Kein Entkommen für Massenmörder
Wie bedeutsam ist der Tod von Osama bin Laden? Sein Ende hat enorme symbolische Bedeutung und demonstriert, dass jeder Massenmörder irgendwann gefasst und eliminiert wird. Für die Amerikaner war es sehr frustrierend, dass er ihnen so lange entkommen konnte – und jetzt ist die Jagd vorüber. Aber im Hinblick auf Terrorattacken stellt dies natürlich kein Ende dar. Al-Qaida hat sich seit vielen Jahren zunehmend dezentralisiert. Heute liegt der eigentliche Kern des Netzwerks in Jemen. Einer der dortigen Anführer ist der vorher in den USA lebende Prediger Anwar al-Awlaki. Es ist durchaus denkbar, dass die Organisation nun weltweit Anschläge ausführt, um bin Ladens Tod zu rächen und zu zeigen, dass al-Qaida immer noch gefährlich ist. Einige Ultraradikale könnten ihre Anstrengungen verdoppeln, sich in den Besitz von Massenvernichtungswaffen zu bringen. Bin Ladens Tod bedeutet nicht das Ende des Terrorismus, aber die Bedeutung dieser Form der politischen Gewalt wird in den kommenden Jahren abnehmen. Die derzeitige Umwälzung im Nahen Osten und der Sturz mehrerer Regime hat die Bedeutung des politischen Islam gestärkt. Aber nun stehen Auseinandersetzungen um die politische Macht in einzelnen Staaten an und nicht mehr der Kampf gegen den Westen. So werden in Ägypten die Muslimbrüder mächtiger, aber sie sind nicht al-Qaida und bin Laden. Sie lehnen Gewalt nicht ab, aber heute setzen sie bei der Verfolgung ihrer Ziele vorwiegend auf friedliche Mittel. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, erleben wir das Ende der Epoche von bin Laden und des «Kriegs gegen den Terror» – jedenfalls in seiner uns vertrauten Version. Aber in vielen Teilen Nordafrikas, des Nahen Ostens und Pakistans drohen weiter Gefahren.