Jüdisches Museum in Gefahr?
Die letzten Juden von Hohenems wurden vor und während dem Zweiten Weltkrieg mit tatkräftiger einheimischer Hilfe deportiert. Sie alle fanden einen gewaltsamen Tod in NS-Vernichtungslagern. Seit 1991 erinnert das Jüdische Museum Hohenems an diesen schlimmen Teil der Stadtgeschichte. Es befindet sich in der Villa Heimann-Rosenthal, aus der 1940 die letzte Bewohnerin deportiert und 1942 in Theresienstadt umgebracht wurde. Das Museum ist der Höhepunkt eines Rundgangs durch das «jüdische Hohenems», wo noch zahlreiche Gebäude, aber noch mehr Lücken daran erinnern, dass früher eine «Judengasse» und eine «Christengasse» existierten. Ein besonders unrühmliches Kapitel ist die Synagoge aus dem 18. Jahrhundert (erst dann genossen die Juden wieder gräfliches Wohlwollen). Am 9. November 1938 entging sie nur zum Schutz der umliegenden Häuser den Flammen. Im Krieg wurde sie als Feuerwehrhaus eingerichtet. Nach dem Krieg unter französischer Besatzung wurde daraus ein Heim für Displaced Persons bis 1954, als die Franzosen abzogen. Das benachbarte Rabbinerhaus war bereits abgerissen worden. Rechtsnachfolgerin war die Kultusgemeinde Innsbruck. Weil diese kein Geld und Hohenems keine Gemeinde mehr hatte, wurde das Gebäude an die Stadt Hohenems verkauft, obwohl klar war, dass definitiv ein Umbau für das Feuerwehrhaus vorgesehen war. Bis 1972 hing daran eine Plakette, wonach «das Feuerwehrhaus und die Säuglingspflegestation» erbaut wurden vom Architekten H. Amann. Kein Wort von der Synagoge. Erst als 1991 das Museum eröffnet wurde, kam eine zweite Plakette hinzu, die die volle Wahrheit berichtet. Die Feuerwehr zieht im April aus. Was dann mit der Synagoge geschieht, ist unklar.
Betroffenheit von Offiziellen
Seit Januar 1999 amtierte als dritter Direktor nach Eva Grabherr und Esther Haber der promovierte Judaist Thomas Krapf (45) im Jüdischen Museum Hohenems. Gleich mit seiner an Besucherzahlen überaus erfolgreichen Ausstellung «Kirche und Synagoge im September 1999», in der auch der Antijudaismus der Kirche thematisiert wurde, trat er vielen Leute schwer auf die Füsse. Sogar der Kulturminister des Landes Vorarlberg, das einen schönen Teil des Museums-Budgets trägt, nahm Krapf diese Ausstellung übel. Am tiefsten betroffen zeigte sich Otto Amann, Präsident des Museums-Vorstandes, Mitglied des rechten Flügels der ÖVP und streng katholisch. Er war 30 Jahre lang Bürgermeister gewesen und soll immer noch behaupten, sein Einsatz für die Errichtung des jüdischen Museums habe ihn in den Neunzigerjahren die Wiederwahl gekostet. Hohenems besteht wie manch anderer überschaubare Ort aus Seilschaften. Laut übereinstimmenden Informationen soll Amann seinen Nachfolger Christian Niederstetter, früher Tourismus-Chef in Tirol, dazu veranlasst haben, Krapf im Sommer 2000 einen Brief zu schreiben, der als Schuss vor den Bug gedacht gewesen sein muss. Krapf wurden allerlei Unverträglichkeiten angehängt, eine angeblich schlechte Programmgestaltung kritisiert und einiges mehr. Der Enkel von jüdischen Berlinern, die gleich nach der Machtergreifung nach England flüchteten, ist mit einer Frau verheiratet, die von einer Maranenfamilie aus Mallorca abstammt. Er selber konvertierte offiziell zum Judentum, spricht mit seiner Familie Hebräisch, weil er bis zu seiner Berufung nach Hohenems jahrelang Israelkorrespondent verschiedener Zeitungen war, in der Schweiz des «Landboten». Die Familie besucht Gottesdienste und Veranstaltungen der Liberalen Gemeinde in Zürich, zuletzt am vergangenen Sonntag die Purim-Party. «Ich habe in Hohenems aber nie den Vorwurf gehört, ich \"als Jude\" hätte falsche Ideen», betont er.
Im Juli 2000 beschloss der Stadtrat auf Antrag des Museums-Vorstandes die Kündigung. Krapf erhielt sie erst, als er im September mit seiner Familie aus lange geplanten Ferien in Israel zurückkam. Ab Ende August 2000 erhielt er kein Gehalt mehr: Er sah sich nicht nur gekündigt, sondern auch freigestellt. Vergangene Woche wurde seine Klage vom Arbeitsgericht Feldkirch geschützt. Die Stadt Hohenems muss ihn entweder weiterhin Direktor sein lassen oder ihm bis zu seinem Vertragsende im Jahre 2003 noch 46 Monatsgehälter im Betrag von netto 1,7 Millionen Schilling (ca. 140 000 Franken) auszahlen. Nur ein einziges Mitglied des achtköpfigen Stadtrates, die Sozialdemokratin Elisabeth Märk, stimmte gegen die Kündigung. Im Vorstand sitzen ausser ihr fünf ÖVP-Mitglieder, ein FPÖ-Mann und ein links-alternativer Vertreter, ironischerweise der Sohn von Otto Amann. Auch er stimmte dafür, bereut es heute allerdings.
Die Lehrerin Märk wollte es nicht verantworten, dass Stadträte, die Krapf kaum oder gar nicht kannten, einer Kündigung zustimmten, ohne den Grund zu hinterfragen. «Einen Mann, den wir erst kurz zuvor als den Besten geholt hatten und der dafür seine Existenz aufgab, konnten wir doch nicht einfach so in die Wüste schicken», sagt sie zur JR. Sie weiss von den Plänen, aus dem Jüdischen Museum ein Heimatmuseum zu machen: «Ich bin völlig überzeugt, dass die jüdische Geschichte von Hohenems nicht von der Leidensgeschichte des jüdischen Volkes abgekoppelt werden darf», sagt sie. «Man darf nicht so tun, als ob hier früher immer alles bestens gewesen wäre. Immerhin sind alle jüdischen Menschen umgebracht worden. Auch Hohenems hat einen Aufarbeitungsbedarf. Doch der Bürgermeister will uns in etwas hineindrängen, das überstürzt und sicher kontraproduktiv ist.»
Ideologischen Ballast abwerfen
Dass der Präsident des Vorstands offenbar zunehmend ein Problem damit hat, dass damals Katholiken Schuld auf sich geladen haben, ist Stadträtin Märk klar. Er sei heute alt und krank und sollte von seinem Amt zurücktreten, meint sie. Auch etliche Angestellte im jüdischen Museum, meist verwandt mit ehemaligen ÖVP-Politikern, seien junge Menschen gewesen, die Geschichte studiert hatten, aber Mühe bekundeten, ideologischen Ballast abzuwerfen. Stimmt der Eindruck, dass es den Hohenemsern zunehmend peinlich ist, dass sie den sichtbaren «Schandfleck» ihrer jüngsten Geschichte mitten im Städtchen stets vor Augen haben? Ein neues «Leitbild» für das Museum, das nach der Kündigung von Krapf erarbeitet wurde, lässt «angesichts der zeitlichen Distanz zu den Ereignissen» darauf schliessen. Elisabeth Märk bestätigt diesen Eindruck: «Rassismus und Antisemetismusansätze gibt es auch bei uns.» Sie fürchtet auch, dass durch die teuren Folgen des Prozesses die Steuerzahler «eine Wut auf das Museum» entwickeln könnten. «Da liegt es an uns Sozialdemokraten, über die lokalen Medien und in persönlichen Gesprächen zu kommunizieren, dass das Museum als solches keineswegs schuld an der Misere ist.» Auf jeden Fall sei die Hohenemser SPÖ dafür, dass ein neuer Trägerverein geschaffen wird, allerdings ohne die Stadt aus der Verantwortung zu entlassen, wie das der Stadtrat eigentlich vor hat. Am 22. März wird die Museumskrise das Haupttraktandum der Stadtratssitzung sein. Nach Krapfs Kündigung wurde Johannes Inama vom Vorstand zum Direktor bestellt, «weil angenommen wurde, dass die Kündigung nicht angefochten werden könne», sagt Inama zur JR. Er war seit 1993 im Museum beschäftigt, kündigte allerdings, offenbar wegen Differenzen mit Thomas Krapf. Nur gibt es momentan zwei Direktoren, weil die Kündigung nichtig ist. Eine Rückkehr von Krapf ins Museum hält er allerdings nicht für denkbar. Inama verteidigt den Begriff «Heimatmuseum», der schon auf starke Kritik gestossen ist. «Bei allen jüdischen Museen gibt es heute die Diskussion, wohin der Weg führen soll», meint er. «Antisemitismus und Holocaust sind heute abstrakte Begriffe. Und in der Geschichte einer Minderheit wird auch die Geschichte der Merhheit miterzählt.»
Neue Konzepte, neue Köpfe
Eine Gruppe von internationalen Vertretern Jüdischer Museen arbeite mit am neuen Konzept in Hohenems. «Am Begriff Heimat wollen wir festhalten», sagt Inama, «weil er zentral ist und auch von jüdischen Emigranten im Zusammenhang mit Hohenems benützt worden ist.» Nach wie vor sei klar, dass die jüdische Geschichte das Thema sei. Es bestehe keine Gefahr von Geschichtsverfälschung und Verharmlosung, auch der Name müsse nicht geändert werden. Den Vorwurf der Vernachlässigung eines «regionalgeschichtlichen Auftrags des Museums» von Otto Ammann will Krapf nicht gelten lassen. «Man musste mich einfach weg haben, weil klar war, dass mit mir ein Heimatmuseum mit Kuschelprogramm nicht machbar war.» Vor Krapfs Amtsantritt war geplant worden, die Wehrmachtsausstellung nach Hohenems zu holen, was er sehr unterstützte. Doch der Vorstand entschied dagegen. Sein eigenes Projekt über das Ende der letzten jüdischen Gemeinde, als die letzten acht Juden deportiert wurden, fand keine Gnade. Der Vorstand wollte stattdessen Familienprojekte, die auch die allgemeine Hohenemser Wirtschaftsgeschichte berücksichtigen sollte, denn auch diese Familien hätten gelitten. Vor Krapfs Amstsantritt gab es den Plan, einer Investorenfirma einen Teil des jüdischen Viertels zu verkaufen, zu extrem günstigen Preisen ohne Auflagen, und ihr die Objekte 25 Jahre lang abzumieten. Dieses Vorhaben scheiterte im Dezember 1998. «Weil einer der Vertreter dieser britischen Firma namens Ford Gate ein jüdischer Anwalt aus Zürich war, wäre in den Augen der Stadt alles koscher gewesen», sagt Krapf. «Es gibt wirklich Untertöne im Diskurs über diesen Schandfleck mitten in der Stadt. Viele Hohenemser wollen aber das jüdische Kapitel nicht in ihre kollektive Identität integrieren. Der Bürgermeister als Tourismus-Experte hatte schon die Idee einer Märchenstadt Hohenems oder einer Nibelungenstadt, weil im Schloss mal zwei wertvolle Nibelungenschriften aufbewahrt waren. In diesen Konzepten, die nur bis ins 17. Jahrhundert reichen würden, hätte man die jüdische Geschichtge von Hohenems bequem entsorgen können.» Doch noch ist vielleicht nicht aller Tage Abend im Jüdischen Museum Hohenems.