Kämpferin für ein pluralistisches Judentum
tachles: Sie haben einen orthodoxen Vater und eine Reformjüdin als Mutter. Wie hat diese Tatsache Ihr Leben beeinflusst?
Rabbiner Chaya Rowen-Baker: Mein familiärer Hintergrund hat mir einen natürlichen Zugang zu jüdischem Pluralismus gegeben. Respekt vor anderen Überzeugungen, die Fähigkeit, Kompromisse einzugehen und gemeinsam immer wieder neue Lösungen zu finden, habe ich zu Hause gelernt. Ich wuchs in einem so pluralistischen Haus auf, dass es für mich heute geradezu unmöglich wäre zu behaupten: Das ist die absolute Wahrheit und ich besitze sie. Daher begreife ich meine Familienkonstellation als grosses Geschenk.
Sie sind Rabbinerin in der Masorti-Bewegung. Ist das gewissermassen der Ort, wo sich die Ausrichtungen Ihrer Eltern treffen?
Ja, wahrscheinlich ist es eine Mischung zwischen den beiden, dem orthodoxen und dem liberalen Weg. Ich versuche, beide Zugänge zum Judentum zu würdigen.
Wie gut ist jüdischer Pluralismus in Israel akzeptiert?
Die israelische Gesellschaft ist auf verschiedenen Ebenen sehr traditionell, selbst wenn es nicht so scheint. Das Establishment in Israel ist orthodox. Der konservative und der liberale Weg gelten als nicht legitim, weil wir eine Minderheit sind. Dabei ist den meisten Leuten hier nicht bewusst, dass die meisten Juden ausserhalb Israels nicht orthodox sind. Weltweit ist die Mehrheit der Juden konservativ oder liberal.
Welche Rolle spielen die konservativen Juden der Diaspora für Sie in Israel?
Wir lieben den Gedanken «ki mizion teze thora» («Die Thora kommt aus Zion/Jerusalem»). Aber faktisch ist das leider nicht so. Die Visionen und neuen Ideen entstehen heute meist in den USA und wir übernehmen sie zehn Jahre später.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel die Frauenordination. Im konservativen Judentum begann man 1983 damit in Amerika. Die hiesige Leitung der Salomon-Schechter-Institute weigerte sich zunächst, Frauen zu ordinieren. Sie sagte, die israelische Gesellschaft sei noch nicht reif für eine weibliche religiöse Führung.
Sie sagten, die Gesellschaft, also nicht die Halacha, spreche dagegen. Das ist nicht das Gleiche!
Ja. Ich finde es ganz wichtig, zwischen Halacha und Bauch-Halacha zu unterscheiden. Es gibt viele Dinge – wie etwa die Ordination von Frauen –, die nicht gegen die Halacha sind, aber vielleicht gegen die Emotionen und inneren Bilder gewisser Menschen. Religion hat viel mit religiösen Gefühlen zu tun und diese müssen respektiert werden. Aber man sollte sich dessen bewusst sein und nicht die Halacha als Argument anführen, wenn sie gar nicht zur Debatte steht.
Sie haben im vergangenen Jahr den orthodoxen Rabbiner Haim Navon scharf angegriffen, der schrieb, man könne Frauen vielleicht in 200 Jahren ordinieren. Hat er damit nicht gerade zugestanden, dass auch aus orthodoxer Sicht halachisch nichts dagegen spricht?
Das ist ganz genau mein Punkt. Er betrachtet sich innerhalb der Orthodoxie als Avantgarde. Aber wenn es gemäss der Halacha keinen Grund gibt, Frauen heute als Rabbiner zu ordinieren, dann geht es bei der vorgeschlagenen 200-jährigen Warte- und Testphase um nichts anderes als um männlichen Chauvinismus. Wenn gewisse Personen keine weibliche Führung einzig aufgrund des Frauseins akzeptieren, dann ist das Diskriminierung.
Unterdessen sind in der Masorti-Bewegung Frauen im Rabbinat akzeptiert. Sie entsprechen aber nicht dem gewohnten Bild des männlichen Rabbiners. Ist das Ihrer Erfahrung nach eher ein Handicap oder eine Chance?
Für mich überwiegen die Vorteile. Viele Menschen in Israel haben sich von der Religion abgewandt, weil sie frustriert sind vom Bild, welches das orthodoxe Establishment in den letzten 60 Jahren vom Judentum entworfen hat. Diese Menschen suchen etwas Neues, ganz anderes, das Sinn vermitteln kann. Für
viele dieser säkularen Menschen unterscheide ich mich genug radikal von allen Bildern, die sie von einem Rabbiner haben, sodass sie mir eine Chance geben und hören, was ich zu sagen habe.
Es liegen also grosse Möglichkeiten im weiblichen Rabbinat. Wie kommt es, dass Sie in Israel die einzige Frau sind, die in der Masorti-Bewegung eine Gemeinde leitet?
Hoffentlich wird sich das bald ändern. Aber ich glaube, es ist ganz einfach ein extrem herausfordernder Beruf für eine junge Frau mit Familie.
Sie sind eine junge Rabbinerin und haben drei kleine Kinder. Wie schaffen Sie das?
Mein Mann und ich teilen uns die Elternrolle. Zudem ist die Gemeinde verständnisvoll. Aber das war ein Lernprozess. Als ich frisch hier anfing, kam eine Frau zu mir und sagte: Sie müssen sicherstellen, dass sich Ihre Kinder in der Synagoge anständig benehmen. Als Kinder vom Rabbiner werden sie beobachtet. Ich habe ihr geantwortet: Ihr habt mich eingestellt und nicht meine Kinder. Aber ich will die Frage nicht auf die Familienproblematik reduzieren. Ein Rabbinat ist
eine grosse Herausforderung, es braucht Mut, die Verantwortung für eine Gemeinde zu übernehmen. Und viele Frauen scheuen sich noch immer davor, trotz guter Ausbildung.
Sind Sie eine Kämpferin?
Wahrscheinlich schon. Ich erinnere mich einfach, dass ich immer irgendwie in der Minderheit war und immer versuchte, für eine Sache einzustehen.
Und wie steht es mit der Autorität als Frau in einer Gemeinde?
Ich weiss nicht, ob das zur Kämpferin passt, aber ich bin nicht die Person, die sagt: Ich habe gesprochen und so ist es. In dieser Gemeinde gibt es so viele engagierte Leute, ein grossartiges Potenzial an Wissen. Ich bin daran interessiert, mit anderen Leuten zu lernen und gemeinsam zu wachsen. Eine One-Woman-Show ist nicht mein Ding.
Das grosse gemeinsame Engagement ist in Ihrer Gemeinde spürbar. Wie kommt es, dass die Gottesdienste gleichzeitig so entspannt wirken?
Das habe ich mir noch nie überlegt, aber möglicherweise hängt es damit zusammen, dass wir eine nicht orthodoxe Gemeinde sind. Ich glaube, zu einer toleranten und pluralistischen Haltung gehört es zu akzeptieren, dass Menschen ihr Judentum unterschiedlich praktizieren. Ein Teil der entspannten Atmosphäre hier könnte daher rühren, dass man sich nicht ständig zu sorgen braucht, ob man richtig aussieht, intensiv genug betet oder schnell genug lesen kann.
Wo positionieren Sie sich eigentlich zwischen dem liberalen und dem orthodoxen Judentum?
Ich denke, wir sind so ziemlich in der Mitte zwischen Reformjudentum und den Orthodoxen. Ideologisch sind wir der Orthodoxie näher. Der grosse Unterschied zwischen uns und den Liberalen ist die Verbindlichkeit der Halacha. Zwar urteilen wir nicht über die private Praxis unserer Gemeindemitglieder, aber innerhalb der Synagoge ist das jüdische Religionsgesetz für uns bindend. Politisch aber sind wir den Liberalen näher. Gegenüber dem orthodoxen Establishment finden wir uns oft mit den Liberalen zusammen im gleichen Boot und haben als Aussenseiter hier in Israel ähnliche Probleme. So werden etwa unsere Hochzeiten und Konversionen nicht anerkannt. Wir bekommen keine staatlichen Gelder und auch die Synagogen werden vom Staat nur für die Orthodoxen gebaut und zur Verfügung gestellt.
Sie haben Ihre Gottesdienste zunächst im Hadassah-Spital abgehalten.
Ja, das Hadassah liess uns einen Raum für das Gebet benutzen. Nicht einmal im Spital selbst, sondern in einem Haus, das dem Spital gehört. Aber die Rabbanut drohte, dem Spital das Kaschrut-Zertifikat zu entziehen, wenn es uns weiterhin die Versammlung in diesem Raum erlauben würde – und das hätte das Ende für das Spital bedeutet. Daraufhin haben wir dann selber die Synagoge auf dem French Hill gebaut.
Es ist also nicht einfach, sich als nicht orthodoxe Gemeinde in Jerusalem zu behaupten?
Es ist schon so, Jerusalem ist extrem und die Ultraorthodoxie hat grossen Einfluss. Aber aus irgendeinem Grund ist Jerusalem auch ungemein vielfältig in seinem religiösen Ausdruck. Sie können hier mehr verschiedene Arten von Synagogen nebeneinander finden als irgendwo sonst in Israel oder gar weltweit, mit Ausnahme vielleicht von New York. Jerusalem zieht auch viele Menschen an, die nach religiösen Alternativen zu den traditionellen Wegen suchen. Insofern ist es für uns hier unter Umständen sogar leichter als in einer säkularen Stadt wie Tel Aviv.
Bei Ihrer Ordination haben Sie sich
verpflichtet, drei Jahre als Rabbiner zu arbeiten. Diese sind bald vorbei. Werden Sie weitermachen?
Ja. Rabbiner sein ist mein Leben, mein Beruf, meine Passion. Und ich habe das Gefühl, für die Zukunft des jüdischen Staates …
… des jüdischen Staates ...?
Ja, genau. Unsere Bewegung ist da sehr wichtig. Denn ohne die Stimme eines pluralistischen und modernen Judentums wird der jüdische Staat, wird Israel sich aufspalten in eine ultraorthodoxe und eine säkulare Bevölkerung. Und eines Tages wird es einen ultraorthodoxen Staat geben, denn die ganz Säkularen werden irgendwann aus Israel verschwinden. Darum bin ich davon überzeugt, dass eine moderne jüdische Komponente für Israel ganz wichtig ist. Ansonsten sehe ich keine Zukunft für Israel. Nicht als Demokratie und nicht als jüdischer Staat.