Jüdische Starfussballer

Von Joël Wüthrich, June 10, 2010
Die grossen Zeiten der jüdischen Topstars an Fussballweltmeisterschaften sind wohl vorbei. Kein JohanNeeskens und keiner vom Format eines David Beckham werden diesmal die Massen in ihren Bann ziehen. Dennoch: Wieder sind diesen Monat in Südafrika sechs jüdische Fussballstars an einem grossen Fussballturnier vertreten.
JÜDISCHE STAMMSPIELER Jonathan Bornstein (vorne 3. v. l.), Jonathan Spector (hinten 4. v. l.) und Benny Feilhaber (nicht auf dem Bild) spielen an der WM für die USA

Die Liste der jüdischen Fussballstars mit Teilnahmen an Weltmeisterschaften (WM) ist lang. Noch länger wäre sie, wenn sich Israel auch endlich mal wieder nicht kurz vor dem grossen Ziel abfangen liesse und einige seiner durchaus sehr talentierten Spieler an einer WM auflaufen könnten. In den letzten Jahrzehnten haben vor allem Nationalmannschaften aus Holland, den USA, Tschechien und vor allem Argentinien die meisten jüdischen Nationalspieler oder auch Nationaltrainer gestellt. Gerne erinnert man sich, um nur wenige zu nennen, an die Holländer Johan Cruyff (als Kapitän), Johan Neeskens und Dany Blind, an Juan Pablo Sorin aus Argentinien (als Kapitän), an David Beckham aus England, Sebastian Rozenthal aus Chile, an Jeff Agoos aus den USA, an Tomas Galasek aus Tschechien (als Kapitän) oder auch an Argentiniens Trainergenie und -taktiker José Pekerman – das WM-Team der Gauchos 2006 spielte attraktivsten Fussball und man nannte es «die Peker-Boys». Diesmal ist es das US-Team, welches die meisten jüdischen Spieler im Kader hat. Und zwar sind es derer gleich drei.

Augenmerk auf das US-Team

Die USA und Kanada haben schon immer sehr viele jüdische Sportstars hervorgebracht. In allen möglichen Sportarten. Besonders im Schwimmsport, im Baseball, im Eishockey, im Fechten oder auch im Schach. Die meisten jüdischen Olympiasiegerinnen und -sieger stammen aus den USA oder sind dort aufgewachsen. Auch im Fussballsport sind jüdische Profis und Nationalspieler schon immer gut vertreten gewesen. Dieses Jahr werden drei von ihnen an den Weltmeisterschaften am Start sein, und sie alle drei sind Stammspieler. Jonathan Bornstein und Jonathan Spector sind beides exzellente Verteidiger, die schon seit geraumer Zeit zum festen Stamm des US-Nationalkaders gehören. Und auch Mittelfeldspieler Benny Feilhaber ist bereits seit Jahren einer der Leistungsträger in einem Team, das auf keinen Fall zu unterschätzen ist. Die US-Boys haben bereits vor einem Jahr an der WM-Hauptprobe, dem Confed-Cup, bewiesen, wie stark sie sind. Sie stiessen bis ins Finalspiel vor und unterlagen dort Brasilien. Nicht aber, ohne die damals und heute wohl spielstärkste Mannschaft, Europameister Spanien, im Halbfinale sensationell besiegt zu haben. Für viele jüdische Fussballfans wird also die USA wohl eine Mannschaft sein, welche man besonders gerne am Werk sehen will und vielleicht auch insgeheim unterstützt.

Die «Weiss-Dynastie»

Mit einer gewissen Aufmerksamkeit wird man aus jüdischer Sicht auch die Leistungen der Slowakei verfolgen. Hier hat eine ganz spezielle Familiengeschichte ihren sportlichen Höhepunkt: Trainer Vladimir Weiss, selbst schon 1990 mit der damaligen Tschechoslowakei an einer WM als Spieler aktiv, hat ein echtes Fussball-Wunder geschaffen und die Slowakei zu einem WM-Teilnehmer gemacht. Vorbei am grossen Bruder Tschechien mit allen Starspielern erspielte sein Team einen von acht Gruppensiegen in der WM-Qualifikation. Er wird seitdem von den Fans verehrt wie bisher nur die Eishockeystars in diesem noch jungen Staat. Das tut gut, denn traditionellerweise hatten jüdische Mitbürger eher in Tschechien als in der Slowakei bei der Bevölkerung Sympathie. Sein Sohn, Vladimir Weiss junior, tritt in die Fussstapfen des Vaters und ist der Mittelfeldregisseur der Nationalmannschaft.

Superstar Walter Samuel

Natürlich, und das ist schon eine Tradition, spielt auch bei der «glorreichen Albiceleste» (den «Weiss-Hellblauen»), der Argentinischen Nationalmannschaft, ein jüdischer Fussballer an den Welttitelkämpfen. Es handelt sich um den überaus erfolgreichen Verteidiger Walter Samuel. Der knüppelharte Gegenspieler ist ein Wunder an Ausdauer und taktischem Geschick und gilt als äusserst stark im Zweikampf. Mit Inter Mailand gewann er dieses Jahr nicht nur zum dritten Mal in Folge den Titel in der Italienischen Serie A, sondern auch gleich noch das «Triple» (Meistertitel, Cupsieg und Champions-League-Sieg). Samuel ist seit Jahren eine feste Grösse in der Nationalmannschaft, die nun ja seit vier Jahren von Diego Armando Maradona mit einem – wen wundert’s – recht eigensinnigen Stil geleitet wird.

Aber auch in Brasiliens Kader steckt eine jüdische Komponente. Elano Blumer, der brandgefährliche offensive Mittelfeldspieler, ist halb jüdisch, halb katholisch. Blumer ist katholisch aufgewachsen, aber ähnlich wie bei David Beckham kommt der jüdische Zweig aus der Linie des Grossvaters. Bekannt ist zudem, dass Italiens Gennaro Gattuso eine jüdische Linie in der Familiengeschichte hat.

Der Gastgeber aus Südafrika stellt keinen jüdischen Mitspieler. Anders als im Rugby. Hier schaffte es der Topspieler Dean Furman knapp nicht mehr ins WM-Kader. Auch ist diesmal in der Nationalmannschaft Hollands ausnahmsweise kein jüdischer Spieler vertreten. Nicht geschafft in die WM- Kader haben es Spieler wie der Argentinier David Abraham (FC Basel) und der Holländer Daniel de Ridder. Gar nicht erst qualifiziert haben sich mit der Ukraine Andryi Oberemko und Andryi Voronin oder auch Schwedens Stürmer Marcus Rosenberg und die in Europa bekannten israelischen Topstars Yossi Benayoun und Co. Heute Freitag beginnt die WM in Südafrika.