Kaum gelesen und dennoch äusserst wirkungsvoll
In welchem Verhältnis der eigentliche Text der «Protokolle der Weisen von Zion» zu seinem Erfolg steht, war eine der zentralen Fragen, um die sich die internationale Tagung drehte, die am 11. und 12. April an der Universität Basel abgehalten wurde. Konzipiert wurde die Tagung von der Germanistin Eva Horn sowie den beiden Historikern Michael Hagemeister und Heiko Haumann.
Die Wirkung der Verschwörungstheorie
Mit der persönlichen Geschichte einer Taxifahrt in New York, während der der Fahrer, mit Verweis auf die «Protokolle», die er bezeichnenderweise, gar nicht gelesen hatte, von jüdischen Plänen zur Erringung der Weltherrschaft sprach, zeigte Horn die Wirkung dieser Verschwörungstheorie beispielhaft auf: Bereits um 1920 wurden die «Protokolle» als Plagiat der von Maurice Joly verfassten satirischen Schrift «Gespräche in der Unterwelt zwischen Machiavelli und Montesquieu» identifiziert. Dieser und andere Beweise taten der Rezeption jedoch keinen Abbruch, und wie Horn am Beispiel des Taxifahrers verdeutlichte, ist diese «Rechtfertigung für den Völkermord», wie der britische Historiker Norman Cohn die «Protokolle» bezeichnete, wahrheitsresistent und will geglaubt werden. Zentrale Themen der Tagung waren denn auch weniger die Hintergründe der «Protokolle» als vielmehr der Text selbst: «Denn dessen verheerende politische Wirksamkeit steht in seltsamem Kontrast zu der Tatsache, dass er zwar gern als Beleg für die angeblichen Weltherrschaftspläne der Juden genannt wird – aber kaum je tatsächlich gelesen wurde», wie es im Einladungstext der Tagung heisst. Der wissenschaftliche Blick richtete sich deshalb sowohl auf die Quellen der «Protokolle» als auch auf den im Text entwickelten politischen Entwurf.
Alfred Bodenheimer vom Institut für Jüdische Studien Basel ging in seinem Referat der Frage nach, was Herzls «Judenstaat» (1896) und die ab 1900 erscheinenden «Protokolle» gemeinsam haben: Bei Herzl macht der Antisemitismus die Juden erst zur Solidargemeinschaft. Diese dynamische Dimension des Antisemitismus wird in den «Protokollen» zur konspirativen Realität. Sowohl bei Herzl als auch in den «Protokollen» soll zudem jüdisches und nicht jüdisches Geld bei der Umsetzung der Utopie helfen. Ebenfalls findet sich in beiden Büchern eine deutliche Ablehnung der Demokratie. Herzl hielt eine Wahlmonarchie für die beste Staatsform, jedoch fehle den Juden eine Herrscherfamilie. Die «Protokolle» wiederum sehen ebenfalls eine Monarchie vor, der angebliche Herrscher der Welt käme hier aus dem Hause Davids. – Vielleicht sind es gerade diese Parallelen, die einige Antisemiten dazu veranlasst haben, die «Protokolle» als Tagunsgbericht des ersten Zionistenkongresses zu bezeichnen.
Die «Protokolle» als Utopie
In ihrer Textanalyse ging Verena Kasper, Institut für Geschichte der Universität Graz, einerseits auf den fiktionalen Charakter der «Protokolle» und andererseits auf die darin ausgestaltete Utopie ein. Kasper beobachtete, dass der Autor der «Protokolle» die satirischen Elemente in Maurice Jolys Text sogar erweitert habe. Zudem habe die in den «Protokollen» formulierte Zeitkritik nichts an Relevanz verloren, was vielleicht den ungebrochenen Erfolg des Textes ausmache. Kasper hob des Weiteren hervor, dass es sich bei der in den «Protokollen» geschilderten Utopie um eine rückwärts gewandte handle, also um eine Utopie, die den Weg zurück zur Monarchie postuliert: Der Weg zur jüdischen Weltherschaft wird erschlichen, indem die Völker so weit ermüdet werden, bis sie sich nach Ruhe und Sicherheit sehnen. Kasper machte dabei auf die Allegorien und Metaphern aufmerksam, die auf einen elementaren Kampf zwischen Gut und Böse verweisen, bei dem die Juden, für beides verantwortlich seien. Der König wird dabei als weise, gerecht und hart beschrieben. Dass dieser König nicht als böse dargestellt wird, ist für eine Verschwörungstheorie seltsam; aber es ist gerade der Weg zu diesem weisen Herrscher, der die Utopie in diesem Fall entwertet.
Zur individuellen Rezeption führte der Beitrag von Erik Petry, Institut für Jüdische Studien Basel. Er liess einen Zeitzeugen gewissermassen in einem fiktiven Prozess die «Protokolle» lesen und interpretieren. Der von Petry als freisinnig, bürgerlich-christlich charakterisierte Leser wäre gleich zu Beginn der Lektüre irritiert gewesen, da es in den «Protokollen» heisst, dass böse Menschen mehr erreichen als gute. Diese Eindeutigkeit störte und faszinierte ihn zugleich, so Petry. Generell würde er die Totalität in den Aussagen ablehnen. Petry kam zum Schluss, dass die «Protokolle» zwar viele bürgerliche Ängste und Vorstellungen ansprechen würden, ein Freisinniger jedoch sehr wenig damit anfangen könne.
Schon Joseph Goebbels, so der Historiker Michael Hagemeister, hielt die «Protokolle der Weisen von Zion» zwar für eine Fälschung, jedoch auch für ein ausgezeichnetes propagandistisches Mittel. Der enorme Erfolg der «Protokolle der Weisen von Zion» gibt Goebbels Recht, denn zur Politik gehört das Spiel mit Projektionen und politisch aufgeladener Symbolik; dabei geht es oft nur am Rande um Tatsachen und Fakten.
Joël Hoffmann