Jüdisches Leben in Minsk aufbauen
TACHLES: Seit ihrer Gründung hat sich die Aktionsgemeinschaft für die Juden und Jüdinnen in Weissrussland (AJS) stark gewandelt. Die Mauer und die Sowjetunion sind gefallen. Russische Jüdinnen und Juden sind zu grossen Teilen ausgewandert, neue Organisationen sowie der Joint sind stark engagiert. AJS hat sich seit den neunziger Jahren auf die Stadt Minsk konzentriert. Weshalb?
LILIANE BERNSTEIN: Zu Zeiten der Sowjetunion war die Lage der dortigen Juden in der Schweiz stark präsent. Heute möchten wir vermehrt erinnern, dass es seit der Perestroika wieder eine ostjüdische Diaspora gibt. Die Menschen haben in der Vergangenheit viel verloren und versuchen nun, dieses Wissen wieder zu gewinnen und jüdisches Leben aufzubauen. Das wird hier oft vergessen.
YVONNE BOLLAG: Unser Bewusstsein für das Ostjudentum hört noch immer an der polnischen Grenze auf. Dabei hatte auch Weissrussland vor dem Zweiten Weltkrieg einen sehr hohen jüdischen Bevölkerungsanteil. Die hiesige Wissenslücke erstreckt sich auch darauf, wie sehr sich die Juden dort bemühen und darum kämpfen, ihre Kultur wiederzufinden und aufzubauen statt auszuwandern.
LILIANE BERNSTEIN: Diesen Prozess unterstützt AJS heute mit der Finanzierung von Projekten und der direkten Hilfe vor Ort.
YVONNE BOLLAG: Martina Frank reiste 1992 zum ersten Mal nach Minsk und begann, diese Partnerschaft mit dem Zentrum Hesed Rachamim aufzubauen.
Der International Council for Soviet Jewry empfahl dem AJS 1991, sich um die Juden in Weissrussland zu kümmern.
Wie beurteilen Sie heute aufgrund Ihrer Reise im September die Situation in Weissrussland?
YVONNE BOLLAG: Was die freie Glaubensausübung anbelangt, geht es den Juden nicht schlecht, und die Infrastruktur funktioniert. Auf der humanitären, sozialen Ebene mangelt es an vielem.
LILIANE BERNSTEIN: Aber man merkt bis heute, dass während der Sowjetzeit die Religionsausübung nicht gestattet war. Es ist viel verloren gegangen, daher versucht man, sich dieses Wissen heute wieder anzueignen, unter anderem mit Hilfe von Chabad Lubavitch.
Ist die Armut gross?
YVONNE BOLLAG: Die wirtschaftliche Situation ist nicht einfach. Es herrscht eine galoppierende Inflation. Der Dollar wurde um 50 Prozent abgewertet, das heisst, für 100 Dollar erhält man nun doppelt so viele weissrussische Rubel. Wir haben uns auf Projekte mit behinderten Kindern und Jugendlichen und die Kleingemeinden ausgerichtet. Behinderte haben in den Oststaaten noch immer grosse Probleme. Für erwachsene Behinderte gibt es keinerlei Institutionen und ihre Akzeptanz ist gering. Das jüdische Zentrum hilft Familien mit behinderten Kindern und erwachsenen Behinderten.
LILIANE BERNSTEIN: Am Anfang ging es noch vermehrt um die Hilfe für Holocaust- und Ghettoüberlebende, aber deren Zahl nimmt ja ab. So kümmern wir uns um Behinderte und Kranke der nächsten Generation.
Wie viele Juden leben in Minsk?
YVONNE BOLLAG: Offiziell 20 000, aber es sind mehr.
LB: Rund 30 000 in ganz Weissrussland. Von unserem Partnerzentrum Hesed Rachamim werden in Minsk 6000 jüdische Menschen betreut. Im Zentrum arbeiten etwa 80 bezahlte Mitarbeiter und 500 freiwillige Helferinnen.
Leben viele von ihnen unter der Armutsgrenze?
YVONNE BOLLAG: Viele ältere Leute, die keine Ansprüche als Holocaust-Überlebende stellen konnten und deren junge Familienangehörige nach Israel ausgewandert sind, haben wirklich nicht genug zum Leben.
Wie haben Sie die Atmosphäre in Minsk auf Ihrer fünftägigen Reise empfunden?
YVONNE BOLLAG: Wir konnten uns absolut frei bewegen, haben Minsk als ganz normale, moderne Stadt empfunden, in der es alles zu kaufen gibt, wir hatten nicht das geringste Problem.
Wurden Sie von Minsker Juden auf die politische Situation des Landes angesprochen?
YVONNE BOLLAG: Nein, darüber spricht man kaum. Wobei aber alle, die dort sind, es heute ja freiwillig tun. Es gibt Jugendliche, die aus dem Ausland bewusst wieder in ihre Heimat zurück migriert sind.
LILIANE BERNSTEIN: Ich reise ja seit acht Jahren regelmässig nach Minsk und kenne junge Leute, die nach Israel auswanderten, dort nicht Fuss fassen konnten und lieber wieder nach Weissrussland zurückkamen.
Haben Sie auf dieser Reise Schwerpunkte für die Tätigkeit von AJS gesetzt?
YVONNE BOLLAG: Ich wollte in erster Linie unsere Ansprechpartner und die tägliche Arbeit von Hesed Rachamim kennenlernen und war beeindruckt, wie professionell, seriös und sachbezogen dort gearbeitet wird. Die Leute im Zentrum nehmen ihre Aufgaben ernst, und sie berichten uns auch regelmässig darüber. Gelder werden nicht ohne Rücksprache mit uns für irgendetwas eingesetzt. Die Menschen sind dankbar für unsere Unterstützung von Projekten, für die sie sonst kein Geld erhalten, so zum Beispiel zugunsten von behinderten Kindern.
LILIANE BERNSTEIN: Ich habe wie jedes Jahr mit Betreuerinnen gearbeitet. Seit acht Jahren kommen die Leiter und Leiterinnen der Projekte zu uns in die Weiterbildung, was langsam als Hilfe zur Selbsthilfe Früchte trägt. Ich fahre jedes Jahr mit nicht jüdischen Fachkolleginnen nach Minsk. Zusammen arbeiten wir dort mit Psychologen, Sozialarbeitern und freiwilligen Helferinnen. Wir besprechen in Gruppen komplizierte Probleme, die bei ihrer Arbeit auftauchen. Wir arbeiten nach der Methode des ungarisch-jüdischen Psychoanalytikers Michael Balint.
Planen Sie weitere Projekte?
YVONNE BOLLAG: Vorschläge kommen gegebenenfalls vom Zentrum, wo laufend neue Ideen entstehen. Wenn sie gut sind, versuchen wir sicher, sie auch zu unterstützen, zum Beispiel möchten sie eine Elterngruppe der Behinderten gründen. Das Personal dafür zu bezahlen, kostet zusätzliches Geld.
LILIANE BERNSTEIN: Dies umso mehr, da existenzielle Unterstützung wie Lebensmittel oder Kleider in Minsk immer weniger gebraucht werden, dafür aber Wissen und finanzielle Unterstützung für die Umsetzung von Ideen in die Praxis.
Könnte es sein, dass Minsk einmal gar keine Hilfe mehr braucht?
YVONNE BOLLAG: Nach derzeitigem Stand wird speziell für Kinder und Jugendliche auch in Zukunft laufend Geld gebraucht, und je mehr Mittel von uns kommen, desto mehr Kinder und Jugendliche können betreut werden. Unser Partnerzentrum setzt die Prioritäten sehr gut, denn es fehlen ja Kapazitäten und Geld, um alles abzudecken.
LILIANE BERNSTEIN: Vorstellbar wäre allenfalls zukünftig eine vermehrte Unterstützung der jüdischen Kleingemeinden, von denen es 26 gibt. Ihnen geht es in jeder Hinsicht schlechter; sie haben nicht genügend Geld für den Unterhalt der bescheidenen Gemeindelokalitäten und der notwendigen Infrastruktur wie zum Beispiel Computer.
Was wollen Sie für die AJS in der Schweiz in nächster Zeit erreichen?
LILIANE BERNSTEIN: Hauptziele sind einerseits das Sammeln von Geldern, also Fundraising, und anderseits, die AJS wieder vermehrt ins Bewusstsein der Schweizer Juden zu rufen.
YVONNE BOLLAG: Nach der Verlegung der Aktivitäten nach Basel ist die Nordwestschweiz zwar gut betreut, aber in Zürich – wo die AJS früher sehr stark war – ist das Thema nicht mehr so präsent. Wir wollen zeigen, dass es uns noch gibt und dass wir intensiv arbeiten.
Ist das Spendenaufkommen zurückgegangen?
YVONNE BOLLAG: Ja, parallel zur wirtschaftlichen Situation lief es in den letzten zwei, drei Jahren auch bei uns nicht gerade gut.
LILIANE BERNSTEIN: Gerade auch deswegen möchten wir an unsere jüdischen Mitmenschen in Osteuropa erinnern.
Sonntag, 13. November, Präsentation der Arbeit von AJS, Balalaika-Duo «A nu Davoy» und Russischer Apéro, Verein Neuer Cercle, Schützengraben 16, 17–18.30 Uhr.