Kein Abenteuerspielplatz

Editorial von Gisela Blau , September 2, 2011

Casino. Wie soll der Ehrgeiz gewertet werden, mit dem jüdische Milliardäre aus der ehemaligen Sowjetunion an die Spitze europäischer jüdischer Organisationen drängen? Der positive Aspekt: Sie wollen mit ihrem Geld bestehende Strukturen stärken und Gutes tun. Die möglichen negativen Faktoren: Sie wollen sich einen Namen machen, die Strukturen nach ihrem Gusto zurechtbiegen und wie im Casino mit hohem Einsatz gegen die Konkurrenz gewinnen.

Spielzeug. Eine Organisation, ob jüdisch oder nicht jüdisch, ist keine Firma, die in der Manier des Multibusiness-Engagements kontrolliert werden kann. Sie ist, gerade auf dem heiklen Grat zwischen der jüdischen Selbstbehauptung und der gesellschaftlichen Integration in Europa, auch kein Spielzeug. Sie sollte keinen Abenteuerspielplatz für Oligarchen bieten, die ohne viel Ahnung vom Funktionieren einer Demokratie aufgewachsen sind. Kein Wunder, dass es jüdischen Funktionären unheimlich wird, wenn Milliardäre ihren Gremien vorstehen oder, eher: diese übernehmen wollen. So regte sich Widerstand, als der ukrainische Oligarch Igor Kolomoisky in einem undemokratischen Coup an die Spitze des European Council of Jewish Communities (ECJC) gehievt wurde. Denn die andere Organisation, der Europäisch-jüdische Kongress (EJC) befand sich bereits in der Hand des russischen Milliardärs Moshe Kantor.
Parlament. Doch der Ukrainer gab nicht kampflos auf. Nach seinem Rückzug von der Spitze des ECJC gründete er einfach eine neue Spielwiese, die Europäisch-jüdische Union (EJU). Mit dieser will er nun ein jüdisches Europa-Parlament schaffen. Sein Vorgehen mag zwar sehr wenig transparent anmuten, aber die Idee wäre nicht schlecht. Viele jüdische Menschen in Europa fühlen sich von ihren Organisationen schon lange nicht mehr vertreten.

Strukturen. Den bestehenden Organisationen und mit ihnen sämtlichen Mitgliedergemeinschaften müsste es längst gedämmert haben, dass nur schwache Strukturen sich im Handstreich erobern lassen. Im Fall des ECJC war es angeblich schierer Geldmangel, als die amerikanische Wohlfahrtsorganisation Joint als Sponsor ausstieg und Kolomoisky versprach, insgesamt 14 Millionen Dollar zu investieren. Beim EJC in Paris gab es niemals Geldmangel, weil sie vom Jüdischen Weltkongress in New York als Manipuliermasse Israel Singers benützt wurde, und es geht ihr auch nach Singers verdient unrühmlicher Entlassung sicherlich nicht schlechter.

Phantome. Der ECJC versucht gegenwärtig eine Wiederbelebungsstrategie, indem er sich mit den verbliebenen Gemeinden und Organisationen auf die Förderung sozialer und kultureller Anliegen zurückbesinnt. Der Joint ist als Sponsor zurückgekehrt. Wo sollen ehrwürdige karitative Unternehmen denn auch sonst hin mit ihrem Geld? Beim EJC dagegen herrscht «business as usual». Seit dem Tod von Ignatz Bubis scheint es in Paris keine Aktivitäten, sondern nur noch die Pflege verkrusteter Strukturen zu geben. Die jüdischen Menschen in Europa hätten wirklich eine neue Plattform verdient, die sie selber mitgestalten könnten. Mal sehen, was aus diesem seltsamen Phantom eines Parlaments wird.