Jüdisches Erzählgut bewahren
Nach den Vernichtungen des Zweiten Weltkriegs stellte ironischerweise der Staat Israel die grösste Gefahr für das zu sammelnde Erzählgut dar, denn obwohl die verschiedenen ethnischen Gruppen, die in Massen in den neu gegründeten Staat einwanderten, ihre jeweiligen Gebräuche und Geschichten mitbrachten, befürchteten Folkloristen wie Noy, dass dieses wertvolle Gut beim Zusammentreffen mit der israelischen Kultur verschwinden würde. Hier galt es, der herrschenden politischen und ideologischen Strömung entgegenzuwirken, die die jüdischen Gemeinschaften der Welt nicht nur nach Israel lotsen, sondern auch miteinander zu verschmelzen suchte, um, mit anderen Worten, im Schmelztiegel
Israel die Kulturen der Gola zu einer einheitlichen Kultur zusammenzuschweissen, erklärt Haya Bar-Itzhak, Expertin für jüdische Volksliteratur an der Universität Haifa und Leiterin des israelischen Archivs für Volkserzählungen (IFA). Um diesen Verlust von Geschichten zu verhindern, wurde 1955 das IFA gegründet, eine Institution, die bis heute die Volkserzählungen der Bewohner Israels aus allen ethnischen Gemeinschaften sammelt, analysiert und dokumentiert. Inspiriert war Dov Noy von An-Ski, dem Dichter und Folkloristen, der in etwa 70 Dörfern und Städten Wolhyniens und Podoliens ab 1912 ganze Heerscharen von Sammlern mobilisiert hatte, um jeden Fetzen jüdischer Kultur, Sprichworte und Geschichten, aber auch Handlungen des täglichen Lebens zu dokumentieren und so für die Zukunft zu retten. Auch das Vorgehen der «Sammler» des Jiddischen wissenschaftlichen Instituts, die zwischen den beiden Weltkriegen überall, wo die jiddische Sprache lebte, Kulturgut zu bewahren und für spätere Forschung zugänglich zu machen suchten, war für Noy eine wichtige Orientierungshilfe.
Verändert, nicht verloren
Auch das IFA verfügt seit seiner Gründung über ein breites Netz von Informanten, die in den unterschiedlichsten Gemeinden Israels Geschichten notieren und in das kleine Büro mit Hunderten von Pappschachteln voller Archivalien schicken, in denen das IFA auf dem Campus der Universität Haifa, untergebracht ist. Die Geschichten Israels werden nun aber hauptsächlich von Forschern notiert, die im Rahmen ihrer Projekte auch die Erzählsituation mit Video aufzeichnen. Eine der grössten Studien des IFA begann 1980, als während zweier Jahre die Geschichten marokkanischer Juden in der Stadt Schlomi, im Norden Israels gelegen, aufgezeichnet wurden. Ziel war es, die Veränderungen zu erfassen, welche die traditionellen Legenden und Märchen beim Kontakt mit dem neuen Nährboden Israel erfahren. Im Bewusstsein der heutigen Forscher, dass Erzähltraditionen sich verändern, aber nicht verschwinden, sehen sich Folkloristen nicht mehr primär als Erretter von Geschichten, sondern als Untersucher von deren Dynamik, erklärt Bar-Itzhak. Ein ähnliches Projekt für die Stadt Bet Shean, eine Stadt, deren Bewohner aus Kurdistan, Marokko, Jemen und dem ehemaligen Persien in den späten siebziger Jahren an einer anderen Feldstudie beteiligt waren, sei in Vorbereitung.
Die Dynamik einer Geschichte illus-triert Idit Pintel-Ginsberg, akademische Koordinatorin am IFA, am Beispiel des jungen Einwanderers, der, kaum in Israel angekommen, einer Frucht gewahr wurde, die er für eine kleine, grüne Pflaume hielt – bis er hineinbiss und merkte, dass sie salzig schmeckte. Diese Geschichte, so Pintel-Ginsberg, sei im Archiv mehrfach vorhanden, erzählt von Einwanderern, die sie als ihr eigenes, wahres Erlebnis kundgaben. Der Kontext der Erzählsituation – die fünfziger Jahre in Israel und die Omnipräsenz von Oliven in der mediterranen Küche – sowie das Genre der persönlichen Erzählung, welche die Glaubwürdigkeit der Geschichte stützt, sind vom potenziellen Publikum beeinflusst, das in den Jahren der Einwanderung und des Kontakts mit einer noch fremden Kultur einem markanten Zeugnis der Enttäuschung wohl besondere Achtung zukommen liess. Ist es also denkbar, dass die Geschichte irgendwann in einer neuen Version im IFA auftauchen wird?
Geschichten auf Reisen
Das Archiv konnte bis heute über 23 000 Volkserzählungen sammeln. Die Erzähler gehören auch nicht israelischen Gemeinschaften an, sind muslimische Araber, Christen, Beduinen, Drusen und Tscherkessen, deren Geschichten ursprünglich nur wenigen Personen zugänglich waren. Unter den zahlreichen Veröffentlichungen der Geschichten des IFA sei diejenige von Dan Ben-Amos, einem Schüler Noys hervorgehoben: Er hat es unternommen, viele der Geschichten, die in Israel von Juden erzählt wurden, in seiner auf mehrere Bände angelegten Anthologie «Volkerzählungen der Juden», aus dem Familien-, Freundes- und Gemeinschaftskreis in den globalen Zuhörerkreis zu bewegen. Welche Reise diese Geschichten unternehmen werden, verbleibt den nächsten Generationen aufzuzeichnen.
Weitere informationen zum IFA unter http://ifa.haifa.ac.il.