Kairo und Jerusalem
Zum zweiten Mal seit Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Ägypten und Israel vor über zwanzig Jahren rief Kairo seinen Botschafter unbefristet ab und liess die Vertretung auf der bescheideneren Geschäftsträger-Ebene. Das erste Mal geschah es während des Libanon-Krieges, nach dem Massaker von Sabra und Shtaila, für das Ägypten Israel der Mitschuld bezichtigte.Muhamad Bassiouny, damals «zweiter Mann», blieb als Geschäftsträger in Tel-Aviv; als Kairo die Mission vier Jahre später wieder aufstufte, wurde er zum Botschafter ernannt. So begleitete er die Beziehungen zwei Jahrzehnte, unüblich lange für einen Diplomaten, und wurde ein Stein der Prominentenlandschaft Israels.
Das Aussenministerium in Jerusalem gab sich überrascht über den ägyptischen Schritt, doch auf die harte Antwort Israels auf eine Kette schlimmer Terrorakte mit dem abscheulichen Anschlag auf den Schulbus war mit einer Entgegnung Kairos zu rechnen. Ob die Belegung Gazas mit Raketen aus der Luft sinnvoll und zweckmässig war, sei dahingestellt. Viele Israelis bezweifeln es - ganz ungeachtet der Auswirkung auf das Verhältnis mit Ägypten.
Der Abruf Bassiounys ist keine zwangsläufige Einleitung des totalen Bruchs; Präsident Mubarak sollte einen solchen kaum wünschen, es sei denn, dass die Situation sich weiter verschärft und neue Überlegungen schafft. Dass die Gefahr besteht, haben das Blutbad in Hadera und eine Reihe weiterer Terrorakte inzwischen ebenso eindringlich wie tragisch vor Augen geführt.
Zumindest in erster Linie rief Mubarak den Botschafter nicht ab, um Arafat zu befriedigen, sondern um seine Position als führender Staatsmann in Nahost zu unterstreichen. Auf den interarabischen Treffen seit Beginn der aktuellen Krise übte er zwar harte Kritik an Israel, lehnte aber radikale Forderungen eines völligen Bruchs ab und betonte seine Unterstützung des Friedensprozesses. Der ägyptische Schritt ist somit auch als Kompromiss zu werten - zwischen arabisch-islamischer Solidarität und Wahrung der Rolle, die Mubarak in der Friedensförderung hat, bzw. zu haben glaubt oder wünscht, und die ihm vielerorts zugestanden wird. Doch das bedeutet nicht, dass er den Angriff auf Gaza weniger scharf als andere verurteilte. Die Beziehungen zwischen Israel und Ägypten haben viele Eigenheiten. Ihre Aufnahme nach langen, von Krisen gezeichneten Verhandlungen krönte die bis dahin umwälzendste Entwicklung des Nahost-Konflikts, die Sadats und Begins staatmännischer Pragatismus ermöglichte. Sie lieferte die erste konkrete Widerlegung der verbreiteten fatalistischen These von der Aussichtslosigkeit friedlicher Koexistenz von Juden und Arabern. Die US leisteten wertvolle Schützenhilfe, aber bei der Überwindung der vielen Hürden bewiesen die Verhandlungspartner selbst grosse Reife.
Das Ende eines Krieges, der beide Seiten über Jahrzehnte schwere Verluste gebracht hatte, war selbstverständlich der zentrale Aspekt der neuen zwischenstaatlichen Realität, der sich auch voll bewährte. Manche anderen Erwartungen, die an den Frieden geknüpft worden waren, erfüllten sich weit weniger - oder auch gar nicht. Das gilt besonders für Israel und hat seine Gründe.
Während die grosse Mehrheit der Bevölkerung Israels den Friedensschluss fast euphorisch begrüsste, fand er in Ägypten viel geringere Zustimmung. Er stiess in weiten Kreisen auf Widerstand, der zum Teil von der negativen Haltung der arabischen Liga ausging, die Sadat und das Land mit Ächtung strafte, aber auch von Extremisten verschiedener Prägung innerhalb Ägyptens geschürt wurde. Diese Umstände führten zwei Jahre später zu Sadats Ermordung und bestimmten in hohem Masse die Zurückhaltung Kairos gegenüber den Erwartungen Israels. So blieb es unter dem Nachfolger; die Atmosphäre war bestenfalls lauwarm, nicht selten sehr kühl. Mubarak suchte die Korrektur der Beziehungen mit den «Bruderstaaten»; ein Ausbau derer mit Israel war dabei nicht dienlich. Dazu kam die Belastung durch den Krieg im Libanon mit dem ersten Botschafter-Abruf.
Mit vereinzelten Massnahmen, vornehmlich im Wirtschaftssektor, war das Verhältnis eine Einbahnstrasse. Bilaterale offizielle Besuche gab es zwar mitunter, doch fast nur in Ägypten. Das Niltal wurde zum beliebten Reiseziel von Israelis; Touristen in Gegenrichtung hatten Seltenheitswert. So in anderen Bereichen; der Wunsch nach menschlichem Miteinander blieb unerwidert. Die Botschaft Ägyptens in Tel-Aviv wird viel umworben; die Vertreter Israels in Kairo hingegen erleben wenig freund(schaft)lichen Verkehr, zumeist Ablehnung, nicht selten offen Feindseligkeit.
Nach dem Golfkrieg gewann Ägypten allmählich sein innerarabisches Ansehen zurück; das wirkte sich auch auf das Verhältnis zu Israel aus, doch weniger bilateral als multilateral, im Rahmen des sich anbahnenden Friedensprozesses. Mubarak, damals noch der einzige Staatschef in der Region, der Beziehungen mit Israel hatte, wurde von den Sponsoren Bush und Gorbatschow in das Geschehen einbezogen und spielt in ihm seit geraumer Zeit, wiewohl nicht einheitlich, eine beachtliche Rolle.
Mubarak hat zweifellos beträchtlichen Einfluss auf Arafat, der ständig seinen Rat sucht. Er unterstützt selbstverständlich die palästinensische Sache, doch nicht ohne vor Unüberlegtheiten zu warnen, die die gesamte Region in Flammen aufgehen lassen könnte; auch deshalb hat er Interessse am Bestand der Beziehungen mit Israel.
Washington wird sich in den nächsten Monaten vor allem dem Aufbau der neuen Administration widmen müssen (ungeachtet des Ausgangs des grotesken Wahl-Krimis). Mubaraks Position kann dadurch weiter gestärkt werden; Israel ist sich dessen voll bewusst.
Der Autor war Botschafter Israels in Bern und Bonn.