Keine Ruhe an der Grenze in Sicht
Westlich des Tel Aviver Ben-Gurion-Flughafens sorgt der Name Dudu Topaz nicht für Emotionen. Die meisten Menschen ausserhalb von Israel haben noch nie von dem Mann gehört, doch in Israel galt der 62-Jährige bis zu dieser Woche als der Showstar schlechthin. Seine Talkshows liessen die Einschaltquoten der TV-Stationen schlagartig in die Höhe schnellen, und die oft seichten Seitenhiebe gegen Prominente aus Wirtschaft und Politik lösten spontane Schmunzelwellen in der Bevölkerung aus. Diverse Beziehungsskandale konnten der Beliebtheit des wortgewandten Stars offenbar nichts anhaben.
Das dürfte sich nun aber grundlegend ändern, denn der Anfang Woche in Untersuchungshaft genommene Topaz hat nach drei Tage dauernden Verhören gestanden, dass er tätliche Angriffe gegen Persönlichkeiten aus der israelischen Medien- und Unterhaltungswelt geplant, finanziert und durch Vertreter der Unterwelt hat durchführen lassen. Motiv waren in allen Fällen offenbar gemeine Rachegefühle gegen Zeitungsredaktoren und TV-Produzenten, die nicht bereit waren, dem Unterhaltungsstar die Plattform zu geben, die ihm seiner Meinung nach zugestanden hätte – etwa eine regelmässige Kolumne in einer Tageszeitung. Topaz, der laut Presseberichten sein Verhalten zutiefst bedauert, konnte zunächst keine rationale Erklärung für seine Taten geben. Sollte er in mehreren Fällen schuldig gesprochen werden, muss er unter Umständen mit über zehn Jahren Haft rechnen. Eines ist jetzt schon sicher, oder sollte es eigentlich sein: Kein seriöser Fernsehsender wird es sich leisten können, Topaz weiterhin eine Show zu bieten. Anlässlich des unfreiwilligen Abschieds von der Bühne bereiteten die israelischen Zeitungen dem Mann aber eine Schau, wie sie grandioser kaum hätte sein können: Bis zu 15 Seiten pro Ausgabe (so in «Yediot Achronot») widmeten die Blätter der Geschichte. Von der Regelmässigkeit, mit der Topaz in den letzten zehn Tagen auf die ersten Seiten der Zeitungen gelangte, können Politiker oder Akademiker allenfalls träumen.
Zwist zwischen Jerusalem und Washington
So gerne sich die israelische Öffentlichkeit auch noch weiter mit der Affäre Topaz beschäftigen würde, das Alltagsgeschehen lässt dies kaum zu. Verständlich, denn langfristig dürfte Zwist zwischen Jerusalem und Washington mehr Einfluss auf die Zukunft des Landes haben als das offensichtliche Unvermögen eines alternden Stars, mit dem allmählichen Verblassen seines Sterns am Unterhaltungsfirmament fertig zu werden.
Dass sich das Verhältnis zwischen Israel und den USA offenbar unaufhaltsam abkühlt, bekam diese Woche auch Verteidigungsminister Ehud Barak zu spüren. Zwar beehrte Präsident Obama den Gast aus Israel mit einem unerwarteten Besuch, als dieser im Weissen Haus gerade mit James Jones, dem Nationalen Sicherheitsberater, in eine Unterhaltung vertieft war, doch an der Konfliktsituation hat sich deswegen kaum etwas verändert. Obama bestand auf dem Einfrieren der israelischen Siedlungstätigkeit in der Westbank, und Barak ersuchte die Amerikaner um «mehr Flexibilität», vor allem was die neuen Wohneinheiten für den «natürlichen Zuwachs» der Bevölkerung in den Siedlungen betrifft. Im Anschluss an den improvisierten Gedankenaustausch zwischen Barak und Obama wurde zwar «trotz der Meinungsverschiedenheiten» von einer guten Atmosphäre gesprochen; doch auch diese scheinbar harmlosen diplomatischen Floskeln können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kluft zwischen den beiden Ländern immer tiefer wird.
Ahmadinejad hat Chancen auf eine Wiederwahl
Drei weitere Faktoren dürften kaum dazu angetan sein, die Stimmung zu verbessern: Da wäre erstens Obamas Abstecher nach Saudi-Arabien und Kairo diese Woche, dann die Parlamentswahlen vom 7. Juni in Libanon sowie drittens die auf den 12. Juni anberaumten Präsidentschaftswahlen in Iran. Beginnen wir mit Teheran: Umfragen und Analysen geben dem sich um eine Wiederwahl bemühenden Ahmadinejad echte Erfolgschancen. Doch sogar wenn einer seiner drei Gegenkandidaten, die auf die Reformkarte setzen, siegen sollte, darf man nicht ver¬gessen, dass bis jetzt keiner von ihnen während des Wahlkampfs auch nur ein versöhnliches Wort in Richtung Israel abgegeben hat. Einzig eine mehr oder weniger klare Kritik an Ahmadinejads Versuchen der Holocaust-Leugnung oder zumindest einer Art «Verniedlichung» war zu vernehmen. Zweitens werden die wirklichen Entscheide in Teheran nicht im Büro des Staatspräsidenten gefällt, sondern vom Islamischen Revolutionsrat mit Scheich Ali Khameinei an der Spitze. Dessen reservierte bis ablehnende Haltung gegenüber den USA ist ebenso bekannt wie das Beharren auf dem Recht Irans, seine Nuklearkapazität auszubauen. Aus israelischer Warte betrachtet, bietet keiner der Kandidaten Grund für übertriebenen Optimismus. Es geht wohl eher darum zu hoffen, dass unter verschiedenen problematischen Varianten das «geringste Übel» siegen möge.
Eng verknüpft mit den iranischen Wahlen und für Israel aus regionalpolitischen Gründen fast noch wichtiger sind die Beiruter Parlamentswahlen vom 7. Juni. Sollten sich nämlich die aktuelllen Prognosen bewahrheiten und die Hizbollah als Siegerin aus dem Urnengang hervorgehen, muss nach einer ersten «Schreckphase» von ein paar Monaten – die Miliz muss sich zuerst daran gewöhnen, mit einem Male offiziell zum politischen Establishment zu gehören – mit einer erneuten Eskalation im israelisch-libanesischen Grenzgebiet gerechnet werden. Dass die Hizbollah heute über ein grösseres Raketenarsenal verfügt als vor dem zweiten Libanon-Krieg, ist mittlerweile ja bekannt. Wenn die Iran und Syrien hörige Hizbollah erst einmal die politischen Zügel in der Hand hält, wird sie sicher auch Gründe für Attacken gegen Galiläa und IDF-Soldaten finden.
Zusammen mit der immer offensichtlicheren Änderung im amerikanischen Nahostkurs lassen die drei eben genannten Faktoren eine punktuelle Eskalation an Israels Grenzen in den kommenden Monaten zumindest nicht unmöglich erscheinen.