«Kaserne der Weltrevolution»

March 18, 2010
Im Hotel Lux in Moskau kreuzten sich zu Stalins Zeiten die Wege unzähliger Polit-Grössen.
HOTEL LUX Viele Revolutionäre und Intellektuelle waren hier in den frühen Jahren der Sowjetunion einquartiert

Von Martin Dreyfus

Dicht neben dem pompösen Eingang zum Jelissejew führte eine unscheinbare Tür ins Hotel Lux. Der weitläufige, aber in der Ausführung recht bescheidene und ziemlich abgenutzte Bau verriet nicht, dass dort ohne Unterlass die Kessel der Weltrevolution brodelten. Allerdings schien die Atmosphäre – wie über einem Hochgebirge – zu dünn, zu leicht zu sein: In diesem Kessel wurde nie etwas wirklich gar. Das Hotel Lux war kein Hotel. Je nachdem, welchen Teil man ansah, konnte man es eher ein Appartementhaus oder eine Kaserne nennen.»

So beschreibt der Schriftsteller und Dramatiker Julius Hay seinen Eindruck vom Moskauer Hotel Lux, das auch als «Kaserne der Weltrevolution» bezeichnet wurde und von wo unter anderem auch jene Stalin´schen Schauprozesse ihren Anfang nahmen, welche Hay als die russische, vielmehr sowjetische «Bartholomäusnacht» bezeichnete. Dabei war Hay nur einer von zahlreichen, vorwiegend kommunistischen Intellektuellen, welche auf der Flucht vor den Nazis – was Hay zuvor unter anderem auch nach Zürich (zu Rudolf Jakob Humm ins Rabenhaus) geführt hatte – im Moskau Stalins vermeintliche Zuflucht suchten und im Hotel Lux zunächst zu finden meinten. Bespitzelung und Überwachung durch ein kaum vorstellbares «Passierscheinsystem» wurden hingenommen – selbst Verhaftungen nächster Angehöriger mehr oder minder stillschweigend geduldet. Ruth Mayenburg, Lebensgefährtin des österreichischen Kommunisten Ernst Fischer, hat dem «Absteigequartier der Weltrevolution», wie sie es nannte, ebenso eindrückliche wie erschreckende und beängstigende Erinnerungen gewidmet. In diesem Quartier lebten in den dreissiger und vierziger Jahren all jene «Revolutionäre» wie Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Josip Broz Tito, Walter Ulbricht, Ho Chi Minh oder Chou En-Lai, die Jahre und Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges die Weltpolitik, und spätestens nach dem Tode Stalins 1954 nicht immer nur mehr in dessen «Sinn und Geist», zumindest mitbestimmen sollten. Aber etwa mit Mátyás Rákosi oder dem Spion Richard Sorge waren es auch solche, die der «lange Arm» Stalins auch nach dem Ende des Krieges beinahe rund um die Welt in den Ländern ihrer Herkunft, in welche sie zurückgekehrt waren, oder in jenen, in welchen sie ihre Aufträge im Dienste der Revolution auszuführen glaubten, erreichte.

Im Moskauer Hotel Lux hatten sich die Wege vieler Exponenten gekreuzt. Einen Höhepunkt erlebte das Hotel Lux in der Zeit des VII. kommunistischen Weltkongresses 1935, als sich der Schweizer Jules Humbert-Droz ebenso in Moskau aufhielt wie Artur London, der spätere Mitangeklagte in den Prozessen gegen Rudolf Slánský, dem, nach dem Tode Stalins «begnadigt» und in den Westen «entlassen», wir aus seinem Buch «L’aveu» jene ersten Einblicke in die Mechanismen und Methoden der Moskauer wie der späteren Schauprozesse in der CSR verdanken.

Vermeintliche Zuflucht

Dass der Schweizer Fritz Platten, der sich 1917 um die Fahrt Lenins aus der Schweiz durch Deutschland nach Russland «verdient» gemacht und seit 1924 im Hotel Lux wohnte, verhaftet wurde, weil er sich der Gruppe um Sinowjew angeschlossen hatte, mag ebenso ein Licht auf die undurchschaubaren «Entscheidungen und Wege» werfen, wie dass es Jules Humbert-Droz nach «Rauswurf» und Rehabilitation 1938 trotz seiner Verbindungen zu Bucharin erneut gelang, ein Ausreisevisum zu erhalten.

Aber auch im Gegensatz zu den bisher Genannten, politisch kaum bis gar nicht Aktiven, konnten Verhaftungen und – mit oder auch ohne Prozesse – am Ende der Tod in einem Lager oder in der Verbannung drohen. So erging es auch Carola Neher, Schauspielerin und Lebensgefährtin des 1927 verstorbenen Dichters Kalbund, die nach ihrer Flucht in die Sowjetunion, wo auch sie zeitweilig im Hotel Lux vermeintliche Zuflucht fand, verhaftet wurde und zu Tode kam. Schriftstellern wie Theodor Plievier, Johannes R. Becher (späterer Kulturminister der DDR), Erich Weinert oder Ignazio Silone, einst zweifellos überzeugte Anhänger des Kommunismus und Gäste des Hotel Lux, erging es besser. Ihnen gelang, ähnlich wie jenen Protagonisten, die später, nach dem Ende des Krieges, die kommunistischen Parteien oder gar die Geschicke ihrer Länder führten, die Ausreise, wohl weil Stalin und seine wechselnden Getreuen von deren Ergebenheit mehr oder weniger überzeugt waren.

Keine Revolution

«Zettelchen! Gesuche! Kaderempfehlungen …! Ich habe in den zehn Jahren in der SU viele Leute – Bekannte und Unbekannte – gesehen, die einen Zettel in der Hand oder in der Tasche hatten, der geeignet war, ihre Zukunft zu zerstören. Ungeheure Kraft hatten diese Papierschnitzelchen», hält Julius Hay fest.

Der Zugang, der Besuch der Bewohner im Hotel Lux, wurde akribisch mit Datum und Uhrzeit in einem «Passierschein» festgehalten (und diente in manchen Fällen später als «Beweis»). Zwar war das Hotel Lux durchaus Lebensort, im Lux wurde geliebt und gefeiert, aber letztendlich wurde der Aufenthalt im Hotel Lux manchen Flüchtlingen aus dem von den Nazi­truppen besetzten Europa zum Verhängnis. Eine «Logik» im Verlauf der Lebensläufe der zeitweiligen Bewohner des Hotel Lux lässt sich auch nach Jahrzehnten, nach der Öffnung mancher Archive und der Publikation zu unzähligen Lebensläufen und Einzelschicksalen, nicht erkennen. Verunsicherung gehörte zum System.

Auch wenn das Hotel Lux noch bis Mitte der fünfziger Jahre in seiner bisherigen Funktion – von welchem ein späterer Besucher meinte, dass es «jetzt ganz vom NKWD besetzt» sei – existierte (bevor es im Zuge eines landwirtschaftlichen Kongresses in ein Hotel zurückverwandelt wurde), ging das Ende seiner ebenso wechselvollen, beängstigenden wie unheimlichen Geschichte mit dem Ende des Krieges einher. Die überlebenden Bewohner verliessen das Lux in Richtung ihrer Heimatländer, wo sie in vielen Fällen zunächst wichtige Rollen beim Wiederaufbau und in der Partei- und Regierungsarbeit übernahmen. Nur wenigen, wie Tito oder Wehner, war dabei (aus ihrer Sicht) Erfolg beschieden. Auch wenn das Lux für viele Jahre der Treffpunkt unzähliger Polit-Grössen dieser letztlich grauenerregenden Epoche der Zeitgeschichte war – die dort erträumte, erhoffte Revolution behielt nur ihr Absteigequartier. ●

Martin Dreyfus ist Experte für Verlagsgeschichte und Literatur. Er lebt in Zürich.