Jüdische Medaillenträume

July 18, 2008
Werden die Olympischen Spiele von Peking 2008 die erfolgreichsten aller Zeiten für die jüdischen Sportlerinnen und Sportler werden? Es gilt den Rekord von Athen 2004 zu brechen, als 22 Mal Edelmetall gewon
<strong>Das olympische Feuer </strong>Im Jahr 2008 stehen die Chancen bei den Olympischen Spielen gut f&uuml;r die j&uuml;dischen Sportlerinnen und Sportler

Von Joel Wüthrich

Die Olympischen Sommerspiele 2004 in Athen waren, aus jüdischer Sicht, die bisher erfolgreichsten aller Zeiten: 16 Athletinnen und Athleten gewannen für 22 Medaillen. Sprint-Schwimmer Jason Lezak mit drei und die Schwimmlegende Dara Torres mit fünf Einzelmedaillen waren vor vier Jahren die grossen Helden aus jüdischer Sicht. Und unvergessen bleibt natürlich auch der erste Golmedaillentriumph Israels durch den Segler Gal Friedman.

Favoriten und Goldchancen

Von den 16 jüdischen Medaillengewinnerinnen und -gewinnern werden im August in Peking 13 wieder dabei sein. Und jeder Einzelne hat erneut aufgrund seiner Leistungen in diesem Jahr eine Medaillenchance. Einige sind sogar Favoriten wie Jason Lezak, der in den US-Trials zur Olympiaqualifikation in seinen Disziplinen dominierte. Aber auch die 41-jährige Schwimmlegende Dara Torres, es sind ihre fünften Olympischen Spiele, will es noch einmal wissen. Im engen Favoritenkreis befinden sich in Peking weitere jüdische Sportlerinnen und Sportler: Sada Jacobson (USA, Fechten, Bronze 2004) wurde soeben Weltmeisterin in der Säbel-Disziplin und gilt als Topgesetzt bei Olympia. Auch die Marathonläuferin Deena Kastor (Bronzemedaille 2004) wird zum erweiterten Kreis der Mitfavoritinnen in ihrer Disziplin gezählt, während die deutsche Schwimmerin Sarah Poewe (Bronze 2004) sogar Gold-Chancen eingeräumt werden. Auch Arik Zeevi, der israelische Judoka, der 2004 in Athen Bronze gewann, rechnet mit einer Chance auf Edelmetall in der Kategorie bis 100 Kilogramm.

Eine Beachvolley-Legende

Ebenfalls stark «medaillengefährdet» sind weitere Edelmetallgewinnerinnen und -gewinner von 2004 wie die Brasilianische Beachvolleyball-Spielerin Adriana Behar (schon zweimal Medaillengewinnerin an Olympischen Spielen) und der Dressurreiter Robert Dover. Nur Aussenseiterchancen hat indes der Tennisprofi Nicolas Massu, der 2004 sensationell Gold für Chile gewann und im südamerikanischen Land eine regelrechte Hysterie auslöste. Es war, wie für Israel, damals die erste Goldmedaille für Chile an Olympischen Spielen überhaupt. Und er doppelte gleich nochmals nach in der Doppelkonkurrenz. Der «Held von 2004» ist jedoch in der Tenniskonkurrenz dieses Jahr erneut Aussenseiter. Ob er den gleichen Coup wie in Athen erneut vollziehen kann, ist zu bezweifeln. Aber der Chilene ist ein grosser Kämpfer, und man sollte ihn nie unterschätzen. Auch Scott Goldblatt (Goldmedaillengewinner 2004 mit der US-Staffel im 4 x 100 Meter Freestyle) kann sich Chancen ausrechnen. Jedoch gehört er nicht zu den Mitfavoriten wie sein Teamkollege Jason Lezak.

Von den 16 Athletinnen und Athleten, die 2004 satte 22 Medaillen einheimsten, werden nur drei in diesem Jahr nicht mehr dabei sein: Gal Friedman (Israel, Segeln, Gold 2004) konnte sich nicht erneut qualifizieren, zwei weitere grosse Sportlerlegenden traten zurück: Sergei Sharikov (Fechterlegende aus Russland, vierfacher Medaillengewinner an Olympischen Spielen) und der Schwimmer Lenny Krayzelburg, der zwölf Jahre die Disziplin Rückenschwimmen weltweit dominierte.

Geheimtipps und Stars

Von den jüdischen Medaillenanwärtern, die 2004 kein Edelmetall gewannen, sollte besonders der Radrennsportprofi Levi Leipheimer beachtet werden. Er gilt als einer der Geheimfavoriten für die Strassenkonkurrenz und wird der Kapitän des US-Radsportteams in Peking 2008 sein. Zu beachten wird auch das USA-Baseball-Team sein, das auf Rache für die Schmach von 2004 sinnt. In dieser Sportart siegte damals ausgerechnet Kuba vor Australien (mit Gavin Fingleson als jüdisches Mitglied der Australier). Die USA wurden von Mexiko in der Vorrunde ausgeschaltet. Im US-Baseball-Team sind mit Ryan Lipkin und Stephen Strasburg zwei jüdische Stars mit am Start. Jüdische Stars im Baseball haben Tradition. Nicht dabei sind indessen die grossen Major-League-Baseball-Superstars Scott Schoeneweis, Kevin Youkilis, John Grabow, Gabe Kapler, Gene Green, Andrew Lorraine, Al Levine oder Bill Ford.

Erstmals seit vielen Jahrzehnten könnten an den Olympischen Spielen weder in dieser Disziplin am Frauen- noch am Herren-Turnier jüdische Spieler im Einsatz sein. Zuletzt gab es immer wieder, speziell in den US-Teams und vor allem in Argentiniens Auswahl, viele jüdische Fussballstars, die auch Medaillenträume verwirklichen konnten. 2008 werden diesmal wohl keine jüdischen Fussballerinnen und Fussballer Edelmetall um den Hals tragen können. Jedoch sind bei einigen Mannschaften noch einige Nominationen offen. So könnte der eine oder andere nachrücken. Beste Aussichten hätte da der Birmingham-Profi Daniël de Ridder im Team Holland. Bei ihm kann man sich berechtigte Hoffnungen machen, und er hätte in dieser Mannschaft auch gute Medaillenchancen. In Argentiniens Olympiamannschaft sind keine der fast zwei Dutzend jüdischen Fussballprofis berücksichtigt, weil fast alle als Schlüsselspieler von ihren arbeitgebenden Clubs, welche in der Saisonvorbereitung sind, keine Freigabe erhielten. Auch ist diesmal wohl keine der vielen jüdischen US-Fussballerinnen in Peking am Start.

Israels Team mit wenig Hoffnungen

Weiter gilt es aus israelischer Sicht diesmal zu beklagen, dass im 39-er Kader keine allzu grossen Medaillenhoffnungen geweckt werden können. Schade auch, dass der Olympiaheld von 2004, Gal Friedman, nicht mehr am Start ist. Einzig Arik Zeevi, der Judoka (Kategorie bis 100 kg), der 2004 in Athen Bronze gewann, kann sich im engeren Favoritenkreis wähnen. Andere, wie die Mitgliederinnen und Mitglieder des Segelteams, könnten für eine positive Überraschung sorgen. Auch gewisse Chancen werden dem Tennisteam eingeräumt: Das Männer-Doppel Jonathan Erlich und Andy Ram gilt als eines der besten in der Welt, aber gehört «nur» in den erweiterten Favoritenkreis. Auch Tennisspielerin Shahar Peer wäre für eine Sensation gut, sollte alles optimal laufen. Das gleiche gilt für den Frauen-Doppel-Wettbewerb (Peer/Tzipora Obziler). Eine kleine Chance hat auch Ex-Weltmeister Alexander Averbukh (Stabhochsprung). Der erfahrene WM- und Olympiateilnehmer war zwar 2008 selten im Einsatz und ist nicht in Topform, aber speziell im Stabhochsprung ist die Tagesform entscheidend. Averbukh, oft als Favorit gescheitert, aber auch schon Weltmeister geworden (München 2002), hat das Rüstzeug und die Erfahrung, an einem guten Tag seine Chance zu nutzen. Als Fahnenträger für Israel wurde übrigens der Kanute Michael Kolganov erkoren (Bronzemedaillensieger 2000 in Sydney über 1500 Meter Sprintdistanz).

US-Basketball-Heldin für Russland

Ganz interessant ist die Geschichte der Basketballerin Becky Hammon. Sie ist US-Amerikanerin mit einer glorreichen WNBA-Vergangenheit (US-Frauen-Basketball-Profiliga). Sie wurde gar von der Fachpresse als zweitbeste Profispielerin gewählt. Nach vielen Jahren in Russland bekam sie die zweite Staatsbürgerschaft und ist nun halb US-Amerikanerin und halb Russin. Nachdem sie überraschend nicht im Aufgebot des US-Teams für Peking 2008 stand, entschied sie sich, ihren Olympiatraum auf eine ziemlich unorthodoxe Art zu verwirklichen: Sie wird für Russland spielen. Dies löste ein grosses Echo in den USA aus. Hammon beruhigte die Basketballfans: «Ich bin und bleibe eine Amerikanerin. Aber ich wurde bei der Olympiaselektion übergangen und wollte unbedingt mit meinen 31 Jahren noch einmal diesen Karrierehöhepunkt erleben. Die Russen ermöglichen es mir.»

Fazit: Mindestens 16 jüdische Sportlerinnen und Sportler gehören im August in Peking zu den Top-Geheimtipps oder gar in den engsten Favoritenkreis für Medaillengewinne. Noch ein weiteres halbes Dutzend hätte die Qualität, sich überraschend Edelmetall zu erkämpfen. Ob der Rekord von Athen 2004 mit 22 Medaillen gebrochen werden kann, wird sich weisen. Die Chancen stehen aber gut.