Jüdische Sommerfrischler an der Ostsee

Katja Behling, July 16, 2008
Um 1900 trafen sich Bürgertum und Berlins Avantgarde zur Erholung in den Bädern an der Ostsee. Das Seebad Heiligendamm befand sich zeitweise in jüdischem Besitz. Hiddensee war bis 1933 Refugium und Wirkungsort jüdischer Künstler.

Von Katja Behling

Sattgelbe Rapsfelder so weit das Auge schaut, Vogelgezwitscher in den Kronen der alten Linden, die die Strasse säumen. Vom Meer her weht ein salzig-kühler Wind, in der Luft liegt das würzige Aroma von Holz und Harz, die Sonne blinzelt durch das dichte Blätterdach und lässt ihre Strahlen auf dem Asphalt tanzen: eine Allee unweit der Ostseeküste im Frühling. Auf dem Weg nach Heiligendamm. Der Ort liegt in den Gestaden der von Erholungssuchenden und bis 1933 insbesondere auch von jüdischen Künstlern viel bereisten Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns. Internationale Berühmtheit erlangte «die weisse Stadt am Meer» im vergangenen Jahr, als Bundeskanzlerin Angela Merkel die Staatschefs zum G8-Gipfel dorthin einlud. Seitdem erlebt die Gegend eine – zweite – Wiederentdeckung.

Jüdischer Bankier als Retter von Heiligendamm

Es ist eine Zeitreise ins frühe 19. Jahrhundert: Eine feine Gesellschaft in historischen Kostümen sorgt auf der Strandpromenade von Heiligendamm für Aufsehen. Mit Zwirbelbart und Zylinderhut, mit Liebestöter und Sonnenschirm geht es erhobenen Hauptes zum Baden in die Ostsee – gestatten, der Grossherzog nebst Gemahlin und Gefolge. Mit diesem traditionellen Spektakel wird im ältesten Seebad Deutschlands alljährlich der «Gründerzeit» um 1825 gedacht. Denn in Heiligendamm mit seinen restaurierten weissen Prachtbauten begann die deutsche Bäderkultur. Den Anstoss dafür gab die visionäre Idee eines Medizinprofessors aus dem benachbarten Rostock. «Warum hat Deutschland noch kein grosses, öffentliches Seebad?», fragte sich 1793 Samuel Gottlieb Vogel und dachte dabei an eine Innovation in England. Dort war im Zuge der industriellen Revolution und Verstädterung der Krankenstand unter den Ärmeren gestiegen, weswegen Ärzte, auf der Suche nach günstiger Abhilfe gegen Typhus, Rachitis und Rheuma, erfolgreich auf Sonne, See, und Trinkkuren etwa in Brighton gesetzt hatten. Der Aufenthalt am Meer sei von hohem gesundheitlichem Wert, schrieb nun Professor Vogel seinem Herzog in Schwerin. Der Adlige liess sich vom Nutzen eines solches Bades für seine Untertanen überzeugen, zumal er selbst bereits den Erholungswert des nahen Gewässers am eigenen Leib erfahren hatte: Sein Arzt hatte ihm Wassertreten im bioklimatisch günstigen Küstenabschnitt Heiligendamm empfohlen. Das fürstliche Waten in der Ostsee – damals war das Ganzkörperbad im Meer noch höchst ungewöhnlich – entpuppte sich späterhin als der Gründungsakt für die deutsche Seebäderkultur. Wenig später schob man die Badekarren nach englischem Vorbild auch andernorts ins Meer.

Lange Durststrecke

Zwischen 1793 und 1870 schufen die Baumeister in der unberührten Landschaft ein einzigartiges klassizistisches Gesamtkunstwerk: eine weisse Stadt am Meer mit Promenaden und Kolonnaden, mit Bade- und Logierhäusern, Cottages und Villen, die sich am Strand wie eine Perlenkette aneinanderreihten. Und mit einem Kurhaus, das die Würde eines antiken griechischen Tempels ausstrahlte. Der Küstenort zog eine exklusive Klientel, den lustwandelnden Hoch- und Geldadel, an. Rauschende Bälle, Kasinobesuche, Ballonflüge, eine Pferderennbahn, Tontaubenschiessen, Rasentennis und dergleichen sorgten für Abwechslung, Heiligendamm avancierte rasch zum Treffpunkt der europäischen Prominenz. Das erforderte Investitionen, doch sich summierende Reparaturen, häufige Besitzerwechsel, Konkurrenz durch andere Seebäder sowie Krieg und Inflation stürzten den Ort um 1900 in die Krise. Gerettet wurde das Juwel an der Ostsee dann durch einen Investor: 1923 pumpte der jüdische Baron Oskar von Rosenberg, ein Schweizer Bankier, Millionen von Goldmark in das angeschlagene Unternehmen mit einer Kapazität von 400 Zimmern. Es blühte wieder auf, versank aber schliesslich trotz guter Auslastung in den roten Zahlen. Die Konkursmasse wurde an die Reichsmarine veräussert. Sodann tankte die nationalsozialistische Führungsriege um Hitler, Göring, Goebbels und Mussolini an der Ostsee Kraft und Freude.

Zu DDR-Zeiten schliesslich war Heiligendamm das «Heilbad der Werktätigen». 1996 erwarb eine Kölner Investorengruppe das heruntergekommene Ensemble und der New Yorker Architekt Robert A. M. Stern wurde beauftragt, die Pläne für eine Umwandlung der denkmalgeschützten Anlage in ein Grandhotel zu entwerfen. Lange war das von der Hotelkette Kempinski betriebene Haus defizitär. Kürzlich teilte die Direktion Medienberichten zufolge jedoch mit, dass das Haus nun erstmals schwarze Zahlen schreibe. Unmittelbar nach dem medienwirksamen G8-Treffen der Staats- und Regierungschefs im vergangenen Jahr hätten die Buchungen deutlich zugenommen. Schon Ende 2007 sei es nach jahrelangen Verlusten in Millionenhöhe gelungen, die schwarze Null zu erreichen. Für 2008, das fünfte Jahr seit Inbetriebnahme des Luxushotels, sei mit einer Million Euro Gewinn zu rechnen - dies wird dem Werbeeffekt des Polit-Treffens zugeschrieben. Nun hoffen andere Orte Mecklenburg-Vorpommerns darauf, von dieser gehobenen Touristengruppe zu profitieren.

Bäder-Antisemitismus

Unter den Gästen nicht nur in Heiligendamm, sondern generell in den ostdeutschen Seebädern waren Juden, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, einst überrepräsentiert. Ostseeorte wie Heringsdorf waren bis 1933 zeitweise eine Hochburg jüdischer Touristen. Dies hing sowohl mit der Erreichbarkeit der Orte als auch mit dem sozialen Hintergrund und dem bürgerlichen Selbstverständnis der Gäste zusammen. Wohlhabende jüdische Freiberufler aus Berlin etwa konnten sich einen Aufenthalt am Meer leisten, schätzten naturnahe Erholungsorte mit städtischem Komfort – vergleichsweise reisefreudig war diese Gruppe ohnehin. Im Seebad wurde zudem nicht nur gekurt, sondern auch der eine oder andere Geschäftskontakt geknüpft und manch gute Partie gemacht. Nicht zuletzt war die gesellschaftliche Signalfunktion einer repräsentativen Bäderreise als Ausdruck des eigenen sozialen und finanziellen Status für das jüdische, sich seiner Identität vergewissernde Bürgertum mindestens ebenso attraktiv wie für die nicht jüdischen Gäste. Bereits im späten Kaiserreich aber kamen erste judenfeindliche Tendenzen auch in den Seebädern auf. Im letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg trat vielerorts ein Antisemitismus zutage, der Juden entweder als reiche, um soziale Anerkennung buhlende Parvenüs hinstellte, oder – mit Blick auf die Ostjuden – das Klischee des verwahrlosten Juden ohne Kultur und Manieren bemühte.

Im Gegensatz zu den etablierten, traditionsreichen Ferienorten mit internationalem Publikum – darunter Heiligendamm, Norderney mit seiner prominenten Synagoge und Westerland auf Sylt – gerierten sich insbesondere die später entstandenen Seebäder wie Zinnowitz und Borkum deutlicher antisemitisch, wollten sie sich doch im umkämpften Markt eine besondere Zielgruppe, das eher kleinbürgerliche Publikum, erschliessen, schreibt Frank Bajohr in seinem Buch «Unser Hotel ist judenfrei». Die zunehmend radikaler werdende Judenfeindlichkeit in den Jahren der Weimarer Republik hatte für den jüdischen Reisenden weitreichende Konsequenzen. Ausgeprägt waren antijüdische Ressentiments zwar auch in den Urlaubsorten Österreichs, wo man sich in der alpinen Sommerfrische rund um die Bergseen, in Bad Gastein, Aussee und Ischl, des erholsamen Wanderns erging, bis sich das Klima auch dort nationalistisch auflud. In Deutschland aber wehte ab 1933 sogar in den vormals mondänen und extravertierten Orten wie Heiligendamm sowie im berühmten Künstlerdorf der Intellektuellen – Hiddensee – nun ein völlig anderer Wind.

Seebad der Intelligenz

Die neue Zeit hatte rasch auch von dem kleinen Eiland in der Ostsee Besitz ergriffen. Die dänische Stummfilm-Diva Asta Nielsen, die auf Hiddensee ein Haus besass, berichtete: «Wir hatten 1933 und die Stimmung verwandelte sich. Die dunkelhaarigen, intellektuellen Künstlertypen wurden von kräftigen blonden Männern und breithüftigen Frauen mit Gretchenfrisur abgelöst. Die stampften grossspurig und laut über Felder und Wege und lachten schallend und herausfordernd. Kleine Jungen in braunen Hemden marschierten gruppenweise über die Insel, erhitzt und überanstrengt vom strammen Trampeln in der Sonnenglut.»

Kaum etwas hätte weiter von den Anfängen der Insel, die bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Landwirtschaft und Fischerei lebte, entfernt sein können. Albert Einstein, Käthe Kruse, Thomas Mann, Bertold Brecht, Lion Feuchtwanger, Franz Kafka, Carl Zuckmayer, Stefan Zweig, Joachim Ringelnatz, Sigmund Freud und Gerhard Hauptmann, der Hiddensee auf besondere Weise verbunden war, sowie eine Reihe unkonventioneller Malerinnen – zunächst suchten vor allem Künstler und Wissenschaftler, darunter viele jüdische, dort Erholung und Austausch unter Gleichgesinnten. Für die jüdischen Malerinnen Käthe Loewenthal, Clara Arnheim, Henni Lehmann, Julie Wolfthorn sowie die mit einem jüdischen Kunsthistoriker verheiratete Augusta von Zitzewitz, war Hiddensee ein zentraler Ort ihres Schaffens. Sie und andere machten die geruhsame Insel vor Rügen berühmt. In den Jahren der Weimarer Republik war Hiddensee, ganze 17 Kilometer lang und an manchen Stellen nur 125 Meter breit, einer der beliebtesten Ferienorte der Berliner Intelligenz. Romane haben das Eiland zum Schauplatz gemacht, sogar Stummfilme wurden in der malerischen Abgeschiedenheit gedreht. Hiddensee sei das «geistigste aller deutschen Seebäder», verkündete Gerhard Hauptmann im Jahre 1935. Was der Dramatiker dabei verschwieg: von den rund 500 bekannten Malern, Musikern, Schriftstellern, Bildhauern, Schauspielern, Architekten, Schauspielern und Wissenschaftlern, die diese geistig orientierte Atmosphäre bewirkt hatten, wurden nach 1933 etwa 150 vertrieben, ermordet oder begingen Selbstmord.

1933 wurde Hiddensee binnen kurzem politisch gleichgeschaltet, obwohl es dort zum Zeitpunkt der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler nur erst wenige Parteimitglieder gab, wie Manfred Faust in seiner regionalgeschichtlichen Studie «Das Capri von Pommern» schreibt. Nach dem Krieg folgte dem Individualtourismus der grossstädtischen Avantgarde der Massentourismus der KdF-Reisen und der DDR-Betriebsferienheime. In den Jahren nach der Wende 1989 und im Zuge des Tourismus-Booms in Mecklenburg-Vorpommern wurde Hiddensee als gesamtdeutsches Ostsee-Kleinod wiederentdeckt. Längst, so heisst es auf der kleinen Insel, wurden prominente Intellektuelle, darunter etwa der jüdische Grosskritiker Marcel Reich-Ranicki, Schriftsteller wie Christoph Hein und Christa Wolf sowie die Bundeskanzlerin Angela Merkel wiederholt sommers auf Hiddensee gesichtet. Im Gerhard-Hauptmann-Haus und in der einstigen, seiner eigenwilligen Form wegen «Karussell» genannten Bauhaus-Villa von Asta Nielsen kann man auf den Spuren der Literaten und Künstler wandeln, die Hiddensee berühmt gemacht haben. Auch Malergruppen ziehen wieder durch die autofreien Dorfstrassen oder sitzen am Hafen unter schattenspendenden weissen Schirmen. Nicht viel anders als vor 100 Jahren. Manche Hobbymaler waren mit ihrer Staffelei bereits in anderen Künstlerdörfern wie Worpswede oder in der Toskana, erzählt eine Frau. «Aber an Hiddensee kommt man nicht vorbei.» Vielleicht ist Hiddensee insgeheim längst dabei, seinen einstigen, hervorragenden Ruf als geistigstes aller deutschen Seebäder und als Geheimtipp für die Künstleravantgarde an der Ostsee zurückzuerobern. Für Gipfeltreffen der anderen Art.