«Keine genauen Zahlen»
Am 5. Dezember 2000 verschickte das Bundesamt für Statistik in Neuchâtel an alle registrierten Einwohner der Schweiz letztmals den Personenfragebogen Eidgenössische Volkszählung, dort stand unter der Ziffer 7: «Welcher Kirche oder Religionsgemeinschaft gehören Sie an?» Damals kreuzten 0,25 Prozent «einer israelitischen Gemeinschaft» an, insgesamt 18 220 Personen, und somit könnte man die Frage nach der Zahl der Jüdinnen und Juden in der Schweiz ruhen lassen.
Das Problem dabei ist: Die Zahl lässt sich nicht belegen. Fragt man beim Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) nach, der grössten jüdischen Organisation in der Schweiz, dem 17 der 22 Gemeinden angeschlossen sind, so antwortet Generalsekretär Jonathan Kreutner: «Wir haben keine genauen Zahlen.» Zwar erhalte man von allen Gemeinden alljährlich eine Mitgliederliste, da melden auf Anfrage zum Beispiel Baden 58, Basel 1320, St. Gallen 130, Genf 1201 Mitglieder. So könnte man nun weiter machen und erhielte am Ende eine präzise Angabe. Doch jede Gemeinde zählt anders: Manche erfassen nur die volljährigen Erwachsenen, andere auch die Kinder, wieder andere nur die Haushalte. Eine erstmalis stattfindende präzise Umfrage soll Klarheit schaffen, die Resultate erwartet Kreutner in den nächsten Wochen. «Ich schätze, die Zahl wird sich zwischen 10 000 und 12 000 Seelen bewegen», gibt er sich vorsichtig. Zählt man die 1670 Seelen der beiden Gemeinden in der Plattform der Liberalen Juden der Schweiz und die rund 400 der orthodoxen Gemeinden, die nicht im SIG organisiert sind, hinzu, steigt die Zahl auf höchstens 14 000 Seelen. Fehlen noch rund 4000.
Ein Teil davon entfalle auf die israelischen Staatsbürger in der Schweiz, die sich, schätzt Kreutner, meist nicht in jüdischen Gemeinden organisierten. Gemäss Bundesamt für Migration (BfM) leben 1223 Israeli in der Schweiz, doch auch diese Zahl ist nicht ohne Dunkelziffer zu haben: zu den Doppelbürgern sowie zu denjenigen Israeli, die durch eine Heirat den Schweizer Pass erhalten haben, hat das BfM keine Angaben. Und die Übrigen? Kreutner ist überzeugt, «dass es Juden gibt, die sich in der Volksbefragung als solche deklarieren, ohne einer Gemeinde anzugehören».
Frage nach der Zugehörigkeit
Die Frage nach der Religionsgemeinschaft liefere sowieso keine angemessene Antwort, entgegnet Ralph Weill, Basler Demograf und Marktforscher. Neulich erst habe er ein paar russische Juden getroffen, die verstünden sich «überhaupt nicht als religiös, aber, gemäss der ethnischen Herkunft ihrer Eltern, ganz klar als jüdisch». Weill, dem jüdischen Anteil der Schweizer Gesamtbevölkerung seit vier Jahrzehnten auf der Spur, hält daher auch das Resultat der Volkszählung nicht für aussagekräftig. Er sagt, vor 100 Jahren, das belege die Volkszählung aus dem Jahr 1900, erklärten sich bereits rund 18 000 Personen als zum Judentum gehörig. Danach folgten grosse jüdische Einwanderungswellen in die Schweiz, sagt er, in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aus Osteuropa, in den dreissiger Jahren aus Deutschland und Österreich, in den fünfziger Jahren aus Nordafrika. Doch während sich die Gesamtbevölkerung der Schweiz in diesen 100 Jahren nahezu verdoppelte, blieb der jüdische Anteil in den Erhebungen bei rund 18 000 konstant, trotz Bevölkerungswachstum, trotz Einwanderung. «Da stimmt was nicht», sagt Weill. Der Statistiker Weill hat nachgerechnet und ist auf «ungefähr 50 000» der Nachkommen von Juden der ersten und zweiten Generation gekommen. Ein Teil, etwa 12 000, entfalle durch die Emigration nach dem Zweiten Weltkrieg in den neugegründeten Staat Israel und andere Länder. Aber nur ein Teil. Den Rest, schliesst Weill, finde man, wenn man nicht nach der jüdischen Religion frage, sondern nach dem jüdischen Zugehörigkeitsempfinden. Dies belegt auch eine Studie der «Jüdischen Rundschau» aus dem Jahre 1998.
Selbstbestimmte Identitäten
Ein paar Strassen entfernt von Weills Marktforschungsbüro, am Institut für Jüdische Studien der Universität Basel an der Leimenstrasse, sitzt der Historiker
Daniel Gerson. Seit zwei Jahren ist er in einem Nationalfondsprojekt über den Wandel des Judentums in der Schweiz engagiert und sagt: «Um Ihre Frage auch nur annähernd beantworten zu können, muss man zuerst darüber reden, wen man eigentlich mit dem Schweizer Judentum meint.» Bis Mitte des 20. Jahrhunderts hätten die Mitgliedsgemeinden des SIG nahezu das gesamte Judentum in der Schweiz repräsentiert. Als Jude oder Jüdin und somit als Mitglied der Gemeinden galt, wer gemäss den Bestimmungen der Halacha eine jüdische Mutter hatte oder zum Judentum übergetreten war. Auch ein halbes Jahrhundert später hat sich in den Gemeinden, ob innerhalb oder ausserhalb des SIG, am halachischen Verständnis nichts geändert.
«Geändert aber hat sich die Gesellschaft», sagt Daniel Gerson. Sie sei heterogener und individualistischer geworden, und mit ihr das Judentum. «Die 68er-Bewegung», vermutet er, «hat die Idee von der selbstbestimmten Identität, die nicht autoritativ bestätigt werden muss, entwickelt.» Gerson beobachtet bei autonomen Gruppierungen eine «Emanzipation» von der halachischen Vorgabe: «Vermehrt leben Menschen die jüdische Religion, ohne eine jüdische Mutter zu haben oder Mitglied einer Gemeinde zu sein.» Der Konflikt zwischen dem Religionsgesetz und der gesellschaftlichen Liberalisierung sei nicht aufzuhalten, die Konsequenzen seien kaum zu übersehen: «Seit den siebziger Jahren gehen mehr als die Hälfte der Juden in der Schweiz eine Ehe oder eine Partnerschaft mit einem Nichtjuden ein. Zugleich ist aber bei Familien in Mischehen das Bedürfnis gewachsen, am Judentum in irgendeiner Form teilhaben zu können, um es den Kindern weiterzuvermitteln.» Weil aber nur sehr wenige Übertritte zum Judentum zu verzeichnen sind, «pro Jahr vielleicht ein bis zwei Dutzend Personen», schätzt Gerson, «gehen diese Menschen und ihre Kinder der Statistik verloren».
Ralph Weill entgegnet, das habe es auch früher schon gegeben, vor dem Zweiten Weltkrieg, «nur habe sich ein Jude vor der Heirat mit einer Nichtjüdin christlich taufen müssen, daher galt eine solche Ehe statistisch nicht als Mischehe. Korrekterweise muss man jedoch sagen, dass sich die gesellschaftliche Anerkennung eines ‹jüdisch-nicht jüdischen› Paares in der Nachkriegszeit verändert hat. Das christliche Selbstverständnis entwickelte sich zurück, das jüdische Selbstbewusstsein stieg.»
Eine «Willensethnie»
Weill wie auch Gerson taxieren diese Entwicklung als Resultat der Säkularisierungsbewegungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. «Die allgemeine Schulpflicht und die formale Gleichstellung der Juden in der bürgerlichen Gesellschaft haben den Austausch stark erleichtert», sagt Weill. Eine begrüssenswerte Entwicklung, fügt er an, aber für die Statistik ein Desaster: «Das ist das Dilemma von langfristigen Erhebungen: das statistische Verfahren bleibt konstant, doch die definierten Parameter aus der Realität verändern sich.» Wo die Zahlen ohne Aussage bleiben, öffnet sich der Raum für Prognosen. Der Historiker Gerson vermutet einen fortlaufenden Rückgang der Mitglieder vor allem in den orthodox ausgerichteten Gemeinden, denn «Mischehen orientieren sich eher an liberalen Strömungen des Judentums». Weill hingegen schlägt vor, man müsse das Judentum zukünftig nicht so sehr als Religionsgemeinschaft, sondern vielmehr als «Willensethnie» begreifen, um den Verhältnissen gerecht zu werden. Nur weil das Religionsgesetz sich dagegen sperre, könne man einem jungen, areligiösen Mann, der einen jüdischen Vater habe und der sich eindeutig als Jude verstehe, diese Identität nicht absprechen.
«Ungefähre» Erhebungen
Folgt man diesen Voten, so werden die Ergebnisse aus Befragungen, die nur nach der Religionszugehörigkeit fragen, nutzlos. Wie andere Kollektivbegriffe hat sich auch derjenige des Judentums durch die gesellschaftlichen Liberalisierungen des vergangenen Jahrhunderts derart diversifiziert, dass einheitliche Bestimmungen und verbürgte Zugehörigkeitszahlen nicht mehr widerspruchsfrei zu erheben sind. Doch zumindest dieser Dissens löst sich von selbst: Ab 2010 werden die Eidgenössischen Volkszählungen durch jährliche stichprobenartige «Strukturerhebungen» an rund 200 000 Personen ersetzt. Damit werden die Ergebnisse nun auch amtlich als das bestätigt, was sie bisher immer gewesen sind: ungefähr.