Kammermusikalische Meilensteine von Mendelssohn Bartholdy und Ullmann
Unter dem Motto «Unter Freunden» fand kürzlich im Kleinen Saal der Tonhalle Zürich ein zweiteiliges «Fest der Kammermusik» statt, das einmal mehr sowohl der Programmideen als auch der hervorragenden Interpretationen wegen faszinierte. Zeigte das erste Konzert unter Einbezug von Werken Werner Bärtschis («Sammelsurium») und Roland Mosers («Adagio - von einem ganz sonderbaren gout», Paraphrase nach einem Satz aus Mozarts Sonate KV 7) die diversen Schaffensphasen W. A. Mozarts auf, so brachte das zweite neuartige Gedanken bedeutender jüdischer Komponisten anhand von Streicherkammermusik zum Ausdruck. Im Oktett Es-Dur op. 20, einem Meilenstein der romantischen Instrumentalmusik, schuf der gerade 16jährige Felix Mendelssohn Bartholdy mit einem rondoartigen Scherzo ohne Trio (Mittelteil) formal ein höchst bemerkenswertes Novum.
Einen neuen Weg schlug auch der Schönberg-Schüler Viktor Ullmann ein, als er 1943 im KZ Theresienstadt mit seinem 3. Streichquartett ein zwar einsätziges, in sich jedoch fünfteilig gegliedertes Werk schrieb, das die Charakteristiken eines Sonatensatzes und der einzelnen Sätze einer mehrteiligen Komposition zu einer interessanten Mischform wie folgt verbindet: 1. Exposition, 2. Scherzo, 3. Durchführung des Hauptsatzes, 4. Largo (quasi Fuge), 5. Rondo-Finale. Das mit einem eindringlichen Seufzermotiv beginnende, von gleichsam sprechendem Ausdruck erfüllte Werk ist die einzige kammermusikalische Arbeit Ullmanns, die sich aus seinem letzten Lebensabschnitt kurz vor der Ermordung in Auschwitz erhalten hat - ein ergreifendes Zeugnis des in seinem Falle bis zur Deportation ungebrochenen Willens zum Durchhalten und zum künstlerischen Widerstand.
Dem Amar-Quartett ist eine brennend engagierte Darstellung zu verdanken, aus der die Bedeutung dieses Meisterwerks von Viktor Ullmann ebenso deutlich erfahrbar wurde wie die geniale Originalität des mit befreundeten Gästen (Ana Chumachenco und Mirjam Tschopp, Violinen; Christoph Schiller, Viola; Wen-Sinn Yang, Violoncello) hinreissend musizierten Streichoktetts von Mendelssohn Bartholdy. Zur Begeisterung des Publikums trugen in diesem von Omanut (Verein zur Förderung jüdischer Kunst in der Schweiz) unterstützten Konzert im Weitern Mirjam Tschopps vollendet bravouröse und klangintensive Interpretation der 5. Solosonate («L’Aurore») von Eugene Ysaÿe und Felix Mendelssohn Bartholdys 1. Klaviertrio d-Moll op. 49 mit dem Pianisten Werner Bärtschi bei.