Kann aus Tel Aviv ein Modezentrum werden?
Ofir Lev, Organisator der Tel Aviver Fashion Week, stellvertretender Vorsitzender der Israel Textile and Fashion Association und ehemaliges Modell sagte: «Ich wollte meinem Geschäft und meinem Land helfen. Ich wollte zeigen, dass es in Israel Mode und Kreativität gibt.» Lev setzte seine verzweigten Auslandkontakte ein und brachte internationale Modejournalisten und den italienischen Stardesigner Roberto Cavalli zum dreitägigen Modefest nach Tel Aviv.
Wind und Lärm
Die israelische Modeszene gibt es schon seit Jahrzehnten – den Anfang machte Lea Gottlieb mit ihrem Badekleider-Imperium Gottex –, doch es dauerte Jahre, bis sich eine Art Mode-Extravaganz feststellen liess. In den siebziger Jahren wurde zweimal jährlich eine Modewoche im Tel Aviver Hilton Hotel veranstaltet. Die Einkäufer kamen aus Europa und den USA. Die Herstellerfirmen unterschieden sich damals wesentlich von heute, gab es doch mindestens ein Dutzend Modegesellschaften, die ganze Kollektionen für den Export produzierten. Heute machen Firmen keine Mode mehr, doch jedes Jahr tauchen vier, fünf talentierte individuelle Designer auf. Die Modewoche ist nach Ansicht von Experten geschaffen worden, um Information zu offerieren und ein wenig Wind und Lärm zu machen. Hinzu kommt natürlich die Hoffnung auf Bestellungen und ein positives Bild in den Medien.
Besitzt Tel Aviv aber Chancen, zu einem wichtigen Stopp im Mode-Zirkus zu werden? Lev plant nach eigenen Angaben für den kommenden April eine weitere Fashion Week. Er hofft, den Israeli-Amerikaner Elie Tahari, wie auch Ralph Lauren, Calvin Klein, den italienischen Designer Miuccia Prada und das Mode-Luxushaus Dolce & Gabbana an Bord zu ziehen. Jeder ist nur, wie er sagt, «zwei Telefonanrufe entfernt». Die Herausforderung besteht darin, jeden von ihnen nach Israel zu bringen, wobei der ungerechte Ruf des Landes, ein gefährlicher Ort zu sein, die Bemühungen ungemein erschwert. «Wir müssen mit einer Wild-West-Existenz umgehen», sagt Designerin Dorit Frankfurt, die einer gut etablierten Marke vorsteht und die auch ins Ausland exportiert. Frankfurt, die ihre eigene Kollektion seit 1983 in ihrer Tel Aviver Produktionsstätte herstellt, zeigte an der Fashion Week ihre Frühlingskollektion.
Noch kein Paris
Laut Lev und seinem Partner, dem für die Beverly Hills Fashion Week bekannten Produzenten Motty Reif, ist es die israelische Sicherheitslage, welche die Kreativität der Modeschöpfer des Landes beflügelt. «Das Leben hier ist nicht leicht», sagt Lev. «Es provoziert uns, sehr kreativ zu sein, lässt uns anders denken und improvisieren. Wir sind tapfer wegen der Situation, in der wir leben.» Eine Handvoll
bekannter Israeli hat sich bereits in der Modewelt etabliert, wie Alber Elbaz vom Pariser Haus Lanvin oder der Stardesigner Yigal Azrouel. Der ebenfalls bekannte Designer Ronen Chen, der seine Kollektion für die Dame in die USA und nach Europa exportiert, fiel durch an der Modewoche seine Abwesenheit auf. Das Timing sei nicht gut gewesen für ihn, sagte er. Er arbeitet bereits am nächsten Winter, während die Shows der Woche sich auf den Frühling 2012 konzentrierten. Zudem habe ihn, wie er meinte, das Konzept der Fashion Week nicht voll überzeugt. «Hier in Israel organisieren wir Shows nicht, um Bestellungen zu erhalten – es fehlt einfach ein Glied», erklärte er. «Einkäufer von Warenhäusern kommen nicht zu uns, um unsere Kleider zu bestellen, da wir nicht lange genug auf dem Markt sind und nicht den nötigen Standard aufweisen können. Ich wusste einfach nicht, ob die Teilnahme sich gelohnt hätte.»
Designer mussten je rund 7000 Dollar für die Shows auf dem Laufsteg ausgeben. Jüngere Designer teilten sich die Kosten, indem jeder eine halbstündige Show mit einem oder zwei Kollegen teilte. Lev schätzte die Gesamtkosten der Modewoche auf rund zwei Millionen Dollar, einschliesslich der Kosten für Cavalli und die Modejournalisten, die in Tel Aviver Hotels untergebracht werden mussten. Er erhielt etwas Geld von Sponsoren wie der amerikanischen Maybelline und einigen israelischen Firmen wie dem Frauenmagazin «Haisha» und dem Wiederverkäufer Renuar. Leicht war es aber nicht. Die Stadt Tel Aviv-Yafo offerierte keinerlei finanzielle Unterstützung, abgesehen von der freien Benutzung von «Hatachana», der kürzlich renovierten Bahnstation im osmanischen Stil in Yafo. Lev vergleicht Israel gerne mit Dänemark,
einem ungefähr gleich grossen Land, das jedes Jahr zwei Millionen Euro für eine Modewoche ausgibt. «Die israelische Modeindustrie wuchs letztes Jahr um acht Prozent, was nicht wenig ist», sagte er.
Israel ist nicht Paris, aber israelische Designer sind erfolgreich damit beschäftigt, das «Land zu übersetzen». Man sehe das Mittelmeer in den israelischen Kleidern, meinte ein israelischer Modeschöpfer. «Wir kreieren intime Modelle, die das Gefühl unseres Landes vermitteln.»