Jüdische Vielfalt und eine Diskussion über den Islam

von Gisela Blau, May 18, 2010
Zwei ungewohnte Neuerungen bot der traditionelle Anlass am Vorabend der Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds: Es gab keinen Hauptreferenten, sondern ein politisches Podiumsgespräch und anschliessend ein festliches Diner.
NEUES ERÖFFNUNGSPROGRAMM Herbert Winter während seiner Ansprache beim abendlichen Diner.

Wie viel Religion verträgt der Staat? Das Thema war hochaktuell, versprach spannende Wortgefechte und enttäuschte die Erwartungen nicht. Nur hätte das Publikum früher einbezogen werden sollen, denn mehr als eine Stunde lang lässt sich ohne Wiederholungen nicht über den Islam herziehen und auf den SVP-Vertreter eindreschen. Es zeigte sich, dass die welschen Compatriotes auf Französisch (mit adäquater Simultanübersetzung) eine elegante, pointierte Diskussionskultur beherrschen, wie sie diesseits des Röstigrabens selten anzutreffen ist.

Klare Positionen

Klingende Namen lockten die meisten Delegierten, ihre Begleitungen und die Ehrengäste an, als sich um 17 Uhr auf dem Podium eine illustre Runde versammelte. Unter Leitung der Genfer TV-Journalistin Esther Mamarbachi diskutierten die Nationalräte und Nationalrätinnen Martine Brunschwig Graf (FDP/Die Liberalen, Genf), Christophe Darbellay (Präsident CVP Schweiz), Oskar Freysinger (SVP Wallis), Ueli Leuenberger (Präsident Grüne Schweiz) und Ada Marra (SP Waadt) sowie Sabine Simkhovitch-Dreyfus, Vizepräsidentin des SIG und der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus.

Sabine Simkhovitch setzte ein Thema, als sie die Konsequenzen des Minarett-Verbots beklagte, das gegen grundlegende Werte der Schweiz verstosse. Martine Brunschwig Graf bezeichnete die Minarett-Abstimmung als Entgleisung. Sie betonte, dass jede Religion den Rechtsstaat und die Verfassung respektieren müsse. Es störe sie, dass Verbote in der Verfassung verankert werden sollen, vielleicht auch jenes der Burka, für die es ein Instrumentarium gebe. Oskar Freysinger sagte, das Judentum sei Teil unserer Kultur, und er bewundere den jüdischen Beitrag. Er erinnerte die Kollegin daran, dass sie eine Vertreterin des Volkes sei, und das Volk habe gesprochen. Er selber habe ein Problem mit dem islamischen Dogma, das Frauen benachteilige. Martine Bruschwig Graf erwiderte, dass in einem freien Land das Resultat einer Abstimmung interpretiert werden dürfe. Sie kenne das Thema, sie habe vor dem Europäischen Gerichtshof für das Recht einer Frau gekämpft, das Kopftuch tragen zu dürfen.

Ada Marra argumentierte tempeamentvoll und sagte, dass Verbote wie jenes der Minarette eine gefährliche Dynamik annehmen. Ueli Leuenberger warnte vor gefährlichen Blogs und davor, dass auf der Strasse Frauen mit Kopftuch und Männer mit Kipa angegriffen werden könnten. Es gebe zu viel Unwissen über andere Religionen, ihre Geschichte und ihre Rituale. Am Burka-Verbot schieden sich die Geister, und es gab Voten, die stattdessen eine Verstärkung des Dialogs forderten.

Entschuldigung von Darbellay

Angesprochen auf das Thema konfessionelle Friedhöfe wiederholte Christophe Darbellay unter dem Applaus des Publikums sein Bedauern und seine formelle Entschuldigung für diese Aussage nach dem Abstimmungsresultat der Minarett-Initiative. Diese Abstimmung sei nicht das Ende der Religionsfreiheit. Aber die Schweiz habe damit ein klares Signal gegen fundamentalistische Randgruppen und Islamismus gesetzt. Darbellay betonte, was alle Podiumsteilnehmenden immer wieder sagten: «Der Rechtsstaat gilt für alle.» Es stimme, dass es nicht viele Burka-Trägerinnen gebe, aber es gebe auch nicht viele Minarette in der Schweiz. Er plädierte für ein Verbot, weil es Pflicht sei, das Gesicht zu zeigen, und er behauptete, 80 bis 90 Prozent des Volkes lägen auf seiner Linie, auch andere Parteien sagten jetzt, das Tragen der Burka wiederspreche der Integration.

Die Diskussion drehte sich bald nur noch um den Islam, generell und in der Schweiz. Martine Brunschwig Graf sagte, dass auch die Juden diversifizierte Ansichten und interne Diskussionen hätten, aber es sei richtig, dass es auch im Islam einen Ansprechpartner und eine Struktur gebe. Zum Schluss entwickelte sich eine spannende Diskussion mit einem muslimischen Vertreter im Publikum, bei der es unter anderem darum ging, ob sich die Muslime in der Schweiz von Gräueltaten und Fundamentalisten distanzierten. Er sagte, dass ein paar Individuen die integrierten Muslime in der Schweiz behinderten.

Aschkenasische und sephardische Folklore

Bedeutend leichter, aber nicht weniger gehaltvoll und anregend gestaltete sich das Abendessen, das dem Motto «Diversité juive» gerecht wurde. Schon das Menu, im Tagungshotel beim Flughafen Genf zubereitet von der eingespielten Equipe des Genfer Hotels Président, war ein erfrischendes Crossover zwischen aschkenasischen und sephardischen Traditionen im jüdischen Genf. Es gab Gefilte Fisch, aber auch Pouet- und Gemüse-Tagine mit Couscous, und selbst der Apfelstrudel war von einem Coulis aus exotischen Früchten begleitet. Ganz und gar orientalisch war schliesslich das köstliche, von Zuckersirup und Honig triefende Gebäck zum schwarzen Kaffee.

Mark Muller, Vizepräsident des Genfer Staatsrats, hatte sich kundig gemacht über die jüdische Geschichte der Calvin-Stadt. Bereits im Mittelalter zogen zahlreiche Messen und Märkte jüdische Geschäftsleute an, von denen sich viele im 15. Jahrhundert ansiedelten. 1790 gab es in Carouge den ersten jüdischen Friedhof, und 1843, fünf Jahre vor der Bundesverfassung, erhielten die Juden das Recht auf einen eigenen Gottesdienst in der Stadt Genf. Und 1857 wurde ein Terrain zur Verfügung gestellt, auf dem bis heute die grosse Synagoge steht. Heute, sagte Muller, gebe es in Genf so viele Synagogen wie in keiner anderen Stadt der Schweiz. Die Religion werde heute aus dem Privatbereich immer mehr in die Gesellschaft gezerrt; das sei gefährlich und gegen die schweizerische Gesellschaftsordnung.

Genf als Leuchtturm

SIG-Präsident Herbert Winter zeigte in seiner Ansprache sein hervorragendes Französisch und die Möglichkeit, schwierige Themen elegant auf den Punkt zu bringen. Genf und der letztjährige DV-Ort Endingen zeigten das ganze Spektrum des schweizerischen Judentums. Dort die Wiege jüdischer Gemeinden, hier der Leuchtturm der Weltoffenheit. Die Schweiz, sagte Winter, habe von der jüdischen Einwanderung stark profitiert. Im Zusammenleben gebe es Probleme zwischen Staat und Religion, aber auch zwischen der direkten Demokratie und dem Rechtsstaat. Der SIG respektiere beides. Das Völkerrecht und die die fundamentalen Rechte, welche die Verfassung garantiere, seien nicht verhandelbar, nämlich Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und das Verbot der Diskriminierung. Es gebe keinen Widerspruch zwischen den Grundwerten der Schweiz und des Judentums.

Sogar die Kellner passten sich dem ethnografischen Crossover an. Erst servierten sie in Hüten mit – angeklebten – Schläfenlocken, später in orientalisch anmutenden bunten Livreen. Zwischen den einzelnen Gängen und Ansprachen (auch Oberrabbiner Isaac Dayan richtete wohlgesetzte Worte ans Publikum) bot die Gemeinde Genf Darbietungen ihrer jungen Mitglieder. Jonathan Goldstein hat einen bemerkenswerten Film über die jüdische Geschichte Genfs und seiner Einwohner unterschiedlichster Herkunft gedreht. Und eine Gruppe Jugendlicher stellte eine hübsche Balance her zwischen einer Geschichte über die traditionelle «Joch» (Hühnersuppe) aus einem osteuropäischen Stetl und der maghrebinischen Suppe «Chrira».