasse in Berlin, die nach deutschem Sprachgebrauch einem religiös liberalen, nach amerikanischer Terminologie jedoch einen konservativen Ritus hat (Gebete in hebräischer Sprache, Männer und Frauen getrennt). Nachama wird für immer dieser Synagoge verbunden sein, wenngleich er auch in fast allen anderen Berliner Synagogen amtierte.
Bereits 1947 übertrug der Radiosender RIAS die wöchentlichen Shabbat-Feiern, bei denen die Stimme des Kantors im Mittelpunkt des Interesses der Zuhörer stand. Als herzensgute Seele, verständnisvoller Mensch bekannt, nutzte er seine einmalige Stimme im Sinne der Versöhnung, sowohl zwischen Christen und Juden als auch zwischen Ost und West. Mit einem Dauervisum der DDR pendelte er auch zur Ostberliner Gemeinde, um sie zu betreuen. Trotz seiner unzähligen Auftritte in Konzertsälen, seinen Schallplattenaufnahmen und seinem grossen Bekanntheitsgrad blieb Estrongo Nachama ein ruhiger, ausgeglichener Mann, der seine vornehmste Aufgabe in einem sah: Der Oberkantor der Jüdischen Gemeinde. Mit seiner Stimme ersang er Brücken der Verständigung. Man wird ihn nicht vergessen.