Kein heilsamer Schock

Von Andreas Mink, January 14, 2011
In den USA hat die Bluttat von Jared Loughner in Tucson, Arizona, eine heftige Diskussion über Waffen­kontrollen und politische Hasspropaganda ausgelöst. Aussicht auf Besserung besteht jedoch kaum.
BEDENKLICH Die Fadenkreuz-Kampagne der Tea-Party-Bewegung gerät nach dem Attentat in die Kritik

Dass Gabrielle Giffords noch am Leben ist, grenzt an ein Wunder. Am vergangenen Samstagmorgen hat der 22-jährige Jared Loughner die demokratische Kongressabgeordnete in einem Einkaufzentrum in Tucson, Arizona, aus unmittelbarer Nähe in den Kopf geschossen. Ehe Umstehende Loughner überwältigen konnten, hat er 30 Schüsse mit einer halbautomatischen Glock-19-Pistole abgegeben und sechs Menschen getötet sowie 14 weitere teilweise schwerst verletzt, darunter Giffords. Die 40-Jährige wurde rasch von Spezialisten operiert und befindet sich nach Auskunft der Ärzte auf dem Weg zu einer vermutlich jahrelangen Rehabilitation. Der Täter ist seither in Haft und hat bislang jede Aussage verweigert. Die Ermittler haben zudem noch keine weiteren Informationen zu Loughners Motiven mitgeteilt, die sich etwa aus der Untersuchung seines Computers ergeben könnten. Unter den Todesopfern befinden sich Rentner sowie die neunjährige Christina Greene, die am 11. September 2001 geboren wurde. Dieses Schicksalsdatum hat die Debatte um die Bedeutung der Mordtat und die Motive Loughners noch verschärft.

Fakten über den Täter

Arizona erlaubt es Bürgern, Schusswaffen auch versteckt allerorts mit Ausnahme von Schulen zu tragen. Der erst 1910 gegründete und durch seine Wildwest-Tradition geprägte Gliedstaat stellt damit das Paradebeispiel für den Erfolg der Waffenlobby National Rifle Association (NRA) dar, der in den letzten Jahren die Aufhebung von Kontrollgesetzen überall in den USA gelungen ist. So durfte die Glock 19 mit dem grossen Magazin während der Clinton-Ära nicht verkauft werden. Die Macht der NRA geht auch auf den Verzicht der Demokraten auf die Forderung nach «gun control» zurück, obwohl seit 2001 in den USA jährlich etwa 20 000 Menschen durch Schusswaffen umkommen – mehr als die Hälfte allerdings bei Suiziden. Die Demokraten haben nach ihrer Wahlniederlage 2004 ausserhalb ihrer liberaler Hochburgen an den Küsten auf Kandidaten mit lokaler Couleur gesetzt, die konservativere Werte vertreten. In den ersten Tagen nach der Bluttat von Tucson haben weder Präsident Barack Obama noch andere prominente Demokraten härtere Waffenkontrollen gefordert. Dies ist nur als Rücksichtnahme auf weisse Wähler im «Drüberfliegland» zwischen den Küsten erklärbar.

Tea-Party-Bewegung in der Kritik

Auch die vormalige Gliedstaatsparlamentarierin Giffords gehört zur neuen, konservativeren Generation von Demokraten, die 2006 eine Mehrheit im Repräsentantenhaus gewonnen haben. Giffords vertritt die NRA-Linie bei Schusswaffen, ging aber als Tochter eines Reifenhändlers in die Politik, da sie im Geschäftsleben hautnah mit den explodierenden Gesundheitskosten konfrontiert wurde. Obwohl sie eine relativ harte Haltung in der in Arizona extrem umstrittenen Immigrationsfrage einnahm, hat ihre Unterstützung für Obamas Gesundheitsreform Giffords den Hass der Tea-Party-Bewegung eingetragen. 2009 erschienen waffentragende Demonstranten auf Diskussionsveranstaltungen und ihr Büro in Tucson wurde demoliert. Im vergangenen Herbst hat die Tea-Party-Ikone Sarah Palin auf ihrer Website ein Fadenkreuz auf Giffords Namen und Wahlbezirk gelegt. Die Abgeordnete hat dagegen im Fernsehen energisch protestiert und vor schwerwiegenden Konsequenzen derartiger Propaganda gewarnt.
Dieser TV-Auftritt von Giffords wird nun als Beleg dafür zitiert, dass Loughner von der aggressiven Rhetorik der Tea-Party-Bewegung zu seiner Tat angestiftet worden ist. Zudem wurde bekannt, dass er das rassistische Magazin «American Renaissance» im Internet gelesen hat, das etwa Obama als linksradikalen Weissenhasser bezeichnet. Die Publikation tritt für ein «weisses Amerika» ein und fordert Juden auf, das Land in Richtung Israel zu verlassen. Es ist jedoch unklar, wie viel Einfluss derartiges Gedankengut auf Loughner hatte. Offen ist zudem, ob er wusste, dass Giffords jüdisch ist. Sie hat sich als Tochter eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter nach einer Israel-Reise 2001 einer Reformgemeinde in Tucson angeschlossen. Ihr von Loughner erschossener Mitarbeiter Gabriel Zimmerman war ebenfalls jüdisch.

Spekulationen über die Motive

Der Mangel an Informationen über Loughner verleitet zu Spekulationen über seine Motive. Etliche Experten wie der Psychiater Marvin Swartz weisen darauf hin, dass Neurotiker sehr wohl für extreme Botschaften aus ihrer Umwelt offen sind. Loughner hat vor der Tat über ein «Gehirnwäsche-Programm» der Regierung gefaselt. Derartiges gehört zum Standardprogramm rechtspopulistischer Mediengrössen wie Glenn Beck oder Rush Limbaugh, die wie zahlreiche Tea-Party-Figuren zudem einen wahren Waffenkult betreiben. Ein Freund Loughners erklärte nun, dieser habe zunehmend den Wunsch verspürt, Chaos zu säen und habe seit 2007 über Giffords gelästert. Die Abgeordnete könnte für den Mörder zum Symbol einer Welt geworden sein, die er in blutige Verwirrung stürzen wollte.
Während die Diskussion über Loughners Motive anhält, steht bereits fest, dass die Tat das hasserfüllte Klima in den USA eher noch verschärft hat. Bislang haben Beck und ähnliche Figuren keinerlei Willen gezeigt, ihren Ton zu mildern. Im Gegenteil: Der Fox-TV-Moderator hat nun angekündigt, er werde erst recht in die Offensive gehen. Und wie beim Thema Schusswaffen lassen die Demokraten und ihr Präsident bislang klare Worte gegen die rechte Hasspropaganda vermissen, wie sie Gabrielle Giffords vor dem Anschlag auf ihr Leben gefunden hat.   


US-Korrespondent Andreas Mink führt auch in einem Gespräch mit radio tachles Hintergründe zu der Bluttat in den USA aus. Das Gespräch ist online über www.tachles.ch/radio, als Podcast über www.tachles.ch/podcast
zugänglich.