Kampf gegen «Sozialapartheid»

Peter Abelin, December 10, 2009
Vor 15 Jahren hat Branka Goldstein in Zürich die IG Sozialhilfe gegründet. Nun wurde als neuer Bereich das Kafi Klick eröffnet, das Armutsbetroffenen den kostenlosen Zugang zum Internet ermöglicht.

Der kompromisslose Einsatz für die Armutsbetroffenen und Rechtlosen ist Branka Goldstein (55) in die Wiege gelegt worden: Als Tochter eines Flüchtlings, der im Zweiten Weltkrieg illegal in die Schweiz eingereist ist, ist sie schon mit Entbehrung und Ausgrenzung aufgewachsen. Dass ihrer ostjüdischen Grossmutter der Eintritt in die Synagoge an der Löwenstrasse verwehrt wurde, wo sie ein Dankesgebet für ihre Rettung hatte sagen wollen, hat sie ebenso geprägt wie eigene antisemitische Erlebnisse als Kind in Zürich. Als alleinerziehende Mutter von drei Kindern lernte sie später auch Armut und Arbeitslosigkeit am eigenen Leib kennen.

Menschenrechte für Arme

Branka Goldstein engagierte sich in den siebziger Jahren in einem antikolonialistischen Solidaritätskomitee und prägte dann den Begriff der «Sozialapartheid» in der Schweiz, die sich nicht auf die Rasse, sondern die soziale Situation bezieht. Darin bestätigt sah sie sich an ihren weiteren Stationen – so als Notfall-Krankenschwester in der offenen Drogenszene auf dem Platzspitz, bei ihrer Arbeit mit Pfarrer Ernst Sieber 1988 in der ersten Notschlafstelle für Drogenabhängige und in der Selbsthilfegruppe des Zürcher Arbeitslosen-Komitees. 1994 gründete sie die IG Sozialhilfe, die seit dem Jahr 2000 als Verein organisiert ist und sich «die Verwirklichung der Menschenrechte für Armutsbetroffene» zum Ziel setzt. Gut 4500 Beratungen und Betreuungen wurden letztes Jahr geleistet. 91 Prozent der betreuten Personen waren Schweizer, zwei Drittel davon IV-Rentnerinnen und -Rentner. Dazu kommt die aufwändige Langzeitbetreuung von etwa einem Dutzend schwer traumatisierter, kranker Randständiger: Sie leben in Wohnungen der IG Sozialhilfe und werden medizinisch, psychologisch sowie in finanziellen Angelegenheiten umfassend betreut. Anders als bei amtlichen Beistandschaften geschieht dies mittels Vollmachten, «auf der Basis des gegenseitigen Vertrauens», wie Branka Goldstein im Gespräch mit tachles betont. Finanziert wird die Arbeit der IG Sozialhilfe durch Spenden sowie die Unterstützung durch Stiftungen und Hilfswerke.

Mit dem Kafi Klick an der Müllerstrasse 56 in Zürich wurde im Oktober eine neue Dienstleistung angeboten: Hier wird Armuten ein kostenloser Zugang zu Computer und Internet geboten. Gemäss Projektleiter Christoph Heusser zeigen die ersten Erfahrungen, dass sich die Klientel von den bisherigen Hilfesuchenden unterscheidet – es sind Menschen auf Arbeits- und Wohnungssuche, die sich wieder in die Gesellschaft integrieren möchten.

Ehrung für eine Idee

Für die Idee einer «Kultur-Legi» – sie wird heute von der Caritas ausgegeben – hat die IG Sozialhilfe 1996 den Förderpreis der Stadt Zürich erhalten. Im gleichen Uno-Jahr zur Überwindung der Armut wurde der Einsatz von Branka Goldstein auch mit dem Dr.-Ida-Somazzi-Preis geehrt. Zahlreiche Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens unterstützen die IG Sozialhilfe durch ihre Namen. So auch SP-Nationalrätin Christine Goll, welche sich an einem Informationsabend zum Internationalen Menschenrechtstag mit einem Bericht über «Soziale Rechte für Armutsbetroffene» beteiligt hat.

www.ig-sozialhilfe.ch