Jüdische Museen und Identität
Am Umgang mit diesen Objekten der Erinnerung lassen sich, wie bei einem Lackmus-Test, die unterschiedlichen Erwartungen ablesen, die an die jüdische Existenz in einer deutschen Umwelt gestellt werden. Wird sie jemals selbstverständlich werden? Werden die Zeremonialobjekte wieder ihren eigentlichen Sinn erfüllen? Oder werden sie weiterhin als musealisierte Zeugnisse einer untergegangenen Kultur betrachtet? Wie sehr die jüdische Geschichte in Deutschland wieder in Bewegung geraten ist, zeigen die Neugründungen jüdischer Gemeinden in vielen Regionen des Landes, die immerhin zu einem Anwachsen der registrierten jüdischen Bevölkerung auf nunmehr 75 000 geführt haben. Orte wie Weiden, Lübeck oder Oldenburg, an denen jüdisches Leben beinahe zum Erliegen gekommen war, erhalten unter dem Zuzug russischer Zuwanderer wieder ein Rabbinat und Gebetshaus. Jahrzehntelang nahezu verwaiste, als historische Sehenswürdigkeit oder Gedenkstätte genutzte Synagogen werden wieder in Betrieb genommen.
Was, wenn die ersten russisch-jüdischen Kontingentflüchtlinge nach Ichenhausen umziehen? Wird die «ehemalige» Synagoge - heute Stätte der Schau «Juden auf dem Lande» und beliebter Saal für Konzerte und Veranstaltungen - dann wieder als Synagoge genutzt werden? Auch ohne sich dieses für die Kommunalpolitiker unangenehme Szenario einer Wiederaneignung der jüdischen Orte durch die jüdischen Menschen auszumalen, liegt es auf der Hand, dass dieses Anwachsen der jüdischen Bevölkerung seine Auswirkung auch auf die jüdische Museenlandschaft haben wird. Museen stehen im Brennpunkt dieser von mehreren Seiten angeführten Begehrlichkeiten. Sie werden zur Bühne, mitunter sogar zum Schlachtfeld, auf dem sich die Vertreter der verschiedenen Interessengruppen begegnen. Da ist zunächst einmal die Frage der Nutzung. Neben der Gruppe jüdischer Touristen fallen neuerdings die Gruppen russischer Zuwanderer auf. Als Leiterin des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg führte ich die Teilnehmer von Deutschkursen durch das Museum und erlebte, wie gross das Interesse an jüdischem Brauchtum ist. Mit dem Besuch des Jüdischen Museums stellen die Zuwanderer ihren Kontakt zur neuen Gemeinde her.
Vielfältige Erwartung
Die Fragen und Kommentare der Museumsbesucher zeigen, wie die jüdische Geschichte rezipiert wird - ein Bündel von Fehlstellungen und Verzerrungen mit eingeschlossen. Von nichtjüdischen Besuchern wird der Museumsbesuch als eine Möglichkeit der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit genutzt, denn hier können sie erstmals ihre Befangenheit «den Juden» und der Schoa gegenüber artikulieren. Gerade weil die im Museum präsentierte jüdische Geschichte die jüdische Kultur vor der Schoa mit einbezieht, werden Akzente verlagert und ein neuer Umgang mit Juden und Judentum erprobt.
Die Erwartungen, die an das Jüdische Museum gestellt werden, überraschen zuweilen. Im Zeitalter der multimedialen Auseinandersetzung mit dem Judentum reicht der Forderungskatalog von der Suche nach koscheren Backrezepten bis zu Bastelanleitungen für Gebetsriemen, vom Anspruch, eine Video-Show zu jüdischem Brauchtum geboten zu bekommen, bis hin zur Hör-Bar mit Tondokumenten lokaler Nazigrössen oder Mitschnitten neuerer Klezmerkonzerte.
Betrachtet man die Geschichte des jüdischen Sammlungswesens, so wird erkennbar, dass bereits in früheren Zeiten die Objekte der Erinnerung eingesetzt wurden, um jüdische Existenz zu bestätigen. Bereits um die Jahrhundertwende entzündeten sich die Geister an der Frage «Gibt es überhaupt eine jüdische Kunst?» und, wenn ja, «Worin liegt ihre Bedeutung und Aufgabe?» und «Wer ist berechtigt, diese jüdische Kunst zu vermitteln?». Strittig war der Anspruch allemal, dass jüdische Kultobjekte als Bestandteile jüdischer Identität betrachtet, zum unverzichtbaren und einklagbaren Kulturgut werden sollten, dessen Verwaltung und Auswertung den Vertretern der jüdischen Gemeinschaft vorbehalten bleiben soll. Ebenso laut wie die nationalbewussten Stimmen waren jene ihrer Kritiker, in deren Augen die Versuche, Kunstwerke zu ethnisch-religiösen Kulturgütern zu machen, deren hauptsächliches Qualifikationsmerkmal der eher zufällige Umstand der Geburt war, Zeichen trüben Provinzialismus waren.
Dabei kommt die gegenseitige Wechselbeziehung zwischen jüdischem Kultgerät und jüdischem Selbstverständnis auch in der Sammlungsgeschichte zum Ausdruck. Die dokumentierte Geschichte synagogal-ritueller Sammlungen in Europa reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück, als der Braunschweiger Hofjude Alexander David eine Privatsammlung jüdischer Kultobjekte anlegte und diese später der jüdischen Gemeinde der Stadt hinterliess. Der wichtigste Sammler im 19. Jahrhundert war Isaac Strauss, ein Kapellmeister Napoleons III. Ein Teil seiner 149 Objekte umfassenden Sammlung wurde mit 82 Exponaten bei der Weltausstellung 1878 im Trocadéro in Paris gezeigt. Zwölf Jahre später erwarb Baronin Charlotte, Ehefrau von Nathaniel de Rothschild, die Strauss-Sammlung und übergab sie dem Musée de Cluny in Paris. Durch die Judaica-Ausstellung der Royal Albert Hall in London im Jahr 1887 stieg das Ansehen der Judaica als Sammlerobjekte, und die Einrichtung von Spezialmuseen wurde gefordert. Frankfurt wagte im Jahr 1897 mit der Gründung des Jüdischen Museums den Anfang. Die Museen von Wien (1895), Hamburg (1898), Prag (1906), Warschau (1910), Mainz (1926), Breslau (1929), Berlin (1933) folgten.
Sammeln als Ersatz
Nach 1945 förderte ein Komitee der Jewish Cultural Reconstruction in Deutschland nicht mehr als 7000 Objekte mit jüdischem Bezug und aus ehemals jüdischem Besitz zu Tage. Bis auf 40 Gegenstände wurden alle auf Museen in den USA und - nach 1948 - Israel verteilt. Angesichts des Mangels an jüdischem Kultgerät, der hohen Judaica-Preise im Antiquitätenhandel und der seltenen Funde - als spektakulärster kann wohl der Geniza-Fund von Würzburg gelten - nimmt die Anzahl von jüdischen Museen, die in den letzten Jahrzehnten oft um wenige Exponate herum eingerichtet wurden, wunder. Allein im süddeutschen Raum sind neben den bereits erwähnten jüdische Museen oder Dokumentationsstätten in Würzburg (1987), München (1989), Schnaittach (1995), Fürth (1999), Aschaffenburg (1984), Urspringen (1991), Veitshöchheim (1994), Ermreuth (1994) eröffnet worden. In Planung befinden sich Ansbach, Buttenheim, der Heimatort von Levi Strauss, Georgensgmünd, Kronach, Höchberg, Sulzbach-Rosenberg. Dazu gezählt werden müssen die jüdischen Abteilungen in den Heimatmuseen von Gunzenhausen, Tüchersfeld, Regensburg und Rothenburg o. d. Tauber.
Dass im 19. Jahrhundert überhaupt Sammlungen von jüdischem Kultgerät und Alltagsgegenständen als gleichwertig neben den prestigeträchtigen Sammlungen alter Meister und Historienmaler galten, ist der Aufklärung (Haskala) und der Wissenschaft vom Judentum zu verdanken. Judaica-Sammeln wurde um die Jahrhundertwende zu einer Passion gerade in säkularen jüdischen Kreisen. Dies lässt auf eine Ersatzhandlung schliessen. Nun war auch der Umgang mit den jüdischen Kult- und Ritualgegenständen selbst Bestandteil der Traditionspflege geworden. Wissenschaftlich begründetes Forschen verdrängte die Unmittelbarkeit des praktizierten Judentums. Die aus Traditionstreue - und ohne den Umweg über rationale Begründungen zu nehmen - jüdische Frömmigkeit trat im Umfeld der jüdischen Bourgeoisie und Oberschicht vielfach in den Hintergrund oder wurde weniger strikt befolgt. Dabei sorgte das nun auch öffentlich mit steigendem Ansehen verbundene Sammeln von jüdischem Kultgerät für eine praktikable Alternative; das säkular werdende Leben liess diese neue Form der Traditionspflege zu. Auch getaufte Juden konnten sich auf diesem Wege weiterhin mit jüdischen Traditionen auseinander setzen, ohne sich den Vorwurf der Abtrünnigkeit vom neuen Glauben einzuhandeln.
Auftrag der Toten
Es liegt auf der Hand, dass ein in dieser Weise mit Vernunftsgründen einhergehender, durch Sammelleidenschaft motivierter Umgang mit Kultobjekten in orthodoxen Kreisen auf wenig Gegenliebe stiess. Im Gegenteil: Die Nutzung, ja Zweckentfremdung wertvoller Zeremonialobjekte als Exponate in öffentlichen Ausstellungen und Museen mag in dieser Umgebung durchaus blasphemisch gewirkt haben. Diese Bewältigungsstrategie «Sammeln anstelle von praktiziertem orthodoxem Judentum» kann auch unter zeitgenössischen Judaica-Sammlern beobachtet werden. Doch hier ist es gerade nicht das Bestreben, sich statt des jüdischen ein weltliches, dem Bildungsbürgertum angepasstes Image zuzulegen, sondern im Gegenteil der Wunsch, durch das Sammeln wieder Nähe zur eigenen Familienvergangenheit zu knüpfen und die Erinnerung an die untergegangene jüdische Kultur lebendig zu erhalten. Auch das Motiv «Retten, was noch zu retten ist», «Zusammenfügen, was in alle Welt verstreut ist», «das verlorene Erbe, hier die Ritual- und Kultgegenstände der ermordeten Brüder und Schwestern wieder zu finden» fällt ins Gewicht, wenn Überlebende und Angehörige der zweiten Generation Judaica sammeln. Oft geschieht dies auch im Bewusstsein, in Deutschland zwar kein genuin jüdisches Leben führen zu können, sich jedoch wenigstens noch des Echos jüdischen Lebens bewusst zu bleiben, indem man sich mit einschlägigen Ritualgegenständen umgibt. Bei dieser Gruppe von Judaica-Sammlern fällt ein hohes, an orthodoxer Lebensführung und Jüdischkeit orientiertes Anspruchsniveau auf. Die Erwartungen an die Qualität jüdischen Lebens sind hier hoch, und gleichzeitig ist man sich bewusst, diese selbst nie erfüllen zu können. Sammeln kann in vielerlei Hinsicht zum Bestandteil der jüdischen Identität werden. Trotz diverser Einschränkungen erweist sich die hier zum Ausdruck kommende Einstellung, «im Auftrag der Toten die jüdischen Dinge zu sammeln und anderen - Juden wie Nichtjuden, Täterkindern wie Opferkindern und Kindeskindern - zu zeigen» als durchaus positiver Entwurf jüdischer Identität im Deutschland nach der Schoa, zumal das so zusammengeführte jüdische Kultgerät ja in die Zukunft hinein ausstrahlt, wenn es, als Leihgabe ausgestellt, auch der jüngeren Generation traditionellen Lebenszusammenhang veranschaulicht.
Judaica und Antisemitismus
Zu wichtigen Judaica-Sammlern gehört allerdings auch eine Gruppe, deren Absichten wohl kaum als lauter bezeichnet werden können: passionierte Antisemiten. Eines der Phänomene der Verfolgungsgeschichte ist, dass viele Nazigrössen zugleich ausgezeichnete Kenner des Judentums und Sammler (richtiger wäre Raubbeuter im Dienst der Arisierung) jüdischer Zeremonialobjekte waren. Eine ähnliche Motivkonstellation findet sich übrigens bei jenen zeitgenössischen Museumsbesuchern wieder, deren auffälliges Interesse am Judentum vorwiegend dem Bedürfnis zu entspringen scheint, die eigenen negativen und antisemitischen Stereotypen und Abwehrstrategien zu bestätigen. Die hier zum Ausdruck kommende Distanzlosigkeit und Einverleibung der jüdischen Kultur entspringt meist einer falsch verstandenen Auseinandersetzung und gescheiterten Bewältigung der deutschen Vergangenheit. Zu den Versuchen der «feindseligen Übernahme», also der Aneignung und Vereinnahmung als Folge unlauterer Motive, gehört auch das gerade in kleineren Städten ohne eine funktionierende, ihren Platz behauptende jüdische Gemeinde beobachtete Phänomen, dass örtliche Veranstalter in Konkurrenz mit dem Jüdischen Museum treten und oft sogar von Seiten eines Mitglieds des Museumsbeirats die Arbeit der Leitung des Jüdischen Museums sabotiert wird, da eigene Projektinteressen verfolgt werden. An die Stelle einer Zusammenarbeit tritt Rivalität. Die jüdischen Vertreter werden allenfalls als Stichwortgeber eingesetzt bei der in Eigenregie abgewickelten Inszenierung jüdischer Kultur. Da mittels der Rituale des Trauerns und Gedenkens stets ein Konsens hergestellt werden kann, wird eine Auseinandersetzung über die verschiedenen Interessenkonstellationen verhindert, die Dialogbereitschaft erlischt. Im kollektiven Erinnern wird der Kampf um die Erhaltung der bestehenden Machtstrukturen mit anderen Mitteln fortgesetzt. Der somit unangreifbar gewordene Vertreter des Tätervolkes trauert nicht mehr über den Verlust, sondern versucht die vernichtete Kultur durch Re-Inszenierung wieder zu beleben. Doch damit schneidet er den jüdischen Vertretern die Luft zum Atmen ab. Eine in mancher Hinsicht tödliche Umarmung.
Dieser Kult der Re-Inszenierung, der hier als Kult bezeichnet wird, weil er ein Gedenken unter Zugrundelegung inszenierter und damit nicht authentischer Gefühle ist, verhindert, was ursprünglich mit dem Bau des Mahnmahls oder der Gründung des Jüdischen Museums beabsichtigt worden war: die Erinnerung an die Ermordeten und deren Kultur wach zu halten, eine Wiederholung zu verhindern. Doch im Umfeld des organisierten Gedenkens werden oft noch nicht einmal die einfachsten demokratischen Regeln beachtet. Auch die Organisationsstrukturen können dazu führen, dass gute Absichten immer wieder zum Scheitern gebracht werden. Besonders krass fällt dies am Beispiel des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg auf: So besteht gemäss der Satzung der Stiftung Jüdisches Kulturmuseum Augsburg und deren Handhabung durch den Stiftungsrat keine Verpflichtung, den Museumsleiter oder die Museumsleiterin hin und wieder zu den Stiftungsratssitzungen einzuladen, um dort die Projekte und das Programm vorzustellen und Informationen zu erhalten, beispielsweise über die Höhe des Haushalts und die weiteren Pläne des Stiftungsrates. Das Desinteresse des Rates an der Arbeit seiner Museumsleitung ist dabei so gründlich, dass überraschenderweise noch nicht einmal auf wichtige schriftliche Anfragen (Brief- und Faxverkehr sind in diesem Umfeld die einzige Kommunikationsform, die nicht verhindert werden kann), Jahresberichte und Abrechnungen reagiert, geschweige denn geantwortet wird. Dieses seit 1985 so geduldete System hat immerhin zu einer bemerkenswerten Fluktuation der Museumsleiter geführt, was den Stiftungsratsmitgliedern so unsympathisch nicht zu sein scheint, ermöglicht sie doch, dass die Stiftung «in den Interimsphasen wieder Kapital bilden kann, wenn das Gehalt für die Leitung angespart werden kann». Von den ehemaligen Leitern und Leiterinnen dieses Museums, deren Zahl übrigens unter Einschluss der Verfasserin dieser Zeilen im Wachsen begriffen ist, könnte zwischenzeitlich ein nachträgliches Qualifikationsprofil erstellt werden: wer unter welcher Blockade-Stufe wie lange und vor allem wie noch als Leiter des Museums überlebt hat.
Bereits in der Organisation des Museums kommt hier eine nahezu sadistisch anmutende Destruktivität zum Ausdruck, durch die eine erfolgreiche Leitung des Museums von Anfang an verhindert wird. Der systematisch demontierten Arbeitsleistung entspricht mangelnder Respekt für die Person des jeweiligen Leiters, der aus alter Gewohnheit nach Ablauf der oben beschriebenen Interimsphase wieder ausgetauscht wird gegen einen, der anders, besser, jünger und vielleicht sogar billiger ist. Die hier zum Tragen kommenden Entscheidungsprozesse setzen die inhaltlich ausagierte Konkurrenzsituation zwischen Museum und einzelnen Stiftungsratsmitgliedern fort, die als verdiente Experten jüdischer Kultur in der Stadt und im Landkreis ebenfalls ein reichhaltiges «jüdisches» Kulturprogramm anbieten, oft ohne dass sie dieses wenigstens terminmässig mit dem Museumsleiter der eigenen Stiftung abstimmen. Dass eine solche Institution sogar in Augsburg inzwischen ihren guten Ruf eingebüsst hat, wird klaglos und mit überraschender Dickfelligkeit hingenommen. Man darf spekulieren, ob sich hier nicht vielleicht doch ein im Schlepptau des Gutmenschentums transportiertes antisemitisches Potential, diesmal paradoxerweise von einem «jüdischen» Museum gefördert, zu Wort meldet. Die Frage, wem ein jüdisches Museum eigentlich dient, lässt sich nunmehr beantworten: Dem Mitglied des Beirats mag es Gelegenheit bieten, Informationen zu erhalten und eigene Projekte besser realisieren zu können, dem Kommunalpolitiker kann es nützlich dabei sein, das eigene Geschichtsbild zu trans