Karfreitagsfürbitte bleibt
Am Karfreitag diesen Jahres wird die Fürbitte für die Juden im alten lateinischen Ritus erneut in der kontroversen Form gebetet werden. Ihr Charakter ist klar missionarisch.
Das Bistum Chur hat nicht nur grosse Richtungs- und deshalb Personalprobleme. Es erregt auch Aufsehen, weil es künftig im Priesterseminar in Chur in der lateinischen Messe nach altem Ritus ausbilden will. Laut seinem Sprecher Giuseppe Gracisa gibt es zwei Kandidaten. Mit der Ausbildung im alten Ritus «soll sich die Lage zwischen jenen Gruppen entspannen, die nur eine Form gelten lassen wollen». Denn: «Es gehören beide Formen auch in der Praxis auf dieselbe Stufe.» Diese Gleich-Stellung sei auch vom Papst gewünscht. Der Papst hatte 2007 in der Tat die lateinische Messe offiziell wieder erlaubt, und zwar im alten tridentinischen Ritus. Bei Juden und Nichtjuden führte namentlich die Karfreitagsfürbitte für die Juden zu heftigen Protesten, weil sie weit hinter die Grundsätze des Zweiten Vatikanischen Konzils und die folgenden Formulierungen von Papst Paul VI. zurückging; sie störte die seit Papst Johannes Paul II. verbesserten jüdisch-katholischen Beziehungen. 2008 «glättete» Papst Benedikt XVI. diese Fürbitte aufgrund der Proteste ein wenig, aber sie zeigt noch immer einen deutlich missionarischen Charakter (tachles berichtete).
An Karfreitag 2011 wird die Fürbitte für die Juden im alten lateinischen Ritus wieder in der kontroversen Form gebetet werden. Überall dort, wo die lateinische Messe gelesen wird, soll es wieder heissen: «Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott
unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen. (...) Gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle aller Völker in deine Kirche ganz Israel gerettet wird.» In den anderen Sprachen wird in der versöhnlichen Form für die Juden gebetet, «zu denen Gott als erste gesprochen hat».
Der Interpretationsspielraum ist weit und voller Fallstricke. Giuseppe Gracia führt namens des Bistums Chur ins Feld, die seit 2008 geltende lateinische «Bitte um das Heil des jüdischen Volkes» bringe «jene grossherzige Haltung zum Ausdruck, die auch für das Gebet des Judentums charakteristisch ist. Denn Israel betet in seinem Gottesdienst täglich ebenfalls dafür, dass Gott alle Völker erleuchte und in seinem Reich zusammenführe.» Dies, so sagen jüdische Theologen, sei kein angemessener Vergleich, denn im jüdischen Schlussgebet gehe es zwar um die Anerkennung des einen Gottes durch alle Völker, aber nicht um die Aufforderung, sie müssten sich zum Judentum bekennen.