«Kafka und Kommunismus vereint»

von Katarina Holländer, October 9, 2008
Am Montag, den 30. Oktober, fand in Prag die Trauerfeier für Eduard Goldstücker statt. Er war einer der führenden Reformatoren, die in der Tschechoslowakei den Prager Frühling ermöglichten. Dank seiner Initiative konnte in den sechziger Jahren Kafka im Ostblock wieder diskutiert werden. Sein Lebenslauf ist charakteristisch für die mitteleuropäische Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Eduard Goldstücker: «Engagierter Reformer». - Foto KY

«Wer war der sympathische Herr, der eben gegangen ist?», fragte mein Tischnachbar, ein aus dem Exil nach Prag zurückgekehrter Tscheche, sichtlich angetan von dem älteren Herrn, der mit einer warmen, tiefen Stimme gesprochen hatte, auf der Terrasse des Hotels Praha, Frühjahr 2000. Einst hatte dieses Hotel exklusiven Gästen der kommunistischen Nomenklatur gedient, nun lud die israelische Botschaft zum Jom Ha’azmaut auf die Terrasse mit herrlichem Panorama. «Was? Das war Goldstücker? Mit dem sollte man ja überhaupt nicht sprechen!», schoss es aus dem Rückkehrer hervor, als er erfuhr, wem er da mit so viel Interesse und Sympathie zugehört hatte. - Die Reaktionen auf Eduard Goldstücker waren nach seiner Rückkehr in die postkommunistische Tschechoslowakei gemischt. Die internationale Kafka-Konferenz, die er 1963 ins Leben gerufen hatte, bildete den spektakulären Auftakt zu jenem Prozess, der als «Prager Frühling» in die Annalen eingegangen ist. Da kam nicht nur der zum exemplarischen Klassenfeind gewordene Kafka auf den ideologischen Verhandlungstisch zurück, ein - wenn auch heute vielleicht noch so klein erscheinendes - Stückchen Äusserungsfreiheit durchbrach die Mauern des Ostblocks. Goldstücker setzte sich bis zu seinem Lebensende dafür ein, dass Franz Kafka auch in seiner Heimat und natürlich weit darüber hinaus die ihm gebührende Stellung zukam. Vor wenigen Monaten erst wurde auf sein insistierendes Bemühen hin vor dem Prager Geburtshaus des Schriftstellers der Franz-Kafka-Platz eingeweiht.
Eduard Goldstücker war ein gläubiger Kommunist gewesen, Repräsentant der Partei, dann ihr Häftling, und schliesslich, bevor er vor ihr ins Exil fliehen musste, ihr Reformator. Geboren wurde der spätere Germanist, Literarhistoriker und Publizist am 30. Mai 1913 im winzigen slowakischen Podbiel in die ärmlichen Verhältnisse einer jüdischen Familie. Schon als Jugendlicher, aber auch später noch im Exil, schrieb er Gedichte. Als er in einem Antiquariat einen Band Heine entdeckte, war seine Entscheidung gefallen, er wollte Germanistik und Romanistik studieren. 1931 kam er nach Prag. Hier erlebte er am dortigen Deutschen Theater unvergessliche Vorstellungen, obwohl damals ein Student der tschechischen Universität mit den Prager Deutschen in der Regel nicht in Kontakt kam, wie er sich später erinnerte. Vorträge Max Brods zu besuchen, wäre ihm nicht in den Sinn gekommen; die tschechische und deutsche Prager Welt erlebte er weitgehend voneinander separiert.
Bereits während des Studiums wurde er politisch aktiv: Er führte eine illegale kommunistische Studentengruppe an und wurde als Reaktion auf die Machtergreifung Hitlers 1933 Mitglied der Kommunistischen Partei. 1937 heiratete er Marta Borcová, mit der er 2 Töchter hatte. Gemeinsam gelang ihnen 1939 die Flucht vor den Okkupanten nach England, wo Goldstücker an der Universität Oxford promovierte und noch im Krieg Diplomat im Dienst der tschechoslowakischen Exilregierung in London wurde. 1950-51 war er der erste tschechoslowakische Botschafter in Israel. Seine diplomatische Karriere brach jedoch abrupt ab, als er 1951 als «zionistischer Agent und Verräter» in einem inszenierten Schauprozess zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Nach vier Jahren wurde er entlassen und rehabilitiert, war bald Professor an der Karlsuniversität und wurde zum spiritus rector der tschechischen germanistisch-bohemistischen Literaturgeschichtsschreibung. Er publizierte unter anderem über Rilke und Werfel und redigierte die Schriften von Goethe. Die deutsche Literatur, vornehmlich jene aus Prag, zu verbreiten und zu erforschen, wurde sein Hauptanliegen, und Kafka der von ihm am unermüdlichsten erforschte Autor.
Bis 1968 war Goldstücker, dem auch die stalinistischen Lager seinen Glauben an den Kommunismus nicht nehmen konnten, überzeugt, dass das System reformierbar sei; er wurde einer der treibenden Reformatoren - immer wieder in seinem Leben ist er zu einem Repräsentanten der Entwicklungen geworden, die er für richtungsweisend erachtete. 1968-69 war der international berühmte Germanist Vorsitzender des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes, der eine führende Rolle bei den Veränderungen, die zum «Prager Frühling» führten, spielte. Nach dessen Scheitern im August 1968 wurde er, auch in Ostberlin und Moskau, scharf kritisiert und musste erneut emigrieren - nochmals nach Grossbritannien, wo er Professor für Komparatistik in Sussex wurde.
1989 erschien in München seine Autobiographie «Prozesse. Erfahrungen eines Mitteleuropäers». Kurz nach der «Samtenen Revolution» kehrte er, wie er es immer vorgehabt hatte, nach Prag zurück. Seine letzen Jahre in seiner inzwischen von der Slowakei geschiedenen tschechischen «Heimat» waren jedoch für ihn nicht sehr befriedigend. Er blieb eine umstrittene Persönlichkeit und fühlte sich, trotz mehrerer Ehrungen, im Abseits; er äusserte sich kritisch über die Auswirkungen der Kommerzialisierung. Er arbeitete, unterbrochen von zahlreichen Vorträgen und Konferenzen, an der tschechischen Fassung seiner Autobiographie. «Seit der Zeit, da sich das Ghetto öffnete, haben die Juden zweimal eine unglückliche Liebe erlebt: Die eine mit der deutschen Sprache, der deutschen Heimat, und die zweite mit dem Kommunismus», sagte Eduard Goldstücker einmal. Für seine unglückliche Liebe hat er mit aller Kraft gelebt. Eduard Goldstücker ist am 23. Oktober in Prag gestorben.